Filmkritik

The Zero Theorem

| Harald Mühlbeyer |
Terry Gilliam auf den Spuren seiner Meisterwerke „Brazil“ und „12 Monkeys“

Um nicht weniger als den Sinn des Lebens geht es, darunter macht er es nicht: Terry Gilliam, der Amerikaner bei den britischen Nonsens-Genies von Monty Python. Und so sehen wir Qohen (Christoph Waltz) vor seinem Bildschirm sitzen, wie er in einer Art 3D-Tetris-Welt virtuelle Bauklötzchen mit kompliziertesten mathematischen Formeln verschiebt, sie zu einem mehrdimensionalen Algorithmus arrangiert – eine bildliche Darstellung unendlich komplexer Denk- und Sinnprozesse, auf die andere Filmemacher im Leben nicht kommen würden. Gilliam aber schwelgt in solchen Bildern, spielt mit einem futuristischen Retro-Design in einer von Werbebotschaften gepflasterten Welt, lässt in organischen Reagenzgläsern die Geisterwelt von Software-Updates lebendig werden, versetzt eine ärztliche Untersuchung in ein futuristisch umgemodeltes altes Schwimmbad. Allein, dass er für diese zweiminütige Dialogszene bei einem relativ kleinen Budget von zehn Millionen Euro ein riesiges Set hat bauen lassen, zeigt das radikal Visionäre von Gilliam.

Der soziophobe Qohen wird von Management (Matt Damon in chamäleonhaftem Anzug) dazu auserkoren, das „Zero Theorem“ zu beweisen: die Paradoxie, dass Nichts gleichzusetzen sei mit 100 Prozent. Der Lohn dafür: selbstgewählte, unbehelligte Einsamkeit. Doch mit der Isolation ist es nicht weit her, wenn Managements besserwisserischer Sohn (Lucas Hedges) auftaucht, wenn die Psychoanalyse-Software (eine heftig maskierte und grimassierende Tilda Swinton) spinnt und die verführerische Bainsley (Mélanie Thierry) ihn in die romantischen Cyber-Winkel eines unendlichen Sonnenuntergangs am Strand entführt. Grimmiger Humor und bildlicher Witz blitzen immer wieder auf (die Cybersex-Wichtelmann-Anzüge!), und immer wieder findet Gilliam Bilder erlesener Schönheit, die man sich einrahmen und an die Wand hängen möchte.

Vor allem aber erliegt Terry Gilliam nicht der Versuchung, einen Wohlfühl-Poesiealbum-Film mit banalen Antworten auf die großen Fragen des Lebens zu präsentieren. Nein: das dystopisch Absurde bedroht feindselig den Menschen, solange er noch Mensch sein kann; in das Paradoxe verstrickt sich Qohen unentrinnbar. Das geht soweit, ein logisches Begreifen der Handlung am Ende unmöglich zu machen. Allein für den Mut, sein Publikum auf diese Weise vor den Kopf zu stoßen, hat Gilliam höchste Achtung verdient – zumal es auf andere Weise, die nichts mit Handlungskohärenz und Erzähllogik zu tun hat, reich belohnt wird. Wenn es sich auf den Film einlässt.