Michael Niavarani im Gespräch anlässlich der Agentenfilm-Parodie „Die Mamba“.
In seinem neuen Film Die Mamba, ebenso wie Salami Aleikum (2009) vom iranisch-deutschen Regisseur Ali Samadi Ahadi inszeniert, ist Michael Niavarani in einer Doppelrolle zu sehen. Zum einen ist er der internationale Top-Terrorist „Die Mamba“, zum anderen der harmlose Pantoffelheld Hossein Sarivi, der als Sounddesigner in einer Wiener Keksfabrik arbeitet. Als der Film beginnt, wird er von seiner Chefin (die bayrische Kabarettistin Monika Gruber) entlassen, was er vor seiner Frau Pira (Proschat Madani) zu verheimlichen versucht. Der Terrorist hingegen hat gerade einen US-Armeestützpunkt verwüstet. Sein Gegenspieler ist der verbissene CIA-Agent Carl Bronski (Christoph Maria Herbst), der ihm seit Jahren (vergeblich) auf der Spur ist.
Bei einem Meeting, das „Mamba“ mit seiner russischen Auftraggeberin hat, kommt es zu einer folgenschweren Verwechslung: Sarivi wird plötzlich für die „Mamba“ gehalten und, ehe man sichs versieht, zur Vorbereitung eines spektakulären Anschlags nach Casablanca geschickt. Noch dazu wird ihm die schöne Jung-Terroristin Sherazade (Melika Foroutan) zugeteilt, die unsterblich, wenn auch bisher nur aus der Ferne, in „Mamba“ verliebt ist. Das Chaos kann seinen Lauf nehmen … Große erzählerische und inszenatorische Finessen darf man sich nicht erwarten, aber dank des Vollblut-Komödianten Niavarani, der sich auch als Action-Held (mit Stimmproblemen) gut macht, dank des flotten Tempos und einiger wirklich gelungener Gags ist das ein ehrenwerter, in etwa auf Johnny-English-Ebene angesiedelter Versuch, das ein wenig in die Jahre gekommene Agenten-Genre auf die Schaufel zu nehmen.
Michael Niavrani wurde 1968 als Sohn einer Österreicherin und eines Persers in Wien geboren, ging mit 16 von der Schule ab und zum Theater, wurde mit 23 Jahren künstlerischer Leiter des Kabarett Simpl, ist Theaterautor, -regisseur, -schauspieler und -intendant, TV-Serien-Star (Dolce Vita) und TV-Quiz-Teilnehmer (Was gibt es Neues?), Filmschauspieler (Salami Aleikum), erfolgreicher Buchautor („Vater Morgana“, „Der frühe Wurm hat einen Vogel“) und – last not least – Kabarettautor und Kabarettist, solo, im Duo und im Ensemble. Laut der TV-Chart-Show „Österreich wählt“ ist „Nia“ der „lustigste“, laut einer rezenten Umfrage sogar der „beliebteste Österreicher“. Darüber, wie es dazu kam, was er davon hält, ob er die Stunts im Film tatsächlich selbst gemacht hat, was Georg Christoph Lichtenberg zum Thema Humor zu sagen hat, und über noch viel mehr spricht der ungemein freundliche und entspannte Michael Niavarani im folgenden Interview.
Wenn Sie einen Film machen, fehlt Ihnen da nicht der Kontakt zum Publikum? Sie sind doch ein richtiges „Bühnentier“, wie jeder weiß, der Ihre Kabarett- und Theaterauftritte kennt.
Für mich sind das zwei komplett unterschiedliche Berufe. Wenn ich auf der Bühne stehe, habe ich einen Spannungsbogen von 20 bis 23 Uhr, da ist die Konzentration auf drei Stunden verdichtet. Am Set, durch die Umbaupausen oder wenn eine neue Szene eingeleuchtet wird, ist man gezwungen, seine Konzentration auf sehr kleine Einheiten zu richten. Das ist für mich viel anstrengender, als eine Vorstellung zu spielen. Aber es hat alles Vor- und Nachteile. Wenn ich beim Film oder bei einer Fernsehserie eine Szene gespielt habe, dann war es das, dann weiß ich, die brauche ich nie wieder zu spielen. Im Theater muss ich am nächsten Tag wieder das Gleiche spielen.
Dafür können Sie sie beim Film so lange spielen, bis sie sitzt. Am Theater spielen Sie live und können nicht nachbessern.
Ja, aber da habe ich sechs Wochen Probezeit.
