Wer an „Weekend of a Champion“ Gefallen findet, dem sei auch Asif Kapadias Dokumentarfilm „Senna“ (2010) ans Herz gelegt – ein vielschichtiges, formal und emotional bestechendes Porträt der vor 20 Jahren tödlich verunglückten Formel-1-Legende.
Wenn Dokumentarfilme über Sportarten und deren Proponenten das Genre transzendieren, sind sie auch für jene von Interesse, die ansonsten eher nichts mit der Materie anfangen können. Leon Gasts Muhammad-Ali-Doku When We Were Kings (1996) etwa beschränkte sich nicht auf eine Abbildung des legendären „Rumble in the Jungle“, sondern fing auch die Begleitumstände des von Diktator Mobutu Sese Seko finanzierten Box-Events im Zaire des Jahres 1974 ein und zeichnete ein lebendiges Porträt von „The Greatest“ zwischen Selbstdarstellung und Black Power. Der experimentelle Zidane, un portrait du 21e siècle (2006) von Douglas Gordon und Philippe Parreno richtete während eines Fußballspiels 17 Kameras ausschließlich auf den titelgebenden Fußballer und sorgte so für einen isolierten, ungewöhnlichen Blick auf eine Mannschaftssportart. Auch Asif Kapadias Senna (2010) ist für Sportbegeisterte ebenso empfehlenswert wie für Cineasten. Emotionales Storytelling und technische Virtuosität sind hier auf das Gelungenste vereint – ein Kunstwerk, das zahlreiche Preise erhielt (darunter ein BAFTA für den Besten Dokumentarfilm 2012) und hierzulande im Österreichischen Filmmuseum zu sehen war.
Das Porträt des brasilianischen Rennfahrers Ayrton Senna da Silva, der vor 20 Jahren, am 1. Mai 1994, beim Großen Preis von San Marino im Alter von 34 Jahren tödlich verunglückte, besticht auf vielen Ebenen, zeigt den Familienmenschen Senna ebenso, wie es einen Blick hinter die Kulissen des von Machtinteressen geprägten Formel-1-Zirkus wirft. Obwohl es Interview-Einspielungen von Formel-1–Proponenten gibt, ist der Film auf visueller Ebene ausschließlich aus Archivmaterial zusammengesetzt – Kapadia konnte dafür erstmals auf privates, unveröffentlichtes Material aus dem Besitz der Familie Senna zurückgreifen. Dieser Zugang (der jenem der im selben Jahr entstandenen Dokumentation Autobiografia lui Nicolae Ceausescu von Andrej Ujica ähnelt) sorgt in gleichem Maße für Unmittelbarkeit, wie der Videolook
zum Zeitkolorit beiträgt. Das oft schlierige, geisterhafte Material fungiert als Träger einer Chronik eines angekündigten Todes.
Das alles ist virtuos geschnitten und stimmungsvoll, dabei nie aufdringlich mit Musik unterlegt. Das Leben des dreifachen Weltmeisters verdichtet sich zu 106 packenden Minuten; Sennas Spiritualität, seine Auseinandersetzungen mit dem mächtigen Formel-1-Boss Jean-Marie „My decision is the best decision“ Balestre, sein Tod, der bisher letzte in dieser Sportart (nachdem Senna verunglückte, wurden die Sicherheitsstandards drastisch erhöht) machen den Film zur Helden- und Märtyrergeschichte. Im von politischen und ökonomischen Krisen geplagten Brasilien war Senna, der selbst aus wohlhabenden Verhältnissen stammte und sich so dem Motorsport widmen konnte, Nationalheld und Lichtgestalt. Sympathien brachten ihm nicht nur sein Charisma, sondern auch der Umstand, dass er sich im Gegensatz zu anderen klar zu Brasilien bekannte und bei Siegen demonstrativ die Nationalflagge schwenkte.
Rivalen der Rennbahn
Die frühen Stationen von Sennas Karriere – der Beginn als Kart-Fahrer, die ersten Formel-1-Triumphe mit dem technisch eigentlich hoffnungslos unterlegenen Toleman, eine Saison bei Lotus – werden zügig abgefahren, dann wird jenes Duell etabliert, das damals für Schlagzeilen sorgte und die Einschaltquoten in die Höhe trieb: Senna gegen Prost. Beide waren Rennstallkollegen bei McLaren, beide galten als beste Rennfahrer ihrer Zeit und konnten doch unterschiedlicher nicht sein. Alain Prost, der kühl kalkulierende „Professor“, der die Politik des Sports verstand und ein Naheverhältnis zu seinem Landsmann Balestre pflegte, gegen den risikofreudigen Südamerikaner Senna, der sich des Öfteren mit der FISA anlegte, dem von Kollegen sein halsbrecherischer Stil vorgeworfen wurde und der insbesondere Regenrennen liebte (Kapadia folgt hier im Grunde der damals medial verbreiteten Sicht auf das „Duell“; ob Prost eine Spur zu sehr als Bösewicht und Senna etwas zu verklärt erscheint, mag diskutabel sein, doch die Konstellation bildet das stimmige dramaturgische Rückgrat des Films). Der anfangs höflich-respektvolle Umgang der beiden steigert sich immer mehr zu offener Rivalität und Feindschaft, die nicht zuletzt in zwei Kollisionen gipfelte (die erste brachte Prost den Weltmeistertitel, die zweite Senna). Dass die Formel 1 damals noch eine von zahlreichen Todesfällen und schweren Verletzungen geprägte Sportart war, gibt den packenden Rennszenen einen zusätzlichen dramatischen Unterton. Sieht man Senna fahren, kann man nur dem Kommentator John Bisignano zustimmen: „There is only one word to describe Ayrton’s style and that is: fast.“ An Intensität kaum zu überbieten etwa der Sieg Sennas beim Großen Preis von Brasilien – ein Rennen, das Senna um jeden Preis gewinnen wollte, ja musste. Obwohl das Auto im sechsten Gang steckenblieb und Senna dadurch Muskelkrämpfe bekam, siegte er. Im Ziel brach er in Tränen aus und wurde ob der übermenschlichen Anstrengung ohnmächtig, auf dem Siegespodest konnte er den Pokal vor Schmerzen kaum in Händen halten. Brasilien war im kollektiven Siegestaumel, die Polizei musste das Familienanwesen vor dem Ansturm der Fans schützen. Der Schluss – beim Horrorwochenende in Imola starb auch der Österreicher Roland Ratzenberger – ist geradezu herzzerreißend. In Brasilien wurde eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen, eine Million Menschen säumen den Weg zum Morumbi-Friedhof. Eine Trauernde spricht die Gedanken vieler aus: „Brasilien braucht Nahrung, Bildung und ein wenig Freude. Nun ist diese Freude verschwunden.“ Doch Sennas Erbe war nicht nur der Umstand, dass sein Tod (die Unfallursache ist bis heute nicht endgültig geklärt) aus der Formel 1 einen sicheren Sport machte; das Instituo Ayrton Senna unterstützt bis heute notleidende Kinder in Brasilien und ist um deren Schulbildung bemüht. Unter den Treuhändern ist übrigens jener Mann, der Senna als einer der Sargträger das letzte Geleit gab: Alain Prost.
