Von der Öffentlichkeit eher wenig bemerkt, gibt es in Österreich eine kleine, aber überaus aktive Szene des nichtkommerziellen Films. Sie investiert viel Zeit und Geld in ihr Hobby und misst sich gern in Wettbewerben – bis hin zur Weltmeisterschaft.
Beim Begriff „nichtkommerzieller Film“ denken die meisten Leute an handlungsarme Werke, in denen vom Schicksal gebeutelte Menschen in minutenlangen Einstellungen verschneite Eisenbahngleise entlanggehen. Dabei werden diese oft als künstlerisch wertvoll eingestuften Filme von professionellen Regisseuren, Schauspielern und Technikern gedreht, die für ihre Arbeit bezahlt werden. Die einzig wahren nichtkommerziellen Filme werden von Hobbyfilmern hergestellt, weil bei ihnen keine wirtschaftlichen Interessen dahinterstehen, weil kein Geld eingenommen wird, sondern bestenfalls ausgegeben.
Die verlorenen Bilder
Die überwiegende Mehrheit dieser Chronisten gibt sich damit zufrieden, mehr oder wenig regelmäßig Familienfeste oder Reisen zu dokumentieren, auch wenn die vielen Stunden Material meist ungeschnitten irgendwo im Keller lagern und selten bis nie angeschaut werden. Es gibt aber allein in Österreich auch rund tausend Menschen, die sich über den Abbildungscharakter hinaus für die Funktionsweise des Mediums Film interessieren, die neben ihrem Job kurze bis mittellange Filme drehen und sich in 64 Filmclubs organisieren. Der Dachverband dieser Vereine, der Verband der österreichischen Film-Autoren (VÖFA), feierte heuer seinen 50. Geburtstag.
Die Geschichte des nichtkommerziellen Films („Amateurfilm“ wird nicht so gern gehört, das klingt ein wenig nach minderer Qualität, vor allem im Vergleich zu „professionell“) begann aber natürlich nicht mit der Gründung des VÖFA. Bereits 1927 wurde der „Klub der Kinoamateure Österreichs“ ins Leben gerufen, der immer noch existiert und somit der weltweit am längsten kontinuierlich betriebene Verein für Filmamateure ist. VÖFA-Präsident Alois Urbanek ist schon seit Mitte der sechziger Jahre dabei und hat alle technischen Umwälzungen mitgemacht: „Wie viele andere habe ich seinerzeit damit begonnen, die eigenen Kinder nach der Geburt zu filmen und zwar auf Normal 8, da brauchte man noch eine Schere und eine Klebepresse neben der Kamera und dem Filmmaterial. Heute muss man für die Montage schon fast ein Computerexperte sein. Dafür kann man den Schnitt endlos variieren und wiederholen. Damals war ein Schnitt noch eine unwiederbringliche Entscheidung, das weggeschnittene Bild war nicht mehr verwertbar und sozusagen für immer verloren. Später kamen Super 8 und 16mm, das sich aber kaum jemand leisten konnte oder wollte. Video 2000, Betamax, VHS, Super VHS, jedes dieser Videoformate galt eine Zeit lang als das Nonplusultra der Technik, heute kann man sich das ob der schlechten Auflösung kaum noch anschauen, wobei man sagen muss, dass rein von der Auflösung her moderne Digitalkameras nicht höherwertig sind als Super 8-Film.“
Die heutige digitale Technik ermöglicht mit relativ geringem finanziellem Aufwand fernsehtaugliches Material. Licht und Ton sind nicht mehr die großen Herausforderungen wie anno dazumal. Trotzdem stagniert die Zahl der Filmclubs, die Anzahl der Mitglieder geht seit den frühen achtziger Jahren stetig leicht zurück. Für Georg Schörner, den Generalsekretär des VÖFA, ist der Grund klar: „Nachwuchs zu finden wird immer schwieriger. Als ich mit Anfang 20 einem Filmclub beitrat, gab es viele Leute in meinem Alter bzw. bis etwa 30 Jahre, die nie auf die Idee gekommen wären, Film zu ihrem Beruf machen zu wollen. Für uns war es ein Hobby neben dem Job. Heute gibt es durchaus junge Leute, die sich für Film interessieren, wahrscheinlich sogar mehr als damals, aber die machen ihre Filme hauptsächlich deshalb, um sie als Referenz für die Filmakademie oder andere Ausbildungsstätten vorweisen zu können. Werden sie dann, was wegen der hohen Zahl an Bewerbern eher selten ist, aufgenommen, schlagen sie meist auch eine Profilaufbahn ein. Scheitern sie, verlieren sie oft relativ schnell die Lust am Filmen und widmen sich anderen, weniger zeitaufwändigen Hobbys.“
Mutig in den Wettbewerb
In den größeren Städten ist das konkurrierende kulturelle Angebot enorm. Auf dem Land sieht man des öfteren jemanden mit einem Stativ und einer Kamera, der zumindest alle Festivitäten filmt, man trifft sich bei öffentlichen Vorführungen des örtlichen Filmclubs, die Kooperation mit anderen Kulturvereinen funktioniert, somit wird der Einstieg für den filmischen Nachwuchs um einiges erleichtert. Die Vorteile eines Filmclubs liegen für Alois Urbanek auf der Hand: „Feedback hilft immer, wenn man nur irgendwie dafür offen ist. Gestalterisch weiter zu kommen, wenn man auf sich allein gestellt ist, ist sehr schwer. Im Filmclub sind alle in einer ähnlichen Ausgangslage, man kann seine Filme adäquat einordnen. Es bringt nichts, wenn man seine eigenen Werke mit Multimillionen-Dollar-Produktionen vergleicht. Die Kameras sind meist im Besitz der Filmer, aber Schnitt und Vorführung werden oft im Club bereitgestellt. Was aber wichtiger ist, ist die Bereitschaft, einander zu helfen, sei es mit Tipps oder direkter Unterstützung – als Techniker oder bei Spielfilmen als Darsteller.“ Gefilmt wird alles, was die Menschen bewegt, das reicht von sehr persönlichen (Familien-)Geschichten bis zu Science-Fiction-Versuchen im Spielfilm, aber die überwiegende Mehrheit der Filme kann man getrost dem dokumentarischen Bereich zuordnen: Von der letzten Fahrt einer alten Eisenbahn bis zu Reiseberichten, Sozialreportagen und Künstlerbiografien ist jede Spielart des Dokumentarfilms vertreten, die auch im Fernsehen oder im Kino auf der Tagesordnung steht.