Fehler kommen ja am Theater eher selten vor, jedenfalls bei Ihnen, hat man den Eindruck.
Doch, das gibt es. Man verhaut es vielleicht nicht so, wie man es beim Film verhauen kann, eben weil man ja lange geprobt hat. Aber man ärgert sich schon manchmal, weil man eine Nuance nicht getroffen hat, oder weil man eine Minute lang danebengestanden ist und einen Fehler gemacht hat.
Haben Sie bei der Mamba auch textlich etwas eingebracht, wurde da auch improvisiert?
Ja, bei den Leseproben oder auch beim Drehen selbst habe ich schon das eine oder andere eingebracht. Das ist ja am Theater nicht anders. Es kommt nicht genau auf den Wortlaut an, auf das einzelne Wort, außer wenn es um eine wichtige Information geht oder um eine Pointe. Die Stimmung muss passen, die Situation, in der der Mensch auf der Bühne sich befindet. Ich fordere auch als Regisseur die Schauspieler auf, sich den Text „mundgerecht“ zu machen, ihn so zu sprechen, dass er für sie passt.
Sie spielen in Die Mamba zwei Figuren. Haben Sie bemerkt, dass Sie für die eine mehr Sympathie aufbringen als für die andere?
Am Anfang war es so, dass ich mehr mit Sarivi, dem Tolpatsch, sympathisiert habe. Das hat sich dann gedreht, und es war schön, den Actionhelden zu spielen, endlich einmal cool zu sein. Aber dann wurde das Cool-Sein auch wieder langweilig. Es schwankt, einmal ist der eine oben, einmal der andere, aber im Durchschnitt hält es sich die Waage.
Sie sind körperlich sehr aktiv in dem Film. Haben Sie das alles selbst gemacht?
Das einzige, was ich selbst gemacht habe, war der Salto am Anfang … Nein, natürlich nicht. (Lacht.) Ich hatte einen Trainer und stand vor der großen schauspielerischen Herausforderung, dass ich laufen musste, einfach laufen. Das war schon wahnsinnig anstrengend. Wir schauten, dass ich möglichst viel selbst mache, aber es gibt eben Dinge, die schaffe ich körperlich nicht. Ein Sprung von einer Mauer, die eineinhalb, zwei Meter hoch ist, der Salto zu Beginn – das kann ich einmal probieren, aber das war es dann. Es gab ein nettes Gespräch mit dem Stuntkoordinator darüber, wie früh der Stuntman übernimmt, in dieser Szene am Anfang, als ich dem Soldaten etwas nachrufe, dann aufspringe, ihm nachlaufe und ihn erschieße. Der Regisseur war dafür, dass ich möglichst viel selbst mache, aber der Stuntkoordinator war nicht so ganz davon überzeugt.
Sie sind zum „lustigsten Österreicher“ gewählt worden, und später gar zum beliebtesten. Was heißt das für Sie, und was bedeutet es Ihnen?
Nun, das nehme ich dankbar an und freue mich darüber. Aber man darf nicht vergessen: Das erste war so eine Charts-Show im Fernsehen. Klar freut man sich, wenn die Leute das mögen, was man macht, aber es stimmt natürlich nicht: Ich bin nicht der lustigste Österreicher.
Sie sind, und Sie betonen das ja auch immer wieder, ein halber „Ausländer“. Man sagt den Österreichern ja nach, fremdenfeindlich zu sein. Wie passt das zu der Umfrage? Liegt es daran, dass Sie so gut integriert sind, oder mussten Sie sich gar nie integrieren?
Ich habe sehr früh, im Kindergarten schon, gesagt, dass wir mit der Familie des Schah von Persien verwandt sind. Stimmt natürlich nicht, ich wollte nur angeben. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich zur Hälfte Perser bin. Aber mir ist nie Rassismus begegnet. Vielleicht habe ich es nicht bemerkt, weil ich zu naiv war, aber ich kann mich an keinen Vorfall erinnern. Ich glaube, dass das sehr stark über die Sprache funktioniert. Wenn jemand reinstes britisches Englisch spricht, dann kann der ausschauen, wie er will, er ist für mich Brite. Für die Integration ist es nicht so wichtig, welche Religion, welche Sitten man hat oder ob man Schweinsbraten oder Lammbraten isst – am wichtigsten ist die Sprache. Die Sprache ist das, was die Kultur eines Menschen am stärksten prägt, und nachdem ich hier aufwuchs, war das für mich nie ein Problem.
