Ebenso schön wie klug: die Mondprinzessin und ihre Geschichte.
Der Bambussammler findet sie im Hain, in einem unvermittelt sprießenden Blütenkelch, sie ist winzig und wunderschön, ein magisches Geschöpf, das sich, kaum liegt es in den Händen der Bambussammlersfrau, in ein Baby verwandelt – das sodann ziemlich schnell wächst. „Bambussprössling!“ rufen es die Nachbarskinder, „Prinzessin!“ setzt stolz der Findervater dagegen, der fortan nur das Allerallerallerbeste für sein Mädchen erstrebt. Die Mächte, die das Kind sandten, scheinen seinem Streben Recht zu geben, denn sie schicken Gold und kostbare Stoffe. Und schon geht es in die Stadt, wo Prinzessin Kaguya, wie sie mittlerweile genannt wird, in die Gesellschaft eingeführt und alsbald von hohen Würdenträgern umworben wird. Doch Kaguya findet kein Glück und möglicherweise ist das alles ein großes Missverständnis.
Takahata Isaos zauberischer Anime beruht auf der japanischen Volkserzählung „Die Legende von der Mondprinzessin Kaguya-hime“ aus dem 10. Jahrhundert und handelt von einem Himmelswesen, das sich im irdischen Dasein versucht. 25 Jahre nach Die letzten Glühwürmchen und 15 nach Meine Nachbarn die Yamadas beweist der bald 80-jährige Mitbegründer des Studio Ghibli mit Die Legende der Prinzessin Kaguya einmal mehr seine Meisterschaft. Er legt ein Werk vor, dessen hohe erzählerische Dichte und philosophische Reichhaltigkeit Entsprechung findet in einer künstlerischen Umsetzung, die mit Rückgriffen auf traditionelle Mal- und Zeichenstile im besten Sinne innovativ wirkt.
Soll heißen: Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Weil die von Hand geschaffenen Zeichnungen mit ihrer entsättigten Farbpalette, ihren groben Konturen und ihren oft nur angedeuteten Hintergründen an alte japanische Wasserfarbmalereien erinnern und wie ein zarter, auf die Leinwand gehauchter Bildschleier wirken, kostbar wie Seide. Weil in der Schönheit dieser Bilder sich eine zunehmend kompliziertere, dramatische Geschichte entfaltet. Weil hier von grundsätzlichen Dingen die Rede ist.
Vielerlei Themen werden verhandelt, von der japanischen Gesellschaft, die den Frauen nicht viel Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum lässt, über die Last, die Eltern ihren Kindern mit ihren Erwartungen aufbürden, bis hin zu der Frage, was ein gelungenes Leben ausmachen könnte. Doch gestaltet ist all dies mit solcher Leichtigkeit, mit so viel Humor und Mitgefühl, dass die schlussendliche Erkenntnis tragischer Verfehlung zugleich den Trost kosmologischer Wahrheit in sich trägt.
