Eden

Ich war so euphorisch!

| Roman Scheiber |
Das Porträt einer Musikszene, einer Generation, eines Menschen: Mia Hansen-Løve spricht über ihren Film „Eden“, der eigentlich ein Zweiteiler hätte werden sollen, und über die Arbeit mit ihrem Bruder Sven.

Sie sind zart und zugleich brutal, die sehr persönlichen Filme der 34-jährigen Französin Mia Hansen-Løve. Ihre Figuren müssen mit schwerstem Liebeskummer fertig werden, leiden unter Depressionen, dem schmerzvollen Verlust der Jugend, müssen mit dem Freitod nahestehender Menschen umgehen. Zurückgenommen und sensibel aber ist der Blick, mit dem die Filmemacherin auf diese aus dem Leben gegriffenen Figuren und ihre Beziehungen schaut. Taktvoll ist der Blick darauf, was die lebensverändernden Einschnitte mit den Figuren machen, und auf deren Versuche, dem emotionalen Druck standzuhalten. Zu Hansen-Løves humanistischer Handschrift gehört, die dramatischen Elemente ihrer stets auch aus autobiografischen Bezügen gespeisten Geschichten nicht zum Anlass übersteigerter Änderungen der Tonlage zu nehmen. Bei ihr stehen Beiläufiges und Zentrales, Alltägliches und Außergewöhnliches, Begeisterung und Langeweile, Euphorie und Melancholie nahezu gleichwertig neben- und hintereinander, ihre Erzählungen fließen dahin und entfalten ihren ganz eigentümlichen Rhythmus dabei durch eine Kunst, die sie mittlerweile souverän beherrscht: das Prinzip der zeitlichen Zerdehnung und Auslassung.

Warum die Werke dieser Filmemacherin ins Gemüt zu fahren geeignet sind, obwohl sie gänzlich ohne große Gesten auskommen, brachte schon 2007 Jean-Michel Frodon in den „Cahiers du Cinéma“ (für die auch Hansen-Løve selbst von 2003 bis 2005 als Kritikerin tätig war) auf den Punkt. Es ist auch schön an ihrem vierten Spielfilm Eden zu sehen: Sie filmt jede Szene so, als wäre sie die erste und letzte. So, als wäre sie der ganze Film.

Eden, den Hansen-Løve kürzlich als internationaler Gast der Diagonale in Graz präsentiert hat, beobachtet die Entwicklung der elektronischen Club-Musik-Szene von den frühen Neunzigern bis in die jüngere Zeit anhand der Karriere eines Pariser DJ-Duos namens Cheers. Die beiden sind Teil einer durch das Interesse an der Musik verschweißten Clique. Immer mehr in den Fokus rückt Paul (Félix de Givry), auf den der Untertitel des Films gemünzt ist: Lost in Music. Wir erleben seine schrankenlose Faszination für Garage House, seinen Aufstieg und seine Tourneen bis in die angesagtesten Dance Locations von Chicago und New York, seine Freundschaften und Frauengeschichten, und schließlich das, wohin die meisten Künstlerporträts über kurz oder lang führen: Dysfunktionen, Trennungen, Suchtexzesse, Isolation, Finanz- und Existenzprobleme.

Wenn das Branchenmedium „The Hollywood Reporter“ schreibt: „Just as Inside Llewyn Davis was about the folk singer who didn’t become Bob Dylan, Eden is about the guys who didn’t become Daft Punk“, dann trifft es das nur oberflächlich. Eden geht es um das Ineinanderwirken von Eigenwillen und Außenwelt, um die Spuren, die Berührung und Reibung zwischen Menschen im Lauf der Zeit hinterlassen. Der Film sucht keine übergeordnete psychologische Erklärung für Pauls Scheitern. Seine Obsession mit der Musik, eine gewisse Starrsinnigkeit, seine Beziehungsmuster sind Stücke eines chronologisch gedachten Persönlichkeitspuzzles, dessen virtuos genutzte Zeitachse sich gegen die eindeutige Zusammenfügung in ein Gesamtbild sperrt. Klar ist am Ende nur eines: Auch wenn die Party vorbei ist, wartet ein neuer Tag mit neuen Abenteuern.

 



Mia Hansen-Løve im Interview


Sie haben das Drehbuch zusammen mit Ihrem Bruder Sven geschrieben, der selbst in den neunziger Jahren House-DJ in Paris war und auf dessen Erfahrungen die Hauptfigur beruht. Wessen Idee war es, einen Film über die Pariser Elektronik-Szene dieser Zeit zu drehen?

