Douglas Trumbull im Gespräch über Stanley Kubricks Frust, die Faulheit der Hollywood-Studios und über seine Ansätze, das Kino technisch zu revolutionieren.
Douglas Trumbull, Jahrgang 1942, kümmert sich schon sehr lange um die Verbesserung des Kino-Erlebnisses. 1964 produzierte er im Auftrag von IBM für die Weltausstellung in New York den Trickfilm To the Moon and Beyond. 1968 war er Special-Effects-Supervisor bei Stanley Kubricks Klassiker 2001: A Space Odyssey. Er war verantwortlich für die Effekte bei SciFi-Meilensteinen wie Close Encounters of the Third Kind (1977), Star Trek: The Motion Picture (1979) oder Blade Runner (1982), für die er jeweils für den Effekte-Oscar nominiert war. 1972 drehte er selbst den SciFi-Film Silent Running (Lautlos im Weltall), der jetzt als DVD neu aufgelegt wird (siehe Kasten), und 1983 Brainstorm. Neben seiner Arbeit als Effekte-Spezialist und Regisseur tüftelt er an technischen Lösungen, das immersive Erlebnis im Kino zu befördern. So entwickelte er das Showscan-Verfahren, das mit 70mm und 60 Bildern pro Sekunde arbeitete. 2002 wechselte er in den Vorstand von IMAX. In seinem Filmstudio in Massachusetts praktiziert er das Konzept einer nachhaltigen Filmproduktion. Er setzt LED-Scheinwerfer, Sonnenenergie und Solar Laptops ein, denn er ist sich der Verantwortung für unseren Planeten bewusst. Bis heute fasziniert ihn der Weltraum, er arbeitet an einem neuen SciFi-Film, den er an entlegenen Orten in 3D, 4K und mit 120 Bildern pro Sekunde drehen will.
Sie haben eine Vision für das Kino der Zukunft entwickelt. Was verstehen Sie darunter?
Das ist meine Idee der Kinozukunft, die nicht von jedem geteilt wird, denn ich bin etwas extrem. Ich würde gerne das Experiment eines solchen Kinos sehen, das der Realität sehr ähnlich ist und Inhalte entwickelt, die sich für eine solche Erfahrung eignen. Das ist eine große Neugier von mir, seit ich als junger Mann an außergewöhnlichen Filmprozessen bei Kubricks 2001 gearbeitet habe. Es hat soviel Spaß gemacht, die große Leinwand zu haben und dass es dadurch möglich wurde, die Geschichte anders zu erzählen. Es war kein einfältiges Melodrama. Es hat mich stark beeinflusst. Nach 2001 begann leider die Ära der Schachtelkinos, und die Leinwände wurden kleiner. Es gab keine Möglichkeit mehr, daran zu arbeiten, außer bei Weltausstellungen oder mit Ride-Filmen in Vergnügungsparks. Daran arbeitete ich mit Showscan und IMAX. Ich habe immer nach Möglichkeiten gesucht, eine andere Art von Kinofilm zu machen.
Sie haben vorgeschlagen, die Anzahl der Bilder pro Sekunde (f/s) von 24 auf 120 zu erhöhen. Ist das ein Ergebnis von Tests, die Sie mit Publikum durchgeführt haben?
