Die 53-jährige Julianne Moore ist eine der großartigsten Schauspielerinnen ihrer Generation. Ein ausführliches Gespräch.
Herzzerreißend die Szene in Magnolia (1999), in der ein verstockter Apotheker den Deckel verschiebt, unter dem ihre Selbstvorwürfe kochen. Köstlich, mit welch grotesken Verrenkungen sie dem „Dude“ Jeff Bridges in The Big Lebowski (1998) eine Samenspende abtrotzt. Und nur ein weiteres von vielen möglichen Beispielen: Wie Julianne Moore in Todd Haynes’ Douglas-Sirk-Hommage Far from Heaven (2002) zwischen persönlicher Sehnsucht und gesellschaftlichen Erwartungen taumelt und den Halt verliert, ist großes Melodrama.
Die Frau mit den deutlich sichtbaren schottischen Wurzeln (mütterlicherseits) tauchte – nach einem Theaterdiplom an der Boston University und ersten Fernsehrollen – erst im Alter von über dreißig Jahren im Kino auf. Aber wie! Männliche Harddrives infizierte ihr „Unten ohne“-Auftritt in Robert Altmans Short Cuts (1993) nachhaltig. Doch schon bald trat Moore den Beweis an, dass eine oberflächliche Typenfixierung wegen äußerer Merkmale wie naturrotem Haar, Alabasterhaut und modellhaften Gesichtszügen mittels Schauspielkunst locker unterlaufen werden kann. Von der Tschechow-Adaption Vanya on 42nd Street (Louis Malle, 1994) bis zum Remake von Brian De Palmas Carrie (Kimberly Peirce, 2013) erweiterte sie stetig ihr Repertoire. Die wichtigsten Regisseure ihrer Frühphase waren Todd Haynes, in dessen Safe (1995) sie als eine Art „desperate housewife“ von sich reden machte, vor allem aber Paul Thomas Anderson. Zwei Jahre vor Magnolia besetzte P.T.A. sie als pillenabhängigen Pornostar Amber Waves in Boogie Nights (1997) und verhalf ihr zur ersten von insgesamt vier Oscar-Nominierungen.
Inzwischen ist Moore, die zwischen neurotischer Mutter, gelangweilter Spröder und aufmerksamkeitsdefizitärer Diva ungefähr so viele Facetten wie Sommersprossen zu bieten hat, längst als Charakterdarstellerin etabliert. Vor eineinhalb Jahren erhielt sie Emmy und Golden Globe für ihre frappierende Verkörperung der ultrakonservativen, ehemaligen Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin in dem TV-Politdrama Game Change (2012). Ihre Figur in David Cronenbergs Satire Maps to the Stars treibt die Befürchtung um, eine „Has Been“ zu sein, ein Auslaufmodell. Als fiktiver Hollywood-Star Havana Segrand balgt Moore mit allen Mitteln um eine rettende Rolle, wohingegen ihre eigene Karriere sie eher ins Burnout zu treiben droht: Nicht weniger als sieben fertige oder gerade entstehende Werke sind derzeit in ihrer mehr als 70 Rollen umfassenden Filmografie gelistet. Moore ist in zweiter Ehe mit dem US-Regisseur Bart Freundlich verheiratet; die Gage für ihre Präsenz in den anstehenden Hungerspiel-Sequels dürfte die Ausbildung ihrer zwei Kinder im Teenager-Alter mehr als decken.
Für die zwischen Hysterie, Verlogenheit und nackter Angst changierende Interpretation des manisch-depressiven, verlöschenden Stars Segrand durfte Julianne Moore im vergangenen Mai die Silberne Schauspielpalme aus Cannes mitnehmen.
Maps to the Stars wirkt wie eine dichte Version von Hollywoods dunkler Seite. Wie denken Sie darüber?
Dieser Film handelt nicht nur von Hollywood an sich, sondern über Leute, die unbedingt gesehen, gehört, anerkannt oder beachtet werden wollen. Sie haben das Gefühl, dass der einzige Weg, gesehen zu werden und Bestätigung zu finden, aus Äußerlichkeiten wie Erfolg, Geld, Berühmtheit besteht. Doch in Wahrheit ist die einzige Art, wie man wirklich wahrgenommen werden kann, eine enge Beziehung mit einem Partner, einem Freund oder Familienmitgliedern. In diesem Film wird das Verlangen nach öffentlicher Anerkennung neben Familienbeziehungen gestellt. Wenn man diese Distanz zwischen Realität und dem Inneren und Äußeren hat, und diese Leere in einem drinnen, dann implodiert man. Und das machen sie alle: Sie implodieren. Hollywood wird stets als Metapher dafür verwendet, weil es dort extreme Beispiele gibt, aber man könnte genauso Hedgefonds oder eine Autofirma als Beispiel heranziehen. Man könnte über die feine Gesellschaft reden; über jede Welt, in der Leute sich veräußerlichen.