Mia Hansen-Løve: Es war eher Zufall. Mein Bruder und ich waren beide an einem bestimmten Punkt in unserer künstlerischen Entwicklung. Ich hatte drei Filme gemacht, die sich alle auf eine Art mit Trauer und Melancholie auseinandergesetzt haben. Und ich merkte, dass ich darüber genug erzählt hatte, ich war am Ende dieser Inspiration angelangt. Ich wollte etwas Neues machen, auch anders arbeiten und vielleicht die Filme auch anders finanzieren. Und parallel hatte mein Bruder gerade eine sehr schwere Phase, er versuchte sein Leben zu ändern, mit dem Alten abzuschließen und etwas Neues anzufangen. Er war pleite, er war frustriert und er wollte nicht mehr als DJ arbeiten, es bedeutete ihm nichts mehr.

Sie waren also beide an einem ähnlichen Punkt?
Mia Hansen-Løve: Ja, und es erschien uns eine gute Idee, aus diesem Zustand etwas zu machen und es auch zusammen zu machen. Und dann sah ich 2012 den Film Après mai (Die wilde Zeit) meines Ehemanns Olivier Assayas, über die Jugend in den siebziger Jahren. Und ich begann über meine eigene Generation nachzudenken, was es heißt, in den neunziger Jahren jung gewesen zu sein. Ich überlegte, wie ein Film über meine Generation aussehen könnte. Und es war mir schnell klar, dass es dabei nicht um politische Debatten gehen würde wie in Oliviers Film, das war Thema unserer Eltern, und wir glaubten nicht mehr daran. Aber es gab trotzdem etwas Starkes und Mächtiges in unserem Leben, und das war die Musik. Diese Liebe zur Musik hat uns verbunden, auch meinen Bruder und mich.

Inwieweit waren Sie selbst Teil dieser Club-Szene?
Mia Hansen-Løve: Nicht so intensiv wie mein Bruder. Ich habe nicht das Wissen über Garage House wie er, ich weiß nicht viel über die historischen und technischen Aspekte, ich kann auch nicht mixen. Ich kannte viele Songs auswendig, aber zur Expertin wurde ich erst jetzt, durch den Film. Vorher war ich eher Zeitzeugin und ich konnte schon sehr jung ausgehen, mit 13, 14 Jahren, weil mein Bruder auflegte und sich meine Eltern keine Sorgen machen mussten. Zumindest dachten sie das. Damals fing gerade alles an, und es war eine besondere Zeit. Selbst mir als jungem Mädchen war klar, dass wir durch diese elektronische Musik definiert werden, dass sie unsere Generation prägt. Was die Akteure der Szene vor allem umtrieb, war die Tatsache, dass die Generationen davor diese Musik verachtet hatten. Lange Zeit wurde sie nicht ernstgenommen, sie galt nicht als richtige Musik, als substanzlos. Diese Ablehnung machte das Zugehörigkeitsgefühl innerhalb der Szene und die Energie, die auf den Partys herrschte, noch größer. Das erste Magazin, das über diese Musik schrieb, war ein Underground-Blatt, das auf den Raves kursierte. Es hieß „Eden“ und gab meinem Film schließlich den Titel.

Auch wenn Ihr Film eine gewisse Melancholie hat, weil es auch um Scheitern und unerfüllte Träume geht, konzentrieren Sie sich auf die Energie und die Lebensfreude dieser Szene.
Mia Hansen-Løve: Als ich jahrelang versucht habe, Geld für das Projekt zu finden, wurde ich immer wieder gefragt: Warum zeigen Sie nicht die Gewalt und den Drogenmissbrauch? Und ich sagte immer: Ich zeige es so, wie mein Bruder und ich es erlebt haben. Ich wollte es nicht spektakulärer, glamouröser oder sensationalistischer machen. Es war Teil seines Lebens, aber es hat ihn nicht umgebracht. Den Vorwurf habe ich oft gehört, dass der Film zu soft sei. Aber mir ging es um den Spirit, um ein Lebensgefühl. Und ich hoffe, dass sich durch die Geschichte meines Bruders eine ganze Generation erkennen kann. Im Grunde geht es doch darum, was es heißt, jung zu sein. Und das ist universell. Aber für einige scheint allein die Art der Musik ein solches Hindernis zu sein, dass es ihnen unmöglich ist, meinen Film als das zu sehen, was er ist.

Haben Sie bei der schwierigen Geldsuche überlegt, den Film mehr als eine Erfolgsgeschichte zu erzählen, zum Beispiel über Daft Punk, die hier als Nebenfiguren auftauchen?
Mia Hansen-Løve: Es wäre ein Leichtes gewesen, den Film dadurch kommerzieller zu machen, aber das wollten wir nicht. Wir wollten auch nicht unser Verhältnis zu den beiden Jungs von Daft Punk ausbeuten. Wir kennen uns seit einer Ewigkeit, und sie waren sehr großzügig und solidarisch mit uns und dem Projekt. Wir wollten ihnen nicht das Gefühl geben, dass wir ihren Ruhm ausnutzen, um mehr Aufmerksamkeit und Geld zu bekommen. Unsere Freundschaft war uns wichtiger. Wir haben ihnen sehr früh das Drehbuch geschickt und sie haben uns sofort zugestimmt, wie wir sie positioniert hatten. Das war damals ihre Rolle in der Szene, es entspricht ebenso der Realität wie wir zum Beispiel den Drogenkonsum zeigen. Sie wollten gar nicht mit ihren Roboterkostümen auftauchen, weil wir sie so nicht gesehen haben. Für uns waren es zwei Jungs, mit denen wir befreundet waren. Und so zeige ich sie.

