Meta-Posse: „22 Jump Street“ ist ein Sequel, das Sequels untergräbt.
In Hollywood gibt es eine altbewährte Erfolgsformel unter Produzenten: „Give me the same, but different“. In diesem Sinne müsse man an den Hit der Vergangenheit anknüpfen, appelliert Deputy Chief Hardy (Nick Offerman) an seine beiden Ermittler: „Nobody gave a shit about the Jump Street reboot, but you got lucky. So now this department has invested a lot of money to make sure Jump Street keeps going“. Nachdem sie einen High-School-Drogenring haben aufliegen lassen, werden die sehr liebenswürdigen aber nicht immer kompetenten Undercover-Polizisten Schmidt (Jonah Hill) und Jenko (Channing Tatum) nun aufs College geschickt. Der Running Gag von 22 Jump Street ist, dass es die gleiche Formel besitzt wie sein Vorgänger vor nur zwei Jahren: das gleiche Team, die gleiche Operation. „Do the same thing as last time and everyone is happy“, so der Vorgesetzte. Diese befreiende Selbstironie ist mitunter der Schlüssel zu guter Comedy.
21 Jump Street, die Action-Komödie und Film-Parodie des Achtziger-Jahre-TV-Cop-Dramas, mit der man aus Mangel an Ideen irgendeinen „Scheiß aus den Achtzigern“ wiederbelebt hatte, war deshalb so populär, weil es ein High-School- und Buddy- Cop-Film war, der sich über High-School-Klischees und Buddy-Cop-Tropen lustig machte. Die Rollen wurden smart vertauscht: Jonah Hill war cool, und Channing Tatum ging unter die Geeks. Die Fortsetzung dreht den Spieß um. Die Partnerschaft der beiden wird auf die Probe gestellt, wenn der athletische Jenko sich mit dem Quarterback (Wyatt Russell) des Football-Teams anfreundet, während der sensible Schmidt sich in eine attraktive Kunststudentin (Amber Stevens) verliebt. Bei der dingfest zu machenden Droge handelt es sich diesmal um WhyPhy („Work Hard? Yes. Play hard? Yes.“), und wieder stehen die beiden unter der Schirmherrschaft von Captain Dickson (Ice Cube). Auch wenn sie einige Zeit auf der Leinwand getrennt voneinander verbringen, konzentriert man sich auf die (Liebes-)Beziehung zwischen Schmidt und Jenko. Es ist süß, dass sich die beiden, wenn auch nur platonisch, lieben. Der homoerotische Subtext der Bromance wird auf die Spitze getrieben mit einer Paartherapie und Trennung. „Maybe … maybe we should just investigate different people“, schlägt Jenko vor, worauf Schmidt fassungslos reagiert: „You want an open investigation?!“ Die Chemie zwischen den beiden ist schlichtweg bemerkenswert, wobei es hilft, dass sie rein optisch absurd nebeneinander aussehen. Mit 22 Jump Street kehrt Hill zurück in sein gewohntes Habitat.
Tatum mag als Überraschung gelten – weil niemand ihm zugetraut hätte, die Rolle des Idioten auf so grandiose Weise zu verinnerlichen –, aber nur deshalb, weil man Hills Präzision mittlerweile für selbstverständlich hält.
Hollywoods Hofnarr wird erwachsen
Als Superbad 2007 in die Kinos kam, hätte niemand gedacht, dass ausgerechnet der pummelige Teenager an der Seite von Michael Cera demnächst zu einem der spannendsten und bestbezahlten Hollywoodstars zählen würde. In Bennett Millers Moneyball (2011) bewies Jonah Hill, dass er auch ernste Charaktere spielen kann (was er schon in dem Drama Cyrus ein Jahr zuvor als obsessiver Sohn von Marisa Tomei hatte anklingen lassen). Die Rolle des zahlenaffinen Peter Brand, der Brad Pitts Billy Beane dabei hilft, ein Baseballteam aus unterschätzten Talenten zusammenzustellen, passte in sein Spektrum ungewürdigter Loser. Dennoch war seine Darstellung für viele eine Offenbarung. In diesem Judd-Apatow-Protegé steckte ein begnadeter Schauspieler. Pitt war der nominelle, Hill der eigentliche Star. Moneyball war auch jener Film, der ihm seine erste Nominierung für einen Oscar bescherte – für ein Drama. Das ist für einen Comedian in Hollywood sehr ungewöhnlich. Nur wenige haben das geschafft, darunter Bill Murray und Robin Williams. Seine bislang beeindruckendste Performance und zweite Oscarnominierung verdankt Jonah Hill aber Martin Scorsese, der ihn neben Leonardo DiCaprios Jordan Belfort als Donnie Azoff besetzte. Wieder war er der nerdige Sidekick eines Hollywood-Beaus, aber was für einer: In The Wolf of Wall Street (2013) verkörpert er einen Goldfische schluckenden, auf Partys masturbierenden und auf Drogentrips baumelnden Börsenmakler. Das Showbiz-Kid (seine Mutter war Kostümbildnerin, der Vater Tourmanager von Guns n’Roses) war erwachsen geworden, so schien es, und hatte sich von seinen alten Freunden emanzipiert. Sein Debüt gab Jonah Hill 2004 in David O. Russells I Heart Huckabees, aber es war eine kleine Rolle in The 40-Year-Old Virgin (2005), die dem damals Zwanzigjährigen die Tür in die anerkannte Schule von Judd Apatow öffnete. Ob Knocked Up (2007), Forgetting Sarah Marshall (2008) oder Funny People (2009), Jonah Hill war stets mit von der Partie und bekam mit Get Him to the Greek (2010) endlich eine größere Rolle. David Gordon Greens Komödie The Sitter (2011) war ein befremdliches Projekt, doch ein Jahr später konnte er – zwanzig Kilo leichter – als Schauspieler, Produzent und Ko-Autor punkten: 21 Jump Street war ein Kassenschlager. Noch im selben Jahr bekam er eine Rolle als Ku-Klux-Klan-Mitglied in Django Unchained. Für lange Zeit definierte Jonah Hills Gewicht die Rollen, die er angeboten bekam. Ähnlich wie seine Kollegen Jack Black oder Zach Galifianakis verkörperte er eine Reinkarnation von Oliver Hardy. Doch die Hofnarren Hollywoods tragen ihre physische Inadäquatheit mit viel Selbstbewusstsein, worin mitunter ihre Komik begründet liegt.
