Wenn die Welt um ihn herum aus den Fugen geriet und er sich wehrte – bellend, tretend, Haltung fordernd –, dann war er auf der Höhe seiner Kunst. Vor hundert Jahren wurde Louis de Funès geboren.
Am Tag nach seiner Geburt – man schrieb den 31. Juli 1914 – begann der Erste Weltkrieg, was irgendwie passt, denn erst wenn Untergang in großem Stil drohte, lief Louis de Funès (bürgerlich: Louis Germain David de Funès de Galarza) zur Hochform auf. Louis de Funès war, trotz spanischer Herkunft, durch und durch Franzose. Als kleingewachsener Mann – die Angaben zu seiner Größe schwanken zwischen 1,63m und 1,64m („Widersprechen Sie mir nicht!“) – gab er mit Vorliebe den knatternden Blechzwerg, einen Wiedergänger Napoleons, der fortwährend darüber zusammenbricht, dass die Menschheit so dumm ist, wie sie ist: „Bretter, Bretter, Bretter!“
Am allerbesten war, wenn Louis de Funès, sei es als Oscar, Balduin oder Louis, sei es als Nachtgespenst, Rabbi Jacob oder einer der drei Bruchpiloten von Paris vor Fassungslosigkeit nicht mehr wusste, wo oben und unten war, wenn sein Gesicht, so biegsam wie eine Gummimaske, nach dem Ausdruck größtmöglichen Abscheus suchte, wenn sein Mund nach Worten schnappte, wenn der ganze sich windende Körper um Antworten rang.
Seine Komik ist von der fragwürdigen Anmut eines schrill aufheulenden Motors im Leerlauf. Beispielhaft sein (alias Ludovic Cruchot) Amtsantritt als Le Gendarme de Saint-Tropez (1964). Voll Ehrgeiz und Eifer will der neue Mann für frischen Wind in dem beliebten Badeort sorgen, tritt dabei in jedes bereitstehende Fettnäpfchen und kommt selbst in Teufels Küche durch seine hübsche Tochter Nicole, die sich ihres Vaters (natürlich) schämt und sich als Erbin eines reichen Jachtbesitzers ausgibt.
Am ersten Tag seines Einsatzes an der Küstenfront nimmt Cruchot die Parade seiner künftigen Untergebenen ab, die sich höflich und nett aufgereiht haben, um den neuen Reviervorsteher zu begrüßen. Kein freundliches Wort allerdings von diesem, sondern sogleich der Befehl, Haltung anzunehmen, gefolgt von einem überwürzten verbalhysterischen Metaphernsalat: „Ein Gendarm ist für die Nation dasselbe wie ein Schäferhund für die Schafe. Er hat zu bellen! Er hat zu beißen! Kurz, wir schaffen uns Respekt und sind wie ein Baum. Ich bin der Stamm, Sie sind die Zweige. Sorgen wir also für gute Ernte und dass den Schafen nichts passiert.“
Nach dieser Rolle des Gendarmen galt Louis de Funès als Komiker Nummer eins, nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa. In den folgenden 19 Jahren bis zu seinem Tod kam nahezu jährlich ein neuer Film mit ihm in der Hauptrolle heraus, in manchen Jahren sogar zwei – der Rhythmus wurde „nur“ unterbrochen durch einen doppelten Herzinfarkt, den er 1975 nach 198 Aufführungen von Anouilhs „La Valse des Toréadors“ im Théatre des Champs-Élysées in Paris erlitten hatte. Der Zwangspause setzte er allerdings schon nach einem Jahr wieder ein Ende – mit einem seiner aberwitzigsten Filme überhaupt: L’Aile ou la cuisse (Brust oder Keule) unter der Regie von Claude Zidi. Aus der schlichten Idee „Man ist, was man isst“ machten Zidi, de Funès und Produzent Christian Fechner ein gehörig fett aufgetragenes Schelmenstück über den Kampf des unbeugsamen Restaurantkritikers Charles Duchemin gegen den Plastiknahrungsmittelproduzenten Jacques Tricatel – von heute her betrachtet eine visionäre Parabel auf den Kampf der französischen Kochkunst gegen den Imperialismus von Fastfood und Fertigmenüs. Und ein letztes Gefecht zwischen künstlicher Ordnung und organischem Chaos.
Irre Mischung aus Ordnung und Zerstörungswut
Bevor Louis de Funès zum Star wurde, war er in einer Vielzahl von Berufen solide gescheitert: Er hatte als ehemaliger Schulversager in einer Papierfabrik angefangen, die kurz darauf ihre Produktion einstellte (1939). Er war Zeichner in einer Karosseriewerkstatt, als in Paris keine Autos mehr fuhren (1940), er war Verkäufer, als es nichts mehr zu verkaufen gab (1941). Später versuchte er es auf dem Bau und in der Kürschnerei, er saß auf dem sicheren Sessel eines Bankbuchhalters und dem wackeligen Schemel eines Kabarett-Pianisten. Der Duft der großen Welt in den Pariser Modesalons war ihm ebenso wenig fremd wie das Hantieren mit toten Tierkörpern in einem Schlachtbetrieb. Noch später tingelte er als Neben- und Kleindarsteller durch unzählige Filme, lieh seinen Quadratschädel Polizisten und Ganoven, braven Ehemännern und Heiratsschwindlern, Millionären und Clochards. In Randrollen schließlich kam er respektabel heraus, darunter als Fleischschieber in Claude Autant-Laras Okkupationsposse Zwei Männer, ein Schwein und die Nacht von Paris (La Traversée de Paris) von 1956. Bis er Le Gendarme de Saint-Tropez drehte, waren in seiner Filmografie bereits 90 Titel gelistet.
Das Genuine der Komik von Louis de Funès: Er schleimte nach oben und trat nach unten. Letzteres allerdings nicht aus Gehässigkeit, sondern weil die Füße nun mal unten sind, und irgendwas muss man ja damit machen. Sollen die Blödlinge doch nicht da rumstehen – aber wehe wenn nicht! Louis herrschte nicht in seiner Umgebung, er herrschte sie an. Aus dem Geist von Stress und Hektik – aber wehe Stress und Hektik ließen nach! Alles am falschen Platz zur falschen Zeit. Eine wahrhaft irre Mischung aus Ordnungs- und Zerstörungswut, die das Allernächste ins Visier nimmt, eine fortwährende Suche nach der Antwort auf die Frage, was sich in der nächsten Umgebung effektiv terrorisieren lässt: die Kleinstadt, die Kleinfamilie, den mittleren Dienst der Bürokratie, das mittlere Unternehmertum, den Polizeiapparat. Vor allem aber: sich selbst. „Na das ist doch aber … das gibt’s doch … das ist doch zum …“
Wenn man den Namen Louis de Funès hört, dann entsteht vor dem inneren Auge (und Ohr) weniger eine stabile Physiognomie, eine klare Geste, eine feste Gestalt, oder Artikulation. Man sieht (und hört) eher Entgleisungen: übersteigerte Motorik der Extremitäten, cholerische Mimik und eine Reduktion von Sprache auf emotionale Laute („Neiiiiiin! Ooooooooh!“) – bis zur Kenntlichkeit übertriebene Chiffren des engherzigen, verschlagenen und querulantischen französischen Kleinbürgers, jener Spezies, die sich mit aller Kraft gegen die Auflösung traditioneller Ordnungen stemmen, und die doch niemand liebt dafür.
Ganz anders und dennoch absolut ähnlich, wenn Louis zu Adolf mutiert: In Le Grand restaurant (Scharfe Kurven für Madame = Oscar hat die Hosen voll = Louis der Spaghettikoch, 1966) spielt de Funès den Besitzer eines Pariser Edelrestaurants. Als dieser von einem deutschen Geschäftsmann nach dem Rezept eines aufgetragenen Gerichts gefragt wird, beginnt er (auch im Original), auf Deutsch die Zutaten aufzuzählen. Dabei steigert sich seine Stimme immer mehr in jenes Crescendo hinein, das für Hitlers Reden so kennzeichnend war. Am Ende brüllt er den eingeschüchterten Gast an: „Muskatnuss, Herr Müller!“ Kurz zuvor wurden schon durch leichte Positionsveränderung des Gastronomen zwei markante Lampenschatten auf dessen Gesicht geworfen: der kleine Schnauzer und der zackige Links-Scheitel.
