Bahnhof Non Stop
Graz (2010 geschlossen)
Das Haus meiner Kindheit in Graz war ein altes, schönes und dunkles Haus. Dunkel die Wohnung, dunkel sogar der Balkon, und der Keller natürlich stockfinster. Dort im Keller – der Müllraum, und daneben die Wohnung der Hausmeisterin. Frau Wrann wachte über Ordnung und Sauberkeit im Haus und ganz besonders im Müllraum, und die bange Vorahnung beim Mistausleeren, sie würde auch diesmal mit argwöhnischem Gesicht und Taschenlampe in der Hand auf mich Zwölfjährigen zugeschossen kommen, machte das Ganze noch gruseliger. Es war die Zeit des „Dan Shocker“-Lesens.
Dann kam die Zeit des systematischen Kinogehens. Des Schultasche-in-die-Ecke-Werfens und Sofort-ins-Kino-Gehens. Die Zeit von Filmen wie Mandingo, Verflucht, verdammt und Halleluja, von Was?, Der Swimmingpool und Erotische Geschichten aus 1001 Nacht, und ich war gerade vierzehn und sah noch immer aus wie zwölf. Nicht einmal die bestgefälschten Schülerausweise konnten mir Eintritt zu den Filmen verschaffen, die ich hätte sehen wollen, und die Grazer Kartenabreißer kannten alle, die zumindest einmal ergebnislos versucht hatten, in Filme über 17 zu kommen.
Nach drei solchen vergeblichen Versuchen, Der letzte Tango in Paris zu sehen, verschlug es mich in das Bahnhof Non Stop Kino. Das Kaufen der Karte verlief diesmal ohne Probleme, und so galt es nur mehr, den Kartenabreißer zu überwinden. Und da stand sie im Dunkel mit der Taschenlampe in der Hand. Sie hat mich freundlich lächelnd zu meinem Platz geführt und war ab da der Engel meiner frühen, verbotenen Kinoabenteuer.
Das Kino war alt und weitläufig, mit Spielautomaten im Foyer, einer großen Leinwand und kaputten Notausgangslampen. So war es unglaublich finster, und was gibt es Schöneres als ein wirklich finsteres Kino? Unter der Leinwand gab es eine kleine, matt beleuchtete Uhr, damit man seinen Zug nicht versäumte. Das habe ich sonst nirgends gesehen. Als das Non Stop ein Pornokino wurde, war ich fünfzehn.
Auch darüber hat Frau Wrann nie ein Wort verloren.
Der Text erschien erstmals in:
Andreas Ungerböck (Hg.): Österreichisches
Kinohandbuch 2000/2001, Wien 2000, S. 167ff.