Wie gehen Sie mit Ihrer Popularität um? In „Gefühlsecht“ malen Sie ja ein schreckliches Bild davon …
Das ist natürlich übertrieben. Wenn ich am Samstagnachmittag auf der Mariahilfer Straße einkaufen gehe, dann bin ich selbst schuld. Aber so schlimm ist es auch wieder nicht. Ich werde vielleicht ein oder zweimal angesprochen, und das kann auch nett sein, die Leute sind ja freundlich, nicht aggressiv. Manchmal sagen sie auch etwas Witziges, oder sie sagen, dass ich sie zum Lachen gebracht habe. Das ist auch schön, und man merkt, dass der Beruf ja doch Sinn hat. Natürlich gibt es auch Momente, wo es einfach zu viel wird und man sich fragt: „Muss das jetzt sein?“, aber die halten sich in Grenzen.
Wie gehen Sie denn für sich selbst mit Ihrer Herkunft um? Wie ist es, in zwei Kulturen „zu Hause“ zu sein?
Wenn man so aufgewachsen ist wie ich, merkt man oft gar nicht, was jetzt die eine oder die andere Kultur ist, was die Unterschiede sein sollen. „Kultur“, das ist etwas, das sehr stark von außen an einen herangetragen wird: Erst so mit 14, 15 Jahren habe ich richtig realisiert: „Aha, ja, stimmt, ich bin ja auch Ausländer.“ Die persische Oma und die österreichische Oma waren schon verschieden, aber weil sie unterschiedliche Charaktere waren, nicht wegen der „Kultur“. Ich interessiere mich für persische Kultur, und es gibt vieles, was ich mag, aber ich bin natürlich Österreicher.
Waren Sie im Iran? Hätten Sie Interesse, dort hinzufahren?
Nein, meine Familie ist auf der ganzen Welt verstreut, in Amerika, in England, in Deutschland, kaum jemand ist noch im Iran. Das ist immer eine kleine Welt- oder Europatournee, wenn man sich sehen will. Natürlich würde mich der Iran sehr interessieren, aber ich möchte nicht in eine Theokratie einreisen, die eine Diktatur ist. Ich wäre auch nicht in die DDR auf Urlaub gefahren. Wenn die ganze Familie dort wäre, wäre das etwas anderes, aber so … Es gibt natürlich eine Sehnsucht, das Land zu sehen, die Menschen kennenzulernen, aber mein Kontakt zu Persien ist die Musik, ist die Literatur, sind Filme. Ich beschäftige mich gerade mit einem Komiker, der in der Schah-Zeit groß war, Samad heißt er … Mein Onkel Napoleon, das war eine der erfolgreichsten Fernsehserien im Iran der siebziger Jahre. Ich glaube, er lebt jetzt in Los Angeles, jedenfalls arbeite ich jetzt die Filme der siebziger Jahre auf.
Beyzai, Mehrjui, …
Ja, genau, und Googoosh, die große, populäre Sängerin.
Sie waren nie iranischer Staatsbürger, durch Ihren Vater?
Nein. Dazu gibt es eine Geschichte: 1973, als ich fünf war, besuchten wir den Iran, da wurde ich im Pass meines Vaters eingetragen, um einreisen zu können. Als ich in die Schule kam, hier in Österreich, musste ich, wie alle Ausländer, immer um die Verlängerung des Schülerfreifahrtsausweises ansuchen. Dann kam der Krieg Iran–Irak, und mein Vater sagte: „Du musst jetzt österreichischer Staatsbürger werden.“ Also ging ich mit 18 ins Rathaus, um meinen Antrag zu stellen, und die Dame hinter dem Schalter sagte: „Das geht nicht, Sie sind schon österreichischer Staatsbürger.“ Wir wussten das gar nicht!
Wie kam es, dass Sie mit 23 Jahren künstlerischer Direktor des Simpl wurden?
