Altmeisterwerk, tiefgründig und hochfliegend
Miyazaki Hayao geht in den Ruhestand. Kaze tachinu ist sein letzter Film. Sagt zumindest Miyazaki selbst, und die Worte des inzwischen 73-jährigen Mitgründers des Studio Ghibli und Meisters des japanischen Animationsfilms gilt es zu respektieren. Und doch … die Hoffnung stirbt zuletzt … vielleicht überlegt er es sich dann doch noch einmal anders … vielleicht schenkt er uns ja noch einen Film … verzaubert, irritiert, bestürzt, bewegt und rührt uns weiterhin mit seinen komplexen Erzählungen aus wundersamen Welten, mit ambivalenten Figuren und spirituellen Kräften, mit Schwerwiegendem, das leichter Hand verhandelt wird.
Nicht, dass Kaze tachinu kein würdiger Abschied wäre. Im Gegenteil. Wie Porco Rosso, Miyazakis 1992 entstandener Lieblingsfilm, richtet sich auch sein letztes Werk dezidiert nicht an Kinder, erst recht nicht an kleine. Ein wenig geistige Reife, etwas Gespür für die Komplexität eines menschlichen Charakters, eine Ahnung von dem der Conditio humana inhärenten Chaos sowie, nicht zuletzt, eine Prise historisches Wissen – all dies kann angesichts Miyazakis 30 Jahre umfassender Erzählung aus dem Leben des Flugzeugkonstrukteurs Horikoshi Jiro nicht schaden. In die Geschichte eingegangen ist dieser als Designer der Mitsubishi A6M, auch bekannt als Zero; jenes Flugzeugs, mit dem die japanischen Luftstreitkräfte im Zweiten Weltkrieg zunächst enorme Verheerungen anrichteten und schließlich ihre Kamikaze-Angriffe durchführten. Kamikaze bedeutet: göttlicher Wind.
Freilich, Kaze tachinu ist keine Biografie im traditionellen, zuvörderst an Oberflächen-Ereignissen und verbürgten Fakten interessierten Sinn. „Ich möchte“, sagt Miyazaki über das zugrunde liegende Thema, „das Porträt eines ganz in seiner Arbeit aufgehenden Individuums kreieren. Eines Menschen, der seine Träume verfolgt, koste es, was es wolle. Träume besitzen ein Element des Wahnsinns, und solch ein Gift soll nicht verschleiert werden.“ Dementsprechend anspruchsvoll gestaltet sich die Narration: Ellipsen, Zeitsprünge, Leerstellen, emblematische Szenen, rätselhafte Figuren, erratisches Handeln, kaum Hintergrundinformation. Und klar, ja, blendend scharf zutage treten: ein Mensch und seine Obsession. Ein komplexer Charakter in komplexer Verflechtung mit einer komplexen Welt.
Einmal mehr gelingt Miyazaki das bewundernswerte Kunststück, Verständnis zu wecken für die Existenz des Schrecklichen als Teil des großen Ganzen. Einmal mehr stellt sich die Frage nach dem Begriff der Schuld jenseits des Ideologischen. Und klar, ja, blendend scharf zutage treten: ein Mensch, seine Obsession und seine Verantwortung.