Diese Industrie missbraucht Menschen, um ein Produkt zu verkaufen.
Das stimmt vermutlich, wenn man davon ausgeht, dass Leute keine Grenzen mehr haben, keine innere Struktur, keine engen Beziehungen – wenn man all das, was man haben sollte, um ein menschliches Wesen zu bleiben, nicht mehr hat, dann wird es gefährlich, weil man dann allmählich die Verbindung zu sich selbst verliert.
Viele Leute sind aus Hollywood weggezogen, weil die Stimmung dort auf diese Weise vergiftet ist.
Das kann durchaus der Grund sein, ja. Wie gesagt: Immer, wenn man nur an das Außen denkt, bekommt man Probleme. Es ist nicht nur in Los Angeles so, es ist überall so, wo diese Werte als die wichtigen beworben werden.
Gibt es etwas an Ihrer Filmfigur, mit dem Sie sich identifizieren können? Vielleicht teilen Sie ein paar Erfahrungen?
Havana Segrand ist eine ziemlich extreme Person, einsam und mit kaum jemandem verbunden. Ich denke, dass ich nie so war. Ich kann mich aber auf jeden Fall damit identifizieren, dass man unbedingt eine Rolle haben möchte, jeder Schauspieler kann das. Ich denke, wir kennen das alle.
Wie weit würden Sie gehen, um eine Rolle zu bekommen? Manche Schauspielerinnen gehen ja angeblich so weit, dass Sie den Regisseur schikanieren.
Das habe ich nie gemacht. Aber ich habe The End of the Affair gedreht, bei dem Neil Jordan Regie geführt hat. Ich wollte zum Casting gehen, aber wusste, dass er keine amerikanische Schauspielerin für die Rolle wollte. Ich wollte aber einfach die Chance bekommen, vorzusprechen. Also habe ich ihm einen Brief geschrieben, in dem stand: „Ich weiß, Sie suchen keine Amerikanerin, aber wenn Sie mir eine Möglichkeit geben würden, vorzusprechen, wäre ich Ihnen sehr sehr dankbar.“ Das tat er, und ich bekam die Rolle. Es war wirklich verrückt. Ich glaube, dass er dachte, dass ich nicht britisch genug sein könnte und den Akzent nicht hinbekommen würde – aber letztendlich hab ich die Rolle bekommen. Das war also eine Situation, in der ich mich ein wenig aus dem Fenster gelehnt habe. (Lacht.) Manchmal will man aber einfach auch keine Moralpredigten halten. Der Kreativprozess ist, was er ist. Einen Regisseur kann man treffen, aber man kann ihn nicht schikanieren.
Was bedeutet Glamour für Sie?
Ich glaube: Leichtigkeit. Ich glaube auch wirklich, dass Begabung glamourös ist. Leichtigkeit, Intelligenz und Begabung – all diese drei Dinge.
Haben Sie eine persönliche Assistentin?
Glücklicherweise habe ich eine Babysitterin. Sie ist Kanadierin und seit Jahren unsere Babysitterin. Ich lernte sie am Spielplatz kennen, als unsere Kinder noch jünger waren. Sie ist Schriftstellerin und war damals auf der Suche nach einem Job und seither, also seit ungefähr sieben Jahren, ist sie unsere Babysitterin und Assistentin. Sie ist großartig.
Maps to the Stars ist ja eine Satire, doch was ist das extremste Beispiel von Wahnsinn, den Sie in Ihrer Karriere in Hollywood erlebt haben?
Das ist wahrscheinlich der Moment, wenn man 45 Minuten im Auto warten muss, um zu den Oscars oder den Golden Globes zu kommen. Bei den Golden Globes ist diese Warteschleife wirklich arg. Man sitzt im Auto in einer großartigen Abendrobe – und dann wartet man 45 Minuten, bis man aussteigen kann, weil so viel los ist. Das Lustige an Hollywood ist, dass es dieses Nebeneinander von normalen Dingen, wie etwa im Auto warten, und dem, was wir für Glamour halten, gibt – wie etwa dieses „Ach, schaut mich an! Ich bin ja nicht mal ein normaler Mensch!“ Das ist schon komisch. Aber es ist nicht real! Wir sitzen alle im Auto und warten in der Schlange.
Was halten Sie vom anwachsenden Celebrity-Kult?
Ich finde es sehr interessant, dass dieser Spruch Andy Warhols sich als wahr herausgestellt hat: Jeder sucht nach einer äußeren Bestätigung seiner Erfahrung. Auf gewisse Weise haben Kameras und Social Media das Interesse der Menschen daran verändert.
Das bringt uns zu Robert Pattinson. Er hat bestimmt viele Paparazzi angelockt und ungewollte Aufmerksamkeit für den Film verursacht, oder?
Nein, nicht so sehr.
Wie war die Arbeit mit ihm?
Er ist ein Schatz. Er ist so lustig und unkompliziert. Wir hatten in Toronto gar keine Probleme mit Paparazzi, es war alles sehr einfach. Natürlich ist das anders in L.A., aber er ist gut mit
David Cronenberg befreundet. David mag ihn sehr gern, er weiß sehr viel über Film und ist wirklich am Schauspiel und an den Schauspielern interessiert, macht viele Witze und ist insgesamt sehr entzückend.
Was sagen Sie Ihren Kindern über Prominenz und Erfolg?
Sie sind sich ziemlich im Klaren darüber, was das ist. Sie wissen, dass ich hier meinen Job mache, aber ich denke, sie wissen auch, dass das Drumherum nicht unbedingt echt ist. Sie wissen, dass Berühmtsein nichts Besonderes ist und dass es darauf ankommt, was man tut, nicht, wie man aussieht.
Hätten Sie ein Problem damit, wenn Ihre Kinder diesen Film sehen?
Das will ich nicht. Ich will nicht, dass sie irgendeinen meiner Filme sehen. Und sie wollen das auch nicht. Ich bin ihre Mutter, keiner will seine Mutter in einem Film sehen. Ich meine, im Ernst jetzt!
Auch nicht The Hunger Games?
Ja, den vielleicht. Aber ich denke, sie wollen vor allem, dass ich ihre Mutter bin.
Wird es für Schauspielerinnen ab einem bestimmten Alter schwerer, Rollen zu bekommen?
Ganz offensichtlich hatte ich selbst keine Probleme damit. Über andere kann ich nicht sprechen.
Aber Sie kennen bestimmt viele Schauspierinnen, für die es schwieriger ist …
Ich denke, es ist für jeden schwer. Ich bekomme diese Frage gestellt, seit ich dreißig bin. Es ist für jeden schwer, tolle Rollen zu bekommen, und es geht nicht darum, diese bereit zu stellen.Den Produzenten geht es darum, die Filme zu verkaufen. Es gibt immer mehr Rollen für Männer als für Frauen und mehr für jüngere Frauen als für ältere. Es gibt da ein großes Ungleichgewicht, aber das ist in jeder Branche so.
Wie schaut Ihr Tag aus, wenn Sie nicht arbeiten?
Ich stehe um 6.45 Uhr auf und ich gehe nach unten, während meine Tochter duscht, und mache Frühstück. Ich räume normalerweise den Geschirrspüler aus und füttere die Hunde, und dann frühstücke ich mit den Kindern. Also füttere ich alle und schaue, dass sie wegkommen. Mein Mann fährt die Kinder zur Schule, und ich lese Zeitung. Dann mach ich Yoga und lese danach ein Drehbuch oder arbeite an irgendetwas, vielleicht habe ich ein Meeting. Dann treffe ich Freunde oder habe eine Anprobe oder irgendetwas, und noch bevor ich es merke, ist es schon wieder Zeit für das Abendessen. Ich koche etwas, oder wir gehen aus. Ich mag das.
Was ist mit Partys oder Therapiesitzungen, so wie wir sie im Film sehen?
Die einzigen Partys, zu denen ich gehe, sind Kindergeburtstage oder Geburtstagsfeiern meiner Freunde. Ich gehe mit Freunden ins Theater oder ich gehe mit meinem Mann aus. Das war es dann aber auch schon.
Wie denken Sie über Auszeichnungen? Bedeuten sie Ihnen etwas?
Wir erhalten alle gerne Bestätigung. Ich war so begeistert davon, mein Sarah-Palin-Ding in Game Change durchziehen zu können, und dass ich dann letztlich den Golden Globe dafür bekommen habe, war wirklich toll. Das ist immer nett, das mögen wir alle, so werden wir alle gerne bestätigt. Man sieht es als Würdigung der Arbeit, die man vollbringt.
