Locke

One-Man-Show

| Marietta Steinhart |
Wenn die Kamera ihrem Helden die Freiheit verweigert: von schizophrenen Selbstgesprächen und klaustrophoben Kammerspielen. „Locke“ (deutscher Titel: „No Turning Back“) folgt dem Single-Character Trend.

I van Locke ist ein gewissenhafter Mann. Ein guter Mann. Ja, Ivan Locke ist ein vernünftiger Mann, der zu jeder Zeit alles unter Kontrolle zu haben scheint und für alles glaubt, eine Lösung zu haben. Er hat eine Karriere, eine glückliche Ehe, zwei Söhne und einen scharfen Verstand. Eines Abends steigt er in sein Auto und wird all das, auf dem Weg von Birmingham nach London, aufs Spiel setzen. Er ist außerdem die einzige Person, die wir innerhalb von 85 Minuten sehen werden.
Ivan Locke ist Bauingenieur und als solcher verantwortlich für die größte Betoneingießung in der Geschichte Europas, die am nächsten Morgen stattfinden soll. Doch in derselben Nacht wird Ivan zum dritten Mal Vater. Es ist nicht das Kind seiner Ehefrau (Ruth Wilson), sondern das Resultat eines Seitensprungs (Olivia Colman). Als er seinen Chef (Ben Daniels) darüber in Kenntnis setzt, dass er nicht rechtzeitig auf der Baustelle zurück sein wird, ist dieser außer sich. Was folgt, ist eine Lawine an Konversationen über Ivans Freisprechanlage – nahezu ohne Unterbrechung.
Wenn er nicht am Telefon ist, spricht er mit seinem verstorbenen Vater, den er auf der Rückbank imaginiert. Allmählich beginnt der bürgerliche Anstrich der Wohlstandsfassade zu bröckeln und sein wohlgeordnetes Leben zu kollabieren. Der Grund, warum Ivan beharrlich versucht, das Richtige zu tun, erweist sich als sehr persönlich. Ist es plausibel? Das muss jeder für sich entscheiden.
Zugegeben, Unterhaltungen über Beton sind in etwa so interessant wie dem Gras beim Wachsen zuzusehen, doch Tom Hardy würde wahrscheinlich auch das in eine virtuose Performance packen. Um ein solch radikales Projekt zu stemmen, benötigt es einen charismatischen Schauspieler, den Autor und Regisseur Steven Knight (bekannt für die Drehbücher von Dirty Pretty Things und Eastern Promises) in dem Briten gefunden hat. Man kennt ihn als polierten Fälscher (Inception), geschundenen Kickboxer (Warrior), liebestollen Agenten (Tinker, Tailor, Soldier, Spy) und überspannten Häftling (Bronson). Der breiten Masse ist er als nuschelnder Bösewicht Bane (The Dark Knight Rises) bekannt. Dank der fantastischen Performance des unsichtbaren Cast (außerdem: Andrew Scott, Tom Holland und Bill Milner) kann man auch die Anwesenheit der abwesenden Personen merklich spüren. Es ist gerade noch genug Humor vorhanden, der den schmalen Grat zwischen Farce und Horror markiert und eine kafkaeske Komik in dieser Tragödie erschließt.
Knights Konzeptfilm in Echtzeit veranschaulicht recht gut, wie sehr sich ein Raum psychisch und emotional komprimieren lässt. Alfred Hitchcock galt als Experte solch minimalistischer Mikrokosmen. Kameramann Haris Zambarloukos findet Wege, die Situation optisch einigermaßen abwechslungsreich zu gestalten. Er arbeitet mit diffusen Perspektiven, Spiegelungen in Fenstern und einem Meer an Lichtern, das Hardy in melancholisches Gelb und kühles Blau taucht. Zudem verdichtet die Dunkelheit das Moment der Einsamkeit. Locke, der Abschlussfilm der Viennale 2013, ist eine One-Man-Show, ein Roadmovie, ein Hörspiel und Theaterstück, das von einer Alltagskrise erzählt: „What I wanted is to do justice to the drama of an ordinary life“, so Knight in einem Interview.