Es ist sicher nicht jeder dieser im Durchschnitt etwa viertelstündigen Filme ein verstecktes Meisterwerk, aber das Bemühen um eine formal ansprechende Gestaltung, die im Gegensatz zum Einfach-Drauflos-Filmen Zeit, Planung und Kreativität verlangt, ist immer deutlich sichtbar. Diese Autoren-Filmer scheuen auch keinesfalls die Konkurrenz, im Gegenteil zeugt die rege Teilnahme an vielen clubinternen Wettbewerben, aber auch Landesmeisterschaften, Staatsmeisterschaften und sogar Weltmeisterschaften, die von der Unica (Union International du Cinema) veranstaltet werden, von einer regelrechten Freude an der Herausforderung, von einer Jury beurteilt zu werden. Diese fünfköpfigen Jurys müssen eine von der VÖFA organisierte Ausbildung absolvieren und diskutieren im Gegensatz zu großen Filmfestivals öffentlich über die Filme (das wäre z.B. in Cannes sicher unterhaltsamer als manche Filme). Die Filmemacher dürfen auch hundert Sekunden Stellung zu deren Urteil nehmen, allerdings keine Fragen stellen. Dann stimmen alle Juroren gleichzeitig über verschiedene Auszeichnungen wie Bronze, Silber, Gold oder Staatsmeistertitel ab. Das ist immerhin ein sehr transparentes System, das natürlich nicht verhindern kann, dass leer ausgegangene Regisseure einzelne Juryentscheidungen nicht nachvollziehen können, aber zum Glück ist keine künstlerische Leistung vollständig nach objektiven Kriterien zu beurteilen. Auch bei einzelnen traditionsreichen Festivals wie beim Internationalen Filmfestival „Goldene Diana“ am Klopeiner See in Kärnten, wo übrigens auch Filmakademiefilme gezeigt werden, dem 1972 erstmals ausgetragenen „Festival der Nationen“ (derzeit am Attersee) oder dem afc-Kurzfilmwettbewerb in Wien trifft sich die gut vernetzte Szene gerne.
Die Abbildung der Wirklichkeit
Prinzipiell sind aber alle Clubs offen für Neueinsteiger, man kann jederzeit ohne Anmeldung bei den Clubabenden vorbeischauen. Das Programm der einzelnen Clubs, das auch Vorträge über Technik oder formale Fragen beinhaltet, findet man im Internet bzw. vor den Vereinslokalen. „Etliche renommierte Regisseure haben in Filmclubs ihr Handwerk gelernt, der bekannteste davon ist sicher Steven Spielberg. Auch für Andreas Dresen war diese Erfahrung in der DDR für seine weitere Karriere wichtig. Der Produzent Kurt Mrkwicka sagt, dass ihm der Amateurstaatsmeistertitel Türen geöffnet hat bei der Realisierung seines ersten Films über Peter Rosegger, während andere wie Houchang Allahyari nicht unbedingt stolz darauf sind, dass sie auf der Liste der ehemaligen Staatsmeister stehen“, betont Georg Schörner die Wichtigkeit der Clubs als Möglichkeit, völlig unabhängig von Förderstellen Filme zu realisieren. Eine wichtige Funktion erfüllen diese nichtkommerziellen Filme auf jeden Fall im Lauf der Jahre, findet auch der Leiter des Filmarchiv Austria, Ernst Kieninger: „Amateurfilme sind wichtige Primärquellen für die Historiker. Unprätentiös und authentisch bilden sie in fast schon seismografischer Präzision gesellschaftliche Wirklichkeiten ab.“ Die VÖFA hat auch ein eigenes Archiv, das derzeit gerade sehr zeit- und geldintensiv digitalisiert wird. Mit Subventionen ist leider nicht zu rechnen (das war in der Hochblüte des nichtkommerziellen Films in den frühen achtziger Jahren anders). Die Förderstellen für den professionellen Film sind sowieso unterbudgetiert, deshalb müssen sich die Hobbyfilmer im weiten Feld der Erwachsenenbildung mit Blockflötenensembles oder Aquarellmalkursen um jeden Cent streiten. Aber darüber jammert keiner der Enthusiasten, die oft ihre gesamte Freizeit und ihre Kreativität für die bewegten Bilder einsetzen. Das weiß auch Alexander Horwath, Direktor des Österreichischen Filmmuseums, zu schätzen: „Gemeinsam ist den beiden Institutionen Filmmuseum und VÖFA die Aufmerksamkeit und Wertschätzung für den nichtkommerziellen Film, für das filmische Schaffen, das aus persönlichem Interesse, aus Leidenschaft entsteht und nicht aus wirtschaftlichen Überlegungen.“