Bei Showscan habe ich schon vor 35 Jahren mit 60 f/s gearbeitet, und ich habe es sehr gemocht. Vor Kurzem habe ich einen digitalen Vergleich gesehen zwischen 60 f/s und 120 f/s. Diese Steigerung liefert bestimmte Qualitäten für das Bild, soll es verschönern. Ich bin Perfektionist. Wenn ich einen Stern sehe, will ich nur einen Pixel sehen. Im Digitalen ist es so leicht, da man nicht Unmengen an Filmmaterial verbraucht. Es ist dadurch sehr günstig, mit höherer Bildrate zu drehen. Deswegen will ich damit experimentieren. Aber das eigentliche Experiment ist der Film selbst. Ich rede oft über Technik, aber meine eigentliche Leidenschaft ist die Verbesserung des Kinoerlebnisses, das zutiefst schön sein soll. Das wäre etwas, was das Publikum tief beeindrucken würde. Ich bin ein großer Anhänger des Weltraums. Ich glaube, das All ist faszinierend und verblüffend. Allerdings interessieren sich heute die Menschen kaum noch für das Universum, da sie wegen der Luftverschmutzung nachts die Sterne nicht mehr sehen. Das All ist kaum mehr Teil unserer Kultur. Es ist technisch vorhanden, aber nicht spirituell.
Es war populärer, als es den Wettlauf der Großmächte in den sechziger Jahren noch gab und Ereignisse wie die Mondlandung.
Die Filme, an denen ich gearbeitet habe, hatten fast alle mit dem Weltraum zu tun und ich bin auch Mitglied der Gruppe The Overview Institute. Es basiert auf dem Buch von Frank White, „The Overview Effect“. Er hat dafür Astronauten – vor allem der Apollo-Missionen – nach ihrer Rückkehr aus dem All interviewt. Sie sind die einzigen Menschen, die den gesamten Erdball aus der Distanz gesehen haben. Sie haben sich persönlich stark verändert durch die Erfahrung der Erkenntnis, dass die Erde ein Planet ist in den Weiten des Alls. Unsere Aufgabe ist es, den Menschen das Gefühl für diesen Überblick zu vermitteln. Wir müssen neueste Technik und extrem immersive Medien nutzen, um ihnen Dinge zeigen zu können, die unglaublich schön sind.
Im Moment arbeiten Sie an einem neuen Science-Fiction-Projekt. Wird dieser Film intelligenter als andere Produktionen?
Ich hoffe es.
Noch einmal zurück zur Bildrate. Wollen Sie damit das Kinoerlebnis verstärken?
Vielleicht ist es besser, es eine andere Erfahrung zu nennen. Ich bin schon sehr lange im Filmgeschäft und kenne die Kinosprache, die jeder benützt. Aber ich finde sie langweilig. Schon vor Jahrzehnten beschwerte sich Alfred Hitchcock, dass das Drehen eines Films langweilig würde, weil man eine systematische Liste mit Einstellungen bekäme, die man einfach abarbeiten müsse. Man schneidet sie in einer bestimmten Weise zusammen und erzählt so eine Geschichte. Ich möchte etwas produzieren, das abenteuerlicher und interessanter ist, weil es unbekannte Gebiete entdeckt. Ich möchte Dinge finden, die bisher keiner ausprobiert hat.
Stanley Kubrick arbeitete an solchen Filmen.
Ja, sehr intensiv, und er hatte ähnliche Ziele. Ich hatte erstaunliche Gespräche mit ihm über Filmsprache und darüber, was er mit 2001 erreichen wollte. Die Stargate-Sequenz wollte er eigentlich durch Reverse-Angle-Shots mit dem Park verbinden. So hat er es auch geschnitten, aber dann erkannt, dass es so nicht funktioniert. Er hatte damit völlig Recht. Bei dieser Produktion habe ich viel gelernt über ein anderes Kinomachen. Es ist erstaunlich, dass in den 45 Jahren seither niemand anderer so etwas probiert hat.
Sie sind auch Spezialist für Ride-Filme für Vergnügungsparks, die versuchen, dem Publikum immer neue Erfahrungen zu bieten.
Ich habe am Back to the Future-Ride in den Universal-Studios gearbeitet. Es war wirklich verblüffend, hat aber nie Anerkennung als Kino bekommen, sondern wurde immer als Ride abgetan. Für mich war es eine extreme Form des filmischen Eintauchens, da das Publikum im Film saß und das Gefühl bekam, zu einer Figur des Films zu werden. Der Grund dafür war allerdings ein anderer, da Universal Michael J. Fox dafür nicht bezahlen wollte. Also habe ich die Geschichte so erzählt, dass die Zuschauer im Ride zu Michael J. Fox werden und die Geschichte aus seiner subjektiven Perspektive erfahren.
So wurde es ein subjektives Erlebnis aus der Sicht von Marty McFly?
Ja, ich bin mein ganzes Leben in diesen Bereich neuer visueller Erfahrungen vorgestoßen. Mit Showscan ist es mir schon recht gut gelungen. Dabei habe ich herausgefunden, dass ich das Publikum regelrecht hypnotisieren oder verführen kann. Oder dass ich das Publikum davon überzeugen kann, dass im Kino etwas real passiert, während es tatsächlich mit ihnen selbst geschieht. Ein anderes Beispiel ist eine Show im Luxor Hotel in Las Vegas, die ich gemacht habe. Wir taten so, als wäre es die Live-Sendung einer Late-Night-Talkshow aus dem Hotel. Allerdings waren die Gäste nicht live auf der Bühne. Sie wurden aus einer perfekten Perspektive projiziert. Keiner hat erkannt, dass sie nicht auf der Bühne waren. Das ist ein neues Erfahrungsgebiet, das ich sehr spannend finde.
Sie erwähnten, dass eine höhere Bildfrequenz auch einige Probleme mit 3D lösen könnte. Peter Jackson arbeitete bei seiner letzten Hobbit-Verfilmung mit 48 f/s.
Es gibt ein kleines Problem damit. Peter Jackson ist ein mutiger Filmemacher und der erste, der in diese Richtung ging. Er stürzt sich in Mehrkosten, um mit 48 f/s zu drehen, denn er weiß aus eigener Erfahrung, um wieviel besser die Seherfahrung ist. Allerdings bin ich nicht davon überzeugt, dass solch ein Film der richtige Inhalt dafür ist. Um davon zu profitieren, ist ein gewisser Hyper-Realismus gefragt, wie bei einem Ride. Avatar war wie so ein Ride, und James Cameron ist ein sehr kinetischer Regisseur. Da gab es all diese Kreaturen, auf denen man reitet. Das war futuristisch. Ich glaube, es verbindet sich besser mit einem solch hyperrealistischen Inhalt als mit einem Kostümfilm, wie Hobbit letztlich einer ist. Ich habe mit James Cameron noch nicht darüber gesprochen. Hobbit löste jedenfalls einige Bedenken über die höhere Bildfrequenz und ihre Kosten aus. Ich weiß nicht, ob die ablehnende Haltung die Fortsetzung von Avatar gefährdet, denn die großen Studios sind immer ängstlich. Aber wenn es jemand in der Branche durchsetzen kann, dann ist es James Cameron.
Sie haben auch die schlecht projizierten, dunklen Bilder in den Kinos erwähnt, um die sich keiner so richtig zu kümmern scheint?
Das ist eines meiner Anliegen. Die Zuschauer scheinen keine sehr entwickelte Sprache zu haben, um zu beschreiben, was sie fühlen, wenn sie einen Film sehen. Entweder sie mögen ihn oder nicht. Die Profis sollen darüber diskutieren und eine Einigung erzielen. Ich bin davon überzeugt, dass wir eine höhere Bildrate brauchen. 48 f/s ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber wir brauchen eine höhere Bildrate, ein helleres Bild, eine größere Leinwand und bessere Sitze, um ein Kinoerlebnis zu erreichen, für das es sich wieder lohnt, ins Kino zu gehen. Ansonsten sehen die Leute die Filme auf ihren Tablets oder Computern und laden sie einfach runter. Ich weiß, was ein gutes Kinoerlebnis ausmacht und hoffe, es öfters zu sehen. Wir haben inzwischen eine Kultur von jungen Leuten, die keinerlei Erfahrung haben mit dem originalen IMAX, mit Cinerama oder Showscan. Sie werden sprachlos sein, wenn sie so etwas Spektakuläres erleben. Das Ende von Zelluloidfilm wird das IMAX-Erlebnis in seiner ursprünglichen Form beenden. IMAX ist dann nur eine gute digitale Projektion wie alle anderen. Sie haben keinen besseren digitalen Projektor.
Es gibt ja Versuche, beispielsweise von Kodak, mit einem neuen Laser-Beamer.
Kodak hat seine Laser-Patente an IMAX verkauft. Auch Barco und Christie arbeiten an neuen Laser-Projektoren. Sie werden bald auf den Markt kommen. Sie liefern eine erstaunliche Bildqualität und Sie sollten es unbedingt sehen, wenn Sie die Chance dazu haben. Sie arbeiten auch daran, vorhandene Projektoren mit Laser nachzurüsten. Man kann damit die Helligkeit verdoppeln ohne hohe Mehrkosten. Dadurch wird diese Umwandlung weniger schmerzhaft.
Woran liegt es, dass auch die Hollywood-Studios sich nicht um die beste Projektion kümmern?
Sie haben überhaupt kein technisches Verständnis. Das sind Manager und Geschäftsleute. Sie werden sich nicht für technische Verbesserungen stark machen. Sie überlassen es Zulieferfirmen wie Arriflex und anderen. Sie vermuten, dass es einfach kommen wird. Für mich ist es traurig zu sehen, dass die Filmindustrie sich kaum darum gekümmert hat, die technische Qualität ihres Produkts zu verbessern. Ich habe über die Jahre gelernt, dass ich dafür andere Finanzierungen benötige. In den Studios ist der Verleih völlig getrennt von der Vorführung. Sie haben keine eigenen Forschungsabteilungen. Sie warten darauf, dass die Projektorenfirmen ihnen bessere Produkte liefern. Es ist eine Herausforderung, das zu verändern.
Ein wichtiges Ziel für Sie ist es, eine neue Kinosprache zu entwickeln. Sehen Sie neue Ansätze dafür?
Ich glaube, Inception (2010) von Christopher Nolan war eine sehr interessante Kombination von Elementen, denn dieser Film braucht die große Leinwand und eine sehr hohe Bildqualität. Inception hat die Kinosprache in puncto Kontinuität, einer neuen Perspektive und der Frage, aus welcher Perspektive die Zuschauer die Ereignisse erleben, ein Stück weiter gebracht. Das ist eine sehr intelligente Form der Erkundung, welches Potenzial das Kino haben kann. Etwas Vergleichbares habe ich mit Brainstorm (1983) gemacht, als ich versucht habe, einen ähnlichen Effekt beim Publikum durch eine Verbesserung der Bildqualität zu erzielen.
Ist es nicht auch eine Herausforderung für die Kameraleute, die Bildsprache im Kino weiterzuentwickeln?
Es kommt eher von den Regisseuren. Ich sehe keinen Produzenten, der daran interessiert ist. Die Kameraleute fühlen eine Verantwortung für die digitale Postproduktion und dafür, die Bilder magisch zu verändern. Sie machen sie oft dunkler, düsterer oder reduzieren den Kontrast. Es gibt einen erheblichen Widerstand gegen die Lebendigkeit in Bildern.
Soll Ihre neue gebogene Leinwand ebenfalls das Kinoerlebnis verbessern?
Sie macht das Bild viel heller und verteilt es besser im Raum. Man bekommt keine hellen Flecken im Zentrum und dunkle Ränder. Die Zuschauer haben ein sehr großes Sehfeld, und man bekommt ein sehr helles Bild, ohne den Projektor wechseln zu müssen. Mir scheint, dass es für existierende Kinos einfacher und billiger ist, die Leinwand auszutauschen, um das Kinoerlebnis zu verstärken.