Gesischtslandschaften

Die Kamera glotzt unerbitterlich auf Lockes nachgiebiges, bärtiges Gesicht und verweilt lange. Sehr lange. Sie verweilte die Gesamtheit von Rodrigo Cortés klaustrophobem Film Buried (2010) auf dem leidenden Antlitz des lebendig begrabenen Ryan Reynolds als Paul Conroy. Im selben Jahr verweigerte Danny Boyle seinem gepeinigten Helden Aron Ralston (James Franco) die Freiheit und ließ ihn einhundertsiebenundzwanzig diegetische Stunden, eingeklemmt in einem Canyon, fast verrecken, bis sich dieser – nach realem Vorbild – mit einem Taschenmesser den Arm absägte. Das Jahr 2010 brachte einen weiteren erinnerungswürdigen Solisten hervor: In seinem japanischen Beitrag Symbol erwacht Matsumoto Hitoshi in einem Raum voller Engelspenisse. Ein Novum ist dieses Subgenre nicht. Ein Mann kommt nach Hause, um festzustellen, dass seine Familie ihn verlassen hat. Das ist die Prämisse des indischen Schwarz-Weiß-Dramas Yaadein aus dem Jahr 1964, das sich selbst im Vorspann als „World’s first One-Actor-Movie“ verheißt. Robert Altman hielt in Secret Honor (1984) die Kamera auf die wuchtigen Augenlider und die dunklen Tränensäcke des unermüdlichen Philip Baker Hall als Richard Nixon.
Die Regie – um genau zu sein, die von Alfonso Cuarón und J.C. Chandor – verweilte im vergangenen Jahr aber vor allem auf den verlorenen wie etablierten Gesichtern von zwei Hollywood-Größen: dem von Sandra Bullock und dem von Robert Redford. Sie kämpfte in Gravity als Dr. Ryan Stone gegen eine symbolisch aufgeladene Kulisse, während er im Indischen Ozean in All Is Lost gegen die Willkür der Elemente antrat. Aus Gründen, die wir nur erahnen können, schreibt er eine Nachricht: „I’m sorry. I tried to be true. I tried to be strong, to love, to be right. But I wasn‘t.” Das Richtige will auch Locke tun: „I am trying to do the right thing”, beteuert er.
Chuck Noland in Cast Away (2000) hatte einen Volleyball namens Wilson und Pi Patel in Life of Pi (2011) den Tiger Richard Parker. Beide Filme sind mit mehr als nur einem Schauspieler besetzt, aber in ihrem Kern geht es um den existenziell erschütterten, einsamen Helden. Der Verlust in All Is Lost, Gravity, Locke und auch anderen dieser Filme ist der Glaube an die Vernunft. Die dem westlichen Helden inhärente Überlegenheit (und auch Überheblichkeit) wird gebrochen – sei es durch eine gnadenlose Globalisierungsspirale, den Zusammensturz von Kommunikationskanälen oder durch die eigene Rechtschaffenheit –, um später restituiert zu werden. Unter all dem Heldenmut sitzt tief eine Melancholie, die unsere schlimmsten Befürchtungen anspricht. Wenn die Kamera ihrem Helden die Freiheit verwehrt und uns den Ausweg versperrt, dann werden wir schonungslos auf uns selbst zurückgeworfen.
Knight geht einen Schritt weiter. Im Gegensatz zu vielen dieser Filme schwebt sein Protagonist zu keinem Zeitpunkt in Lebensgefahr, die als dramatisches Element für die Spannung sehr dienlich sein kann. Locke ist so stark reduziert, er fühlt sich fast ein wenig abstrakt an. Trotz Hardys monotonem Waliser Akzent wird konstant Spannung aufgebaut, die sich steigert, doch dann – leider – abrupt abbricht. Es ist nicht die gewöhnliche Geschichte, die uns umhaut, sondern ihre ungewöhnliche Machart.
Ivan Locke ist ein vernünftiger Mann, der einen Fehler beging. An einer Stelle sagt er über die Betonierung: „You make one little mistake, and the whole world comes crashing down around you.” Die Ambiguität dieses Kommentars ist an uns nicht verloren. Die Entscheidungen, die wir treffen, diktieren das Leben, das wir führen. In der Überlegenheit der Vernunft und in der Freiheit, abwägen zu können, ob unsere Entscheidungen gut oder schlecht sind, sah der britische Philosoph John Locke – der Namensgeber des Titelhelden – den freien Willen. Vielleicht liegt genau darin ein Stück weit Trost.