Wiener Festwochen - Ein Festival-Schwerpunkt

Wir lieben auch unsere Dämonen

| Erna Cuesta |
Ein Highlight des diesjährigen Festwochenprogramms: Birgit Minichmayr in Simon Stones Neu-Interpretation von Henrik Ibsens „John Gabriel Borkman“.

 

Was haben wir nicht schon alles über Birgit Minichmayr gehört oder gelesen? Im Theater, im Film, im Fernsehen, und ganz privat? In den schillerndsten Farben wurde die oberösterreichische Schauspielerin porträtiert, oftmals mit hymnischen Kritiken bedacht, manchmal mit ihren unkonventionellen Lebens-Seiten stilisiert. Was also nun? Hier ein Versuch, eines Frage-Essays oder eines Frage-Drehbuchs. Wo fängt man bei Birgit Minichmayr am Besten an? Am besten mittendrin, und dort, wo sie gerade im Leben steht.

Wo ist Birgit Minichmayr gerade? Aus München zurück, in Wien, und glücklich, sagt sie. Was macht sie derzeit? Sie probt für die Wiener Festwochen, wo sie in Henrik Ibsens „John Gabriel Borkman“ spielen wird. Wie geht es ihr? Sie klingt gut und ist Feuer und Flamme. Die Proben mit dem 30-jährigen australischen Regisseur Simon Stone scheinen spannend zu sein, geht es doch um eine richtiggehende Neubearbeitung des Stoffes. „Man weiß noch nicht, was dabei herauskommt“, erzählt Birgit Minichmayr im Interview. Sie lässt sich von der „angenehmen Ungestümheit“ und der Herangehensweise Stones, „bei der man nur riechen kann, wo die Reise hingeht“, genauso überraschen und inspirieren wie das Publikum. Irgendwie haben einander da zwei verwandte Seelen gefunden. Simon Stone ist ein Tausendsassa, der gerade seinen ersten Spielfilm beendet und dabei jede Unterbrechung nützt, um wieder ein wenig an seiner Ibsen-Bearbeitung weiterzuschreiben.

Und wie fühlt sich dieses Spielen an? „Sehr gut. Simon Stone ist ja selber auch Schauspieler, und er denkt sehr stark von den Figuren ausgehend über das Stück nach. Er verändert die geschrieben Szenen immer und immer wieder. Da braucht es eine gewisse Gewandtheit.“ Für Birgit Minichmayr lässt sich so eine Theaterarbeit paradiesisch an, in der Bühne oder Kostüm nach den Schauspielerinnen und Schauspielern gereiht werden und in der Darstellerinnen und Darsteller tonangebend und Inspirationsquelle gleichermaßen sind. „Ich genieße es, nach all den Arbeiten mit den ,alten Regie-Hasen’ jetzt nach längerer Zeit wieder eine junge Energie vor mir zu haben! Das ist ein Abenteuer, auf das ich mich einlasse. Allein die Vorstellung, mit jemandem zu arbeiten, der Ibsens Stück lediglich als Vorlage zu Hilfe nimmt, und sein eigenes Stück ,draufschreibt’, das ist doch unwahrscheinlich reizvoll!“

Jetzt ist der Moment im Gespräch gekommen, da man ein paar Dinge hinterfragen und es genau wissen will. Nur allzu oft hat man gelesen, wie schonungslos Birgit Minichmayr sich selbst gegenüber ist, und nur allzu oft hat man ihre Risikobereitschaft auf der Bühne gesehen und miterlebt, wie gnadenlos sich ein Mensch der „Nummer sicher“ entziehen kann, sich Abend für Abend selbst aus der Reserve und aus der Komfortzone lockt. Spricht man gemeinhin nach vielen Jahren Bühnenerfahrung und unzähligen Rollen an der Wiener Burg, in Berlin, München oder Hamburg von einem Repertoire, manchmal auch von einem Fach, verliert dieser Begriff bei Minichmayr an Bedeutung. Genauer gesagt: Diese Bezeichnung hat bei ihr nie existiert. Sie greift kaum je auf etwas Bewährtes zurück.

Warum auch? „Ich bin und war immer misstrauisch, wenn es um Festlegungen geht. Nehmen wir meine ,Hedda Gabler’ in München bei Martin Kusej; das war eine Reaktion auf den ,Weibsteufel’ am Burgtheater, eine ,Gegen-Rolle’, wenn man so will. Es gibt sie, diese gewisse Blindheit bei Castings, bei denen man auf einen Rollentyp festgelegt wird, und jegliches Darüber-hinaus-Denken ist unmöglich. Und da setzt mein Trotz oder meine Sturheit ein. Ich beginne mich zu widersetzen! Das sind Einschränkungen, die ich nicht will, die gegen meine Auffassung von Phantasie sprechen und mich in Schranken weisen. Das will und kanne ich nicht akzeptieren.“ Birgit Minichmayr muss niemandem mehr Rechenschaft ablegen und schon gar keinen Beweis mehr antreten. Die Vielfalt hat sie stets angetrieben; gegen den Strom zu schwimmen, hilft ihr dabei, jeglichem ruhigen Fahrwasser auszuweichen, weder Geschmäcker zu bedienen noch Gefahr zu laufen, es sich zu leicht zu machen.

Kein Platz also für Konformismus oder Lebenslügen – um bei Ibsen zu bleiben, dem großen Maler und Analytiker von Parallelwelten und Existenzfragen, so auch in „John Gabriel Borkman“. Was denkt Birgit Minichmayr über Lebenslügen, und wie viele davon braucht der Mensch hin und wieder? Die Antwort, nach einer kurzen Gedanken-Pause: “Manchmal habe ich das Gefühl, dass die vielzitierte Lebenslüge bei Ibsen aus einer gesellschaftlichen Konvenbtion heraus entstanden ist. Ibsen stellt oft eine Frau in einer Welt der Unmündigkeit in den Fokus; und da ist die Lebenslüge überlebensnotwendig! Hedda Gabler zum Beispiel heiratet nicht aus Liebe. Sie implodiert und läuft gegen sich selbst Amok – dabei reißt sie alle mit sich. Ich glaube, eine Lebenslüge