Das Gelächter, auf das Louis de Funès aus war, ist von der extremsten Sorte: Dass man sich biegt vor Lachen, das erschien ihm gerade noch befriedigend; dass man sich wegschmeißt, ein bisschen besser; dass man sich in die Hose macht, da fing es an, interessant zu werden. Die Einladung Claude Chabrols, einen gemeinsamen Film zu machen, schlug er mit der Begründung aus, kein Minderheitenkino machen zu wollen – er sei ein Volksschauspieler.
Fleisch gewordene Nervenprobe
1967 hatte Louis de Funès ein Schloss in der Nähe von Nantes gekauft, das einmal der Familie seiner zweiten Frau, gebürtig Jeanne Augustine de Barthélemy de Maupassant, gehört hatte. Hier hatte Guy de Maupassant eine große Anzahl seiner Novellen geschrieben. Hierhin zog sich auch Louis de Funès zwischen seinen Filmen zurück, dachte über neue Projekte und Gags nach und widmete sich seinem Hobby: dem Züchten von Rosen. Der private Louis de Funès soll ein manisch liebender Vater und Ehemann gewesen sein. Oft aber auch eine tagelang schweigende, Fleisch gewordene Nervenprobe: Er stapfte zwischen seinen Zuchtrosen umher und verweigerte hartnäckig Gesprächsangebote, trug ständig einen voluminösen Schlüsselbund mit sich herum. Auf seinem Nachttisch standen drei Wecker, weil er der Zuverlässigkeit der Uhrenindustrie misstraute, und alles im Haus hatte ein Schloss. Jede Tür, jede Schublade, jeder Schrank. Alles wurde stets zugesperrt. Erst als sich regelmäßig andere Mitglieder der Familie im Keller, in der Küche oder im Bad eingeschlossen fanden, weil der Schlossherr mal wieder auf Streife gewesen war, wurden auch sie mit Schlüsseln ausgestattet.
Es gehört zur Folklore um Schauspieler, zumal Komiker, dass sie im richtigen Leben ganz anders seien als in ihrem Beruf oder der Öffentlichkeit, aber so sehr anders nun auch wieder nicht. Einer seiner Söhne, Patrick de Funès, erzählte einmal in einem Interview: „Er konnte sich wirklich furchtbar aufregen über die Widrigkeiten des Alltags! Zum Beispiel, wenn er meiner Mutter ein elektrisches Schneidemesser oder einen Mixer gekauft hatte. Während der Lektüre der Bedienungsanleitung schimpfte er, und zwar stundenlang: ‚Was sind das alles für Idioten! Das versteht ja kein Mensch!‘ Oder wenn er uns einen seiner Laurel-und-Hardy-Filme zeigen wollte und Schwierigkeiten beim Aufbau des Schmalfilmprojektors hatte: ‚So ein Schrotthaufen! Der Mistkerl im Laden hat mich angeschmiert.‘“
Am 27. Januar 1983 verkrampfte infolge von Überanstrengung bei einer Winterwanderung de Funès’ Herz. In einem kleinen Nachruf schrieb Gérard Depardieu: „Komödianten sterben immer den Herztod. Sie strengen diesen Muskel zu sehr an.“
Achim Zons, verantwortlicher Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“ für die Rubrik „Thema des Tages“ mutmaßte einmal, dass Louis de Funès ohne Frage in den Himmel gekommen sei: „Kein Zweifel, wie er, einen dicken Schlüsselbund in der Linken, durch das Himmelstor vor Gott trat. Mit gespreiztem Zeigefinger- und Mittelfinger der Rechten zeigte er auf seine Augen und brüllte: ‚Wenn Sie mit mir reden, mein Lieber, sehen Sie hier rein. Immer hier reinsehen!‘ und Gott sagte: ‚Ja, Chef.‘“
