Alexander Paynes Geschichte vom verschütteten Leben oder: das nicht ganz so große Los
Road Trips, bei denen die Figuren zu sich selbst finden, nehmen in den meisten Filmen Alexander Paynes eine zentrale Rolle ein – zu erwähnen etwa About Schmidt (2002), Sideways (2004) oder The Descendants (2011). Auch in Nebraska, der mit den Vorgängern zudem den tragikomischen Tonfall teilt, ist dies nicht anders. Alles beginnt damit, dass Woody Grant (Bruce Dern), ein geistig relativ wirrer Alkoholiker Ende Siebzig, auf einer Autobahn in Montana von einem Polizisten aufgegriffen wird. Woody ist zu Fuß unterwegs und will sich in Lincoln, Nebraska eine Million Dollar abholen, die er gewonnen zu haben glaubt. Auch vom Einwand seines Sohns David (Will Forte), dass der vermeintliche Gewinn nur ein Trick sei, um Zeitschriften-Abos zu verkaufen, lässt er sich nicht vom Glauben ans große Los abbringen. Also fährt man zu zweit in Richtung Nebraska los – einerseits um Zeit miteinander zu verbringen, andererseits um Woodys Heimatstadt Hawthorne einen Besuch abzustatten. David ist zudem nicht unfroh darüber, eine Weile von seinem unspektakulären Job als Elektrowarenverkäufer loszukommen und sich von seinem Beziehungsende abzulenken. Unterwegs gilt es, Woodys Trinkeskapaden auszuhalten (verlorenes Gebiss inklusive), und sich mit der geldgierigen Verwandtschaft auseinanderzusetzen, die felsenfest davon überzeugt ist, dass Woody tatsächlich reich geworden ist. Zudem lernt David die Geschichte seines Vaters kennen, die sich als Tragik eines Mannes herausstellt, der in seiner Gutgläubigkeit stets von anderen ausgenutzt wurde.
Nebraska mag eine Spur zu weichgespült sein und manchmal der simplen Pointe den Vorzug geben, allerdings in geringerem Ausmaß als Paynes frühere Werke. Die Schwarzweißaufnahmen vermitteln das Bild eines tristen Amerika, in dem Arbeiterklasse und Infrastruktur (Hawthorne wirkt in manchen Einstellungen wie eine Geisterstadt) schon bessere Zeiten gesehen haben. Als Woodys heruntergekommenes Geburtshaus ins Bild gerückt wird (eine Hommage an Wenders’ Im Lauf der Zeit?) kann man die Tragik der Figur mit Händen greifen.
Der große Trumpf sind die Akteure: Der bisher auf Komödien spezialisierte Will Forte überzeugt mit ernsthafteren Tönen, und Stacy Keach ist in einer Nebenrolle als Jugendfreund Woodys herrlich fies. New-Hollywood-Ikone Bruce Dern ist ein großartiger Woody (nach einer Goldenen Palme in Cannes und diversen Kritikerpreisen wurde Dern auch für einen Oscar nominiert), der die richtige Tonlage zwischen Tragik und Komik trifft. Dass Woody am Schluss einen kleinen Triumph feiert, gönnt man dem alten Mann.
