TV-Serien: Ein Schwerpunkt

„Mother? Mother!!“

| Benjamin Moldenhauer |
„Bates Motel“ erzählt die Vorgeschichte zu „Psycho“: ein Prequel, in dem der Titelheld mit einem Smartphone hantiert und die Machenschaften eines Mädchenhändlerrings aufdeckt. Erstaunlich, wie gut die Serie funktioniert.

Remakes, Sequels und Prequels gelten dem Connaisseur gemeinhin als Inbegriff der Ideenlosigkeit. Im Horrorgenre sind alle drei Formen besonders verbreitet, und der Fan wähnt sich dementsprechend leidgeprüft. Was keineswegs heißt, dass er sich im Zweifelsfall nicht trotzdem alles anguckt, und sei es nur, um seine Annahmen bestätigt zu sehen. Wenn den Drehbuchautoren nichts mehr einfällt, so meint der Common Sense der Fangemeinde, basteln sie ein Prequel zusammen; und tatsächlich zählen beispielsweise die Remakes von A Nightmare on Elm Street und Halloween oder auch das Prequel zum Remake von The Texas Chain Saw Massacre nicht gerade zu den Höhepunkten der Genregeschichte. Wenn man zu diesem Befund noch den legendären Status des Originals hinzurechnet, kann die Idee, die Vorgeschichte von Norman Bates in einer Fernsehserie zu erzählen, eigentlich nur in einem bestenfalls beherzten Fehlgriff resultieren. Das Überraschende ist, wie gut die erste Season von Bates Motel nicht trotz, sondern wegen des schweren filmhistorischen Erbes funktioniert.

Im Fall von Alfred Hitchcocks Psycho nämlich gestaltet sich das Ganze noch einmal besonders schwierig, da das Original, anders etwa als die nachfolgenden Slasher-Filme, die den Markt in den 1970er und 1980er Jahren überschwemmten, nicht von vornherein auf Serialität angelegt, sondern um zwei bis dato singuläre Schockmomente herum gebaut ist. Der Duschmord wie auch der „Final Twist“ trafen das damalige Publikum völlig unvorbereitet, die Reaktionen während der ersten Vorführungen sind gut dokumentiert: Schreien, Heulen, Zähneklappern. Nicht nur der affektive, auch der filmhistorische Einfluss von Psycho war massiv: „Anyone with any sense of film knew not just that Psycho changed ‚cinema‘ but that now the subversive secret was out“, schreibt David Thomson in seinem Buch „The Moment of Psycho“. „Truly this medium was prepared for an outrage in which sex and violence were no longer games but in fact everything.“ Kurz: „The orgy had arrived.“

Hitchcocks Original hat seine Schuldigkeit also getan und schreit nicht nach Wiederholung. Trotzdem folgten drei Sequels und ein vielerorts leidenschaftlich verrissenes Shot-for-Shot-Remake von Gus Van Sant (ein interessanter Film, nebenbei bemerkt). Bates Motel ist ein Prequel und vermeidet trotzdem den direkten Abgleich mit dem Original, den sowohl die Sequels als auch Van Sants Remake (wenngleich auch als Experiment gedacht) noch forciert haben. Hitchcocks Setting hat das Team um Lost-Co-Creator Carlton Cuse mit reichlich Chuzpe umgemodelt, was sich auch aus dem neuen Selbstbewusstsein von Serienautoren gegenüber dem mit einem Mal alt erscheinenden Medium Kino speisen mag. Die Geschichte spielt in der Gegenwart, der 17-jährige Norman Bates (Freddie Highmore) hantiert nun routiniert mit einem Smartphone, schläft mit der Highschool-Schönheit (und wird natürlich enttäuscht), sein Bruder, von dem im Original noch keine Rede war, steigt in den örtlichen Drogenhandel ein. Bates Motel steht in der Tradition der Entwicklungen im amerikanischen Serienfernsehen seit der HBO-Serie Oz (siehe ray 04/14). Auch hier wird die Welt – wie in The Sopranos oder Breaking Bad – als eine Welt gezeigt, die prinzipiell von nur notdürftig verborgener Kriminalität, Korruption und Gewalt bestimmt ist. Und auch hier ist der Held – wie etwa in Dexter –, um es einmal vorsichtig zu formulieren, ambivalent.

Suspension of Disbelief

Bates Motel setzt also nicht auf die Evokation von affektintensiven Schocks (ein Feld, in dem sie gegenüber dem Kino nur verlieren könnte), sondern auf die Verrätselung der Psyche ihres Protagonisten. Dass der was Schlimmes mit Mama (oder, wie Freddie Highmore in den verschiedensten Tonlagen zu intonieren weiß, mit „mother“) am Laufen hat, von dem beide, Sohnemann wie Mutter, nur eine lose Ahnung haben, ist mit den ersten Einstellungen klar. Der Ödipus-Komplex ist das Einzige, was unmittelbar auf die 1950er und 1960er Jahre verweist: Der ungebrochene Freudianismus gehört zu den Erzählungen des klassischen Hollywood-Kinos; und natürlich schaut sich Norman Bates im Fernsehen am liebsten alte Schwarzweiß-Schinken an.

Ob Norman nun tatsächlich für zwei der schon in der ersten Season recht zahlreichen Toten verantwortlich ist, wird offen gelassen. Wo Hitchcock als einer der ersten mit aller Wucht die Kamera auf die malträtierten Körper gerichtet hat, verfährt Bates Motel eher dezent, nicht aus Verschämtheit, sondern motiviert von dem geglückten Versuch, vom bekanntesten Serienmörder der Filmgeschichte noch einmal in Form eines Whodunnit zu erzählen.

Wenn man diese Prämisse akzeptiert und eventuelle Vorbehalte gegen die Modernisierung von Filmklassikern hinter sich lässt, kann man auch die gewagteren Volten mitvollziehen – wer hätte 1960 gedacht, dass Norman Bates ein halbes Jahrhundert später gemeinsam mit einer Highschool-Bekanntschaft gegen einen lokalen Mädchenhändlerring ins Feld ziehen würde? Robert Bloch, der sich bei der Schöpfung seiner Romanfigur einst von dem Frauenmörder Ed Gein inspirieren ließ, sicherlich nicht. Dass es die Erzählung mitsamt den Figuren nicht aus der ersten schärferen Kurve, die der Plot nimmt, raus haut, liegt zum einen daran, dass die Autoren sich recht souverän die Errungenschaften des so genannten Quality TV zunutze machen: detailliert ausgestaltete diegetische Welten; eine klar angezeigte, aber komplexe Figurenpsychologie; eine netzwerkartige Struktur von Haupt- und Nebenkonflikten, die ineinander greifen und dafür sorgen, dass das Erzähltempo konstant hoch bleibt und der „suspension of disbelief“ leicht fällt (ein frustrierter Highschool-Lehrer im Crystal-Meth-Labor – klar; ein sympathischer Forensiker, der nachts Menschen zerstückelt und in der Bucht von Miami versenkt – warum nicht?).

Das gewagte Unterfangen geht also auf. Ähnlich wie Dexter hält Bates Motel den Zuschauer mit einem enigmatischen Protagonisten bei der Stange. Ob nicht Norman, sondern die ebenfalls komplex konstruierte Mutter Bates (Vera Farmiga) – hier noch nicht verwest im Keller der Villa, sondern quicklebendig und mit nur gering ausgeprägter Frustrationstoleranz versehen – die Mörderin ist, wird zumindest bis zum Ende der ersten Season offen gehalten; und es bleibt abzuwarten, ob die Serie die Geschichte ihres Helden als unverschuldeten Abstieg in die Hölle oder als Rehabilitation weitererzählt. Zumindest im letzteren Fall wäre Bates Motel dann doch von dem nicht zu unterschätzenden Einfluss von Hitchcocks Original auf die genretypischen Stereotypen bestimmt; denn dass die Mütter die eigentlichen Monster sind, darüber herrscht in großen Teilen des amerikanischen Horrorfilms seit 1960 weitgehender Konsens.