Der Ur-Text aller Teenager-Dystopien kommt zu spät.
Die Literaturverfilmung von Regisseur Phillip Noyce reiht sich ein in den derzeitigen Trend George-Orwell’scher Teenager-Phantasien, doch was die wenigsten wissen: Mit „The Giver“ wurde die pubertäre Postapokalypse eingeleitet.
Jonas (Brenton Thwaites) lebt in einer vermeintlich utopischen, konfliktfreien und buchstäblich farbenfreien „Gemeinschaft“, die nach „Gleichheit“ strebt und Gefühle sowie Libido mit einer täglichen Injektion chemisch unterdrückt. Die Menschen, sie sind nicht übermäßig glücklich, aber auch nicht unzufrieden. Sie haben weder Kenntnis von Musik, Krieg noch Liebe. Das Wetter wird von „Ältesten“ reguliert (allen voran Meryl Streep), so wie auch Berufe, „Familien-einheiten“ und Sprache. „When people have the freedom to choose, they choose wrong“, so die Hypothese. Von diesen Regeln ausgenommen ist der „Receiver“ und „Giver“ (Jeff Bridges), der stellvertretend für alle die gesamte menschliche Erfahrung speichert und Jonas als seinem Nachfolger Erinnerungen überträgt. Dazu zählt das Gefühl von Schnee auf der Haut ebenso wie der Verlust eines geliebten Menschen. Allmählich und ähnlich wie in Pleasantville (1998) sickert Farbe in das bleiche Setting, und der „Auserwählte“ beginnt Fragen zu stellen.
Das Produktionsdesign von Ed Verreaux vermittelt sehr schön ein antiseptisches Gefühl. Die Eintönigkeit und die Langeweile, all das ergibt zu Beginn noch Sinn (von der unscharfen Logik einmal abgesehen), doch kann Thwaites mit dem Ausdrucksumfang einer Forelle den Übergang von gefühlstaub zu gefühlvoll nicht stemmen – im Gegensatz zu Bridges, in dessen Gesichtslandschaft sich die Schwere der Welt widerspiegelt. Kleine Farbblitze und flüchtige Freuden bilden nette Höhepunkte, die, sobald sie in Montagen von Stammestänzen, Nelson Mandela und dem Fall der Berliner Mauer münden, manipulativ wirken. Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass Lois Lowrys „The Giver“, ein zwei Jahrzehnte alter Roman für Kinder, der als Mutter der jüngsten Teenager-Dystopien gehandelt wird, wie ein leiser, antiquierter Abkömmling von The Hunger Games (aber ohne Gladiatorenkämpfe) oder dessen Appendix Divergent (aber ohne Schwulst) anmutet. Das Alter der Protagonisten wurde von zwölf auf vermarktungsfähige 16 Jahre erhöht. Die Schwarz-Weiß-Optik in weiten Strecken des Films hat den Übergang vom Papier auf die Leinwand erfreulicherweise ebenso überlebt wie der Kern der Parabel, die vor Gefühlsarmut und Gleichschaltung warnt. Leider erscheint The Giver zu spät auf der eigenen Party.