Ich spielte mit 20 im Simpl, bei Martin Flossmann, und wir verstanden uns sehr gut. Er war jemand, der gerne mit jungen Leuten arbeitete und sie förderte. Er wollte, dass ich im Simpl bleibe, aber ich sagte: „Kabarett ist nichts für mich, ich will ans Theater.“ Er war weder beleidigt noch eingeschnappt, sondern meinte: „Schade, ich hätte dich gerne im Ensemble gehabt, aber wenn das dein Wunsch ist, dann mach es.“ Er sah sich viel von dem an, was ich machte, war oft im Graumann-Theater. Als er mit dem Simpl aufhören wollte, rief er mich an, und ich dachte, er wollte mich überreden, bei ihm zu spielen. Ich saß ihm gegenüber, und er fragte: „Möchtest du Simpl-Chef werden?“ Ich dachte zuerst, er verarscht mich, aber er meinte es ernst. Und so kam das. Ich nahm an. Ich weiß nicht, ob ich heute noch so mutig wäre, aber damals, mit 23, dachte ich: „Es wird schon gehen.“
Es fällt auf bzw. wird manchmal kritisiert, dass Sie sich in Ihren Programmen so gut wie gar nicht mit Tagespolitik beschäftigen. Wie kommt das?
Wir hatten im Kabarett Simpl sehr viele Nummern, in denen es um Tagespolitik ging, um die schwarzblaue Regierung usw. Dann begannen Viktor Gernot und ich, „Gefühlsecht“ zu schreiben, und beschlossen, nur das hineinzunehmen, was uns als Menschen interessiert, und wenn nichts Politisches vorkommt, dann kommt eben nichts Politisches vor. Dann hatten wir das Gefühl: „Das wird niemand sehen wollen, wenn wir jetzt nicht ,News’ durchblättern und die Medienlandschaft beobachten und aktuelle Politik verarbeiten. Wer will denn schon sehen, dass der Gernot und der Niavarani sich übers Älterwerden unterhalten, über das Verlassenwerden, die Kindererziehung, über Beziehungen?“ Es stellte sich heraus, dass die Leute an diesen Themen, die das Leben direkt betreffen, viel mehr interessiert waren als an politischen Fragen. Und mich interessiert es auch viel mehr. Politik ist so austauschbar! Ich schreibe gerade an einem historischen Roman über das 16. Jahrhundert und lese da sehr viel, Tagebücher z.B. und Briefe, und stelle fest, dass man offenbar schon damals dachte, die politischen Probleme, die man hatte, seien die wichtigsten Probleme, die irgendjemand jemals haben werde. Und dann denke ich: „In 500 Jahren werden die Leute sich natürlich für unsere Politik interessieren, und die Kinder werden das auswendig lernen müssen, aber sie werden sich fragen: „Wie haben die Menschen damals gelebt, wie sind sie mit ihren Kindern umgegangen, mit der Angst vor dem Tod, mit Wissenschaft und Religion?“ Ich glaube, diese Fragen sind viel spannender.
Wie hat sich denn das Kabarett verändert? In den sechziger Jahren gab es Karl Farkas im Simpl, da ging es immer um Politik, um Rot, Schwarz, Rot, Schwarz …
Ja, aber Farkas im Simpl, das war Unterhaltungskabarett, viel weniger politisch als etwa Qualtinger oder Bronner. Farkas hat mit der Politik geblödelt, aber sehr kritisch war das nicht. Heute ist es nicht mehr verpönt, sich mit privaten Fragen zu beschäftigen. Man muss nicht unbedingt etwas zur FPÖ oder zur EU sagen. Das schafft Erleichterung und bringt auch eine größere Themenvielfalt. Und dann gibt es Leute wie die Staatskünstler, die sagen: „Nein, wir wollen das aber machen.“ Beides hat seine Berechtigung, und beides kann sehr gut nebeneinander exisitieren.
Wo ist für Sie der Unterschied zwischen Kabarett und Comedy? Gibt es diesen Unterschied überhaupt?
Meine Meinung ist: Es gibt keinen. Comedy ist ein Wort aus dem Englischen, das die Deutschen übernommen haben, um jemanden zu charakterisieren, der eben nicht auf die Bühne geht, um einen Vortrag darüber zu halten, wie schlecht die Politik ist. Das ist eine Definition von außen. Im angelsächsischen Raum gibt es „standup comedians“. Zum einen solche, die politischer sind als alle deutschen und österreichischen Kabarettisten. Und dann solche, die sagen: „Gestern war ich im Supermarkt, und meine Frau geht mir auf die Nerven.“ Beides läuft unter „standup Comedy“. Es gibt vielleicht einen Unterschied zwischen Komödie und Satire, aber auch das verschwimmt. Ich finde es gut, wenn in einem politischen Kabarett auch einmal ein berührender Moment vorkommt. Umgekehrt tut es einem Programm, in dem es um menschliches Verhalten geht, gut, wenn auch etwas Politisches enthalten ist. Es kommt auf die Mischung an.
Haben Sie sich auch theoretisch mit Komik auseinandergesetzt? Was ist für Sie komisch?
Das ist eine sehr interessante Frage. Ich habe das natürlich getan und auch viel dazu gelesen. Zum einen ist das Komödiantische in gewisser Weise ein Handwerk, dessen Regeln man erlernen kann, aber es geht auch viel um Intuition und um Geschmacksfragen. Georg Christoph Lichtenberg sagte einmal: „Humor ist die Fähigkeit, eine Abweichung von der Wirklichkeit für die Wirklichkeit selbst zu halten“. Und das gilt für alles Komische. Eine Pointe ist eine Abweichung von der Wirklichkeit, die ich aber so ernst nehme, dass sie zur Wirklichkeit wird. Das ist Komik. Es gibt aber kein Rezept, ebenso wenig wie für das Drama. Es gibt natürlich eine Theorie des Dramas. Es gibt Dramen und Tragödien, die genau nach den Gesetzen aufgebaut sind und die Menschen entsetzlich langweilen; umgekehrt gibt es solche, die sich nicht an die Theorie halten und die Zuschauer und Leser sehr bewegen. Bei der Komik ist das nicht anders: Man muss die Menschen in ihren Herzen erreichen, man muss sie berühren. Es gibt ein Buch von einem englischen Comedy Coach, das ich mir bestellt habe und demnächst lesen will. Er behauptet, Komödie sei nichts anderes als Tischlern, es sei ein Handwerk, das jeder erlernen könne. Ich glaube das nicht ganz.
Haben oder hatten Sie so etwas wie Vorbilder?
Als Kind war mein absolutes Vorbild Maxi Böhm. Ich werde oft dafür kritisiert, denn er war unpolitisch, hat blöde Witze erzählt, usw. Aber: Selbst in einem so dummen Stück wie „Hurra, ein Junge“, in dem es um nichts geht, stellte er in jeder Situation einen Menschen dar, blieb in seiner ganzen Outrage immer menschlich. Das war für mich vorbildhaft. Dann natürlich Jerry Lewis, Louis de Funès, Woody Allen, Charlie Chaplin klarerweise, Peter Ustinov … Ein Satz von Ustinov lautet: „Ich habe in meinem Leben nichts so ernst genommen wie die Komödie.“ Das ist so wahr und so wichtig! Man muss es verdammt ernst nehmen. Leider gibt es im deutschsprachigen Raum so eine große Kluft zwischen E und U, zwischen Komödie und Hochkultur. In England etwa gibt es das nicht. Ich habe versucht, das einem englischen Theaterproduzenten zu erklären, er verstand es nicht. Dann sagte er: „Jetzt habe ich es: Tschaikowskys ‚Nussknacker‘, das ist Unterhaltung!“ Ich sagte: „Nein, das ist Hochkultur.“ Darauf er: „Da kommen bei uns 80.000 Leute, das ist doch Unterhaltung!“
Apropos ernst: Haben Sie schon mal überlegt, etwas Ernstes zu spielen?
Ich möchte gar nichts Ernstes spielen. Ich möchte die ernstesten Themen, wie ich das auch in meinem Buch „Der frühe Wurm hat einen Vogel“ mit dem Thema Burnout mache, als Komödie erzählen. Man muss Abstufungen machen: Es gibt ernste Themen, aus denen kann man eine Brachialkomödie machen, und solche, die muss man als Tragikomödie bringen, mit einem durchaus ernsten Kern. Neil Simon beispielsweise, der kann das. Ich saß einmal am Broadway in seinem Stück „Lost in Yonkers“. Im ersten Akt brüllten die Leute vor Lachen. Im zweiten Akt hat eine junge Frau, die geistig zurückgeblieben ist, einen Monolog. Man hat sie bei ihrer Großmutter zurückgelassen. Und sie erzählt der Großmutter, wie sehr sie darunter gelitten hat, dass sie sie niemals umarmt hat. Man konnte wirklich zweitausend Leute im Theater schniefen hören, Handtaschen gingen auf, und Leute weinten. Dann trat eine neue Figur auf, und die Leute konnten wieder brüllen. Das ist ganz große Kunst: Jede Komödie braucht einen ernsten Kern, und jede Tragödie braucht komische Momente. Shakespeare beherrschte das meisterhaft, in allen seinen Stücken.
Wo ist für Sie der schmale Grat zwischen der Bühnenfigur Niavarani und der realen Person? Viele Leute denken ja wohl, Sie seien genau so, wie Sie sich auf der Bühne geben.
Wo genau der Übergang ist, weiß ich selbst nicht. Da geht man durch den Nebel und sieht die Grenze nicht. Und es stimmt ja: Ich bin der, der ich auf der Bühne bin, aber eben nur auf der Bühne. Ich verwende schamlosest Dinge, die ich selbst erlebt habe, und Dinge, die ich mit Leuten erlebt oder von Leuten gehört habe. Die meinen dann oft: „Wieso hast du das verwendet? Ich habe dir das unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt.“ Da sage ich dann: „Aber es weiß doch niemand, dass du das warst, das wird ja nicht erwähnt.“ Das verschwimmt. Egal, ob im Kabarettprogramm, im Buch oder im Theater – es wird in eine dramaturgische Form gebracht. Es gibt Dinge, die sind wirklich passiert, aber nicht zu dem Zeitpunkt, zu dem sie erzählt werden. Die Grenzen sind fließend. Ich kann nur Dinge erfinden, die es schon gibt. Aber ich bin nicht hundertprozentig so, wie ich auf der Bühne bin.
Wie kann man das besondere Verhältnis beschreiben, das Viktor Gernot und Sie haben, und das wohl entscheidend zu Ihrer beider Erfolg beiträgt?
Ich kann es nicht anders sagen: Wir schwimmen auf einer Welle, das hat sicher zuallererst damit zu tun, dass wir uns schon so lange kennen. Mit anderen Kollegen habe ich das auch, aber der Effekt ist nicht derselbe, weil wir uns nicht so gut kennen. Ein Beispiel: Manchmal passiert es aus Müdigkeit, dass er einen Satz sagt, den ich eigentlich hätte sagen sollen, und dann dreht sich für zwei Minuten der Dialog um, und es fällt nicht einmal uns wirklich auf. Ich spüre, wenn er etwas sagen will, und umgekehrt. Das ist eine Verschränkung ineinander. Manchmal gibt er den Rhythmus vor, dann wieder schiebt er mich quasi vor, und ich bestimme den Rhythmus. Das ist eine Chemie, die damit zu tun hat, wie man ist, mit der Liebe, die man füreinander empfindet, mit Hass und Verachtung, das kommt auch vor, weil wir einander schon so lang kennen.
Wie viel an so einem Abend ist fixiert, wie viel wird improvisiert?
Ich würde sagen, 90 Prozent sind immer gleich, aber es gibt Spielraum für Improvisation. Manchmal fällt dem einen ein Satz ein, dem anderen darauf eine Wuchtel, und dann kommt noch eine Wuchtel. Dann findet man, dass das Ganze zu lang wird und lässt die Sätze zwei Tage lang weg, dann kommen sie aber doch wieder. Wenn wir das Programm geschrieben haben, streichen wir oft 15 Minuten, um Raum für Improvisation zu haben.
Wie schwer ist es, da nicht selbst zu lachen? Manchmal hat man den Eindruck, dass es Ihnen beiden sehr schwer fällt.
Wir versuchen, nicht einfach Texte aufzusagen, die wir vorher geschrieben haben, sondern den Leuten das Gefühl zu geben, dass hier wirklich zwei Freunde ein Gespräch führen. Wir haben uns gefragt, wie man diesen Effekt erzielen kann. Wenn Sie an die Filme Woody Allens denken, da sind die Dialoge überlappend, das heißt, ein Satz wird nicht zu Ende gesprochen, und dann kommt der nächste, sondern die Leute fallen einander ins Wort, wie im richtigen Leben ja auch. Und das Lachen gehört da dazu. Wenn einer etwas absurd Lustiges sagt, und auch wenn wir das gemeinsam geschrieben haben und das schon hundertmal gespielt haben, lacht man und schüttelt den Kopf, das gibt den Leuten das Gefühl: „Das ist jetzt echt.“ Das ist also manchmal gespielt, aber natürlich gibt es auch Gelegenheiten, wo man wirklich lachen muss, vor allem wenn einer sich verspricht – da sind wir gnadenlos.
Was sind Ihre nächsten Pläne?
Da ist der historische Roman, der aber noch viel, viel Recherche braucht. Dann gibt es neues Stück, das gerade in Berndorf Premiere hatte, „Reset – Alles auf Anfang“, auch eine Verwechslungskomödie, und ich schreibe an einem neuen Stück. Das wird aber auch noch dauern, bis das fertig ist.