Gegenwärtig arbeitet Hill an einem Projekt mit Leo DiCaprio, zudem spielt er den Journalisten Michael Finkel in True Story (2014), der Geschichte eines vom FBI gesuchten Mörders, der jahrelang unter Finkels Namen im Ausland gelebt hat. In eine Schublade lässt er sich nicht stecken: Nach dem Erfolg von This Is the End im Vorjahr lässt er sich auch das nächste Seth-Rogen-Vehikel Sausage Party nicht entgehen, ein Animationsfilm, in dem ein Würstchen namens Carl aus einem Einkaufswagen fällt und sich plötzlich mit der harten Außenwelt konfrontiert sieht. Ein animiertes Würstchen. Ja, auch das ist Jonah Hill.
Fortsetzung folgt …
„Sequel, that’s what we do in Hollywood. And everybody knows that the sequel is never quite as good“, trällert Kermit der Frosch zu Beginn von Muppets Most Wanted in die Kamera. Warum es also nicht direkt ansprechen. Fortsetzungen, insbesondere die von Komödien, sind oft dazu verdammt, zu scheitern. Sie sind rar aus gutem Grund: Sie lassen das Überraschungsmoment vermissen (The Hangover: Part II zum Beispiel war der Formel des Vorgängers lähmend ähnlich). Das hält die Filmindustrie nicht davon ab, sie immer und immer wieder zu produzieren, weil sie risikoarm sind. Und es hält uns nicht davon ab, sie immer und immer wieder sehen zu wollen. Wir jagen dem Gefühl, das wir beim ersten Mal hatten, so lange hinterher, bis wir es entweder ausgewechselt oder erstickt haben. Comedy-Sequels können (Caddyshack II, Airplane II: The Sequel und das gesamte Police Academy Debakel), aber müssen nicht kolossal schlechter sein als das Original. The Naked Gun 2 1/2, Ghostbusters II, A Shot in the Dark aus der Pink-Panther-Reihe, das sind sehr solide Fortsetzungen, die den Originalen durchaus gerecht werden. Das inhärente Problem von Comedy-Sequels liegt in ihrem repetitiven Element. 22 Jump Street ist sich seiner Natur bewusst und untergräbt die eigene Prämisse mit einer unüberschaubaren Anzahl an Meta-Gags.
Die Regisseure Phil Lord und Christopher Miller, die Köpfe hinter dem popkulturellen Zitat The Lego Movie (2014) und der animierten Konsumkritik Cloudy With a Chance of Meatballs (2009), sind – wenn es darum geht, Stroh in Gold zu verwandeln – gegenwärtig Hollywoods „Go-to“-Autoren. Ihr Markenzeichen ist die Selbstironie. Das Drehbuch von Michael Bacall, Oren Uziel und Rodney Rothman, basierend auf der Geschichte von Jonah Hill und Bacall, bietet eine schwindelerregende Masse an selbstreferenziellen, homoerotischen und infantilen Witzen. Was sich im ersten Teil bewährt hat, bewährt sich auch hier: gutmütiger Spaß mit Klischees. Schmidts Poetry Slam, der „Jesus cried“ mit „Runaway Bride“ reimt, das „Mr. and Mrs. Smithing“ (ein Faustkampf mit sexuellem Unterton) zwischen Jonah Hill und Jillian Bell – die als Mitbewohnerin mit ihrem trockenen Humor jedem die Show stiehlt – und ein animierter, psychedelischer Drogentrip sorgen zu recht für immense Lacher. Der Abspann (es empfiehlt sich, sitzenzubleiben), ein Kommentar über die Abgedroschenheit von Sequels und die Austauschbarkeit von Schauspielern: ein kleines Wunder.
Von der amerikanischen Kritik gefeiert und vom Publikum ersehnt, geben uns Lord und Miller einen (bewährten) Text und unterhaltsam durchironisierten Meta-Text. Aber gerade weil die Filmemacher an der Vorlage festhalten, bleibt wenig Spielraum für Neues. Das Team muss in die eigene Falle tappen, denn dass 22 Jump Street sich über schematische Sequels mokiert, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es selbst ein schematisches Sequel ist.
