David Cronenberg gefällt es ganz gut in Hollywood. Der Kanadier im Gespräch über Blockbuster, Robert Pattinson, Geister der Erinnerung und über seine wunderbare Kindheit.
Mister Cronenberg, wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Hollywood beschreiben?
David Cronenberg: Ich habe eigentlich gar kein Verhältnis zu Hollywood, schließlich lebe ich in Toronto, zweitausend Kilometer entfernt. Ich habe mich immer als unabhängiger Regisseur verstanden, die meisten meiner Filme entstanden als Ko-Produktionen zwischen Kanada und Europa. Der Film ist also nicht meine Sicht auf Hollywood, sondern die Perspektive des Drehbuchautors Bruce Wagner, der dort zu Hause ist und etliche Bücher über die dortige Filmbranche geschrieben hat. Ich hege keinen Hass gegen Hollywood, und wenn ich einmal dort bin, gefällt es mir ganz gut.
Wie satirisch und wie real ist dieses Bild von Hollywood?
Bruce betont, dass er jeden Dialog seines Drehbuchs im realen Leben schon gehört habe. Natürlich muss man bei einem Drama die Dinge verdichten und Situationen ins Extrem führen. Schon George Bernard Shaw hat bekanntlich gesagt, dass Konflikte der Kern jeden Dramas seien. Niemanden interessiert ein Film, in dem alle nett und glücklich sind. Man mag sich sein eigenes Leben so wünschen, aber man will das nicht auf der Leinwand sehen.
Mögen Sie Blockbuster-Kino?
All diese „Men“-Filme, Batman, Superman, Spiderman mögen langweilig sein, aber sie machen enorm viel Geld. Die ganze Technologie, die dabei zum Einsatz kommt, finde ich beeindruckend. Es bringt mich immer wieder zum Kopfschütteln, wie viel High Tech und Geld in diese Filme investiert wird. Da werden über 200 Millionen Dollar ausgegeben, und am Ende ist der Film dennoch ziemlich dumm und langweilig. Und das sage ich als jemand, der als Kind ein großer Fan von Comics war.
Was hat Sie an der Geschichte von „Maps to the Stars“ interessiert?
Ich fand das Drehbuch stark. Es ist witzig und traurig, bisweilen sogar furchteinflößend. Für mich bot es eine schöne Gelegenheit, die menschlichen Verhaltsweisen in einer sehr zugespitzten, intensiven Form zu thematisieren. Dabei wollte ich vermeiden, einen weiteren Film über das Filmemachen zu drehen. Solche Innenansichten finde ich ermüdend, das ist, wie wenn Autoren über das Schreiben schreiben. Für mich handelt es sich um ein Familiendrama, aber eben nicht die übliche Version eines Familiendramas.
Ursprünglich gab es Geister im Drehbuch, warum haben Sie die gestrichen?
Ich glaube nicht an Geister, für Übersinnliches bin ich nicht empfänglich, deswegen sind die klassischen Gespenster weggefallen. Was ich hingegen emotional und psychologisch spannend finde, sind die Geister der Erinnerung. An seine Eltern erinnert man sich noch lange nach deren Tod. Mit solchen Geistern aus ihrer Vergangenheit werden die Figuren im Film konfrontiert.
Sie gelten als Meister des subtilen Horrors, wie sehen Ihre eigenen Ängste aus?
Ich habe keine Ängste! Auch nicht vor dem Tod, den ich mir als die ultimative Freiheit vorstelle. Ich gewisser Weise hat der Tod auch etwas Schönes. Natürlich bin ich nicht völlig glücklich über meine Sterblichkeit – aber sie ist unausweichlich. Als Atheist glaube ich nicht an ein Leben nach dem Tod. Wenn der Körper stirbt, ist alles vorbei.
Warum spielen Ängste in Ihren Filmen diese große Rolle, wenn Sie selbst gar nicht davon betroffen sind?
Vielleicht habe ich mit der Aussage etwas übertrieben, aber ich bin tatsächlich kein besonders ängstlicher Mensch. Ich hatte eine wunderbare Kindheit mit liebevollen Eltern. Die üblichen Traumata fallen bei mir also weg. Gleichzeitig habe ich bei meinen Filmen die Tendenz, mich für die dunklen Seiten des Lebens zu interessieren und sie zu beleuchten. Das hat eher mit meiner Neugier als mit einer Angst zu tun. Kino ist wie ein wissenschaftliches Projekt für mich. Wissenschaft fand ich schon immer spannend und wollte das auch zu meinem Beruf machen. Besonders Zellbiologie und Insekten faszinieren mich, was einigen meiner Film anzumerken ist.
Waren Ihre Eltern nicht etwas irritiert, als der nette Sohn im Kino Köpfe explodieren ließ?
Leider sind meine Eltern verstorben, bevor ich begann, Filme zu drehen. Lediglich die Anfänge meiner Karriere haben sie noch erlebt. Ich glaube, sie wären stolz auf mein Schaffen und die Anerkennung, die ich erfahre. Beide waren kreativ tätig, mein Vater als Autor und meine Mutter als Musikerin. In dieser schöpferischen Atmosphäre bin ich aufgewachsen, was sehr schön für mich war.
Wie kam Julianne Moore in Ihren Film?
Ich bot Julianne das Drehbuch bereits vor acht Jahren an, und sie mochte es. Aber dann hat sich die Finanzierung länger als erwartet hingezogen. Als ich sie schließlich erneut fragte, war sie zum Glück noch immer begeistert. Allerdings mussten wir ihre Rolle nun etwas an das Alter anpassen. Aber auch andere Dinge wurden aktualisiert: In der ursprünglichen Fassung waren Mobiltelefone beispielsweise noch gar nicht vorhanden, weil es sie ebenso wenig gab wie Facebook oder Twitter.
Sie haben Robert Pattinson vom Schicksal des Teenie-Stars gerettet. Welche Qualitäten sehen Sie in ihm?
Ich glaube nicht, dass ich ihn gerettet habe, es gibt noch immer genügend Mädchen, die kreischen, wenn er auftaucht. (Lacht.) Für mich ist Robert ein großartiger Schauspieler, der in diesem Film eine wunderbare Vorstellung gibt. Er sagte mir schon damals bei Cosmopolis, dass er gern einmal in einem Film spielen würde, wo er nicht der Star ist und die ganze Last eines Films tragen müsse. Daran habe ich mich erinnert, denn dieser Ensemble-Film passt bestens zu seinen Wünschen.
Macht so ein Name nicht auch die Finanzierung leichter?
Natürlich kann man mit Stars die Produzenten leichter überzeugen. Bei Cosmopolis war es hilfreich, in diesem Fall war der Name Robert Pattinson jedoch nicht unbedingt erforderlich, schließlich hatten wir ja bereits einige Stars verpflichtet. Zudem hat der Film mit 13 Millionen Dollar ein relativ bescheidenes Budget. Für mich war Robert ganz einfach die ideale Besetzung für diese Rolle.