Wie kam es zu der Zweiteilung des Films?
Mia Hansen-Løve: Die beiden Teile „Paradise Garage“ und „Lost in Music“ haben sich erst beim Schreiben ergeben, sie entsprechen der Bewegung des Films, dem Auf und Ab. Ich hatte anfangs nur ein paar Ideen und Bilder, die ich verwenden wollte. Aber ich wusste nicht, wohin es gehen würde. Es ist das erste Mal, dass ich so offen geschrieben habe. Mein Bruder und ich mussten erst herausfinden, welche Bedeutung sein Leben bis zu diesem Zeitpunkt hatte.

Wie hat die Zusammenarbeit mit Ihrem Bruder funktioniert?
Mia Hansen-Løve: Je weiter ich beim Schreiben vorankam, umso mehr bezog ich ihn mit ein und am Ende war er fast wie ein Ko-Autor. Aber ich habe immer die Verantwortung für die Struktur und die Handlung übernommen. Sven hat mir dabei die totale Freiheit gelassen, er hatte eine gewisse Distanz dazu, weil er zu dem Zeitpunkt seine eigene Vergangenheit ablehnte. Er wollte ein neues Leben beginnen und erlaubte mir, seine Erinnerungen ohne jede Zensur zu erzählen. Er hat nie versucht, sich als Held oder großen Künstler zu stilisieren.

Und wie hat das Projekt dann Gestalt angenommen?
Mia Hansen-Løve: Ich schrieb zunächst also, ohne zu wissen, wohin sich die Geschichte entwickeln würde. Und am Ende war mir klar, dass es ein Vierstundenfilm werden würde! Ein Epos über elektronische Musik und ein realistisches Porträt meiner Generation. Ich war so euphorisch! Und mit meiner Begeisterung steckte ich Leute an, die mir für einen Zweiteiler mit vier Stunden Länge sogar Geld geben wollten. Es ist wirklich seltsam, ich hatte eine Produktionsfirma und einen Verleih, die das Risiko mit meinem Projekt übernehmen wollten. Wer aber nicht daran geglaubt hat, war die Filmförderung. Man würde denken, dort ist man offener und risikofreudiger, weil es eine kulturelle Förderung ist und keine wirtschaftliche. Aber sie trauten mir nicht zu, dass der Film gemacht wird. Ihnen war es zu undramatisch, zu sehr wie eine Chronik, zu impressionistisch. Statt das als eine Besonderheit des Films zu sehen, hielten sie genau das für dessen Schwäche. Daran ist diese Version gescheitert. Ich habe dann mit einem anderen Produzenten und privaten Investoren den Film in der jetzigen Fassung gedreht. Von den üblichen Förderungen ist keine mit an Bord.

Wie unterscheidet sich die aktuelle Version von der ursprünglich geplanten?
Mia Hansen-Løve: In der Langfassung ging es viel mehr darum, woher die Pariser House-Szene kam, bevor sie ein Massenphänomen wurde. Und das waren die Schwulen-Clubs der Stadt. Hier liefen die Platten aus Chicago und New York. Die Freunde meines Bruders, die ihn zu dieser Musik brachten, waren alle schwul. Sie zeigten ihm diese Clubs. Und diese Wurzeln wollten wir erzählen, aber wir mussten ganze Charaktere weglassen, als wir das Drehbuch kürzten. Und wir fanden es am Ende wichtiger, tief in die Lebensgeschichte der Hauptfigur einzutauchen, als oberflächlich von vielen zu erzählen.

Hat der Film Ihrem Bruder geholfen?
Mia Hansen-Løve: Es hat ihm sicher geholfen, mit seiner Vergangenheit abzuschließen. Er hat es sehr gut verkraftet, weil er durch die Arbeit am Film immer eine gewisse Distanz hatte. Doch als der Film dann gezeigt wurde und die ersten Kritiken erschienen, in denen über das Scheitern seiner Figur geschrieben wurde, kam alles wieder hoch. Es war mühsam für ihn, noch einmal damit konfrontiert zu werden.

Was macht er heute beruflich?
Mia Hansen-Løve: Er schreibt Kurzgeschichten, die regelmäßig in Magazinen und Sammlungen veröffentlicht werden. Es geht ihm gut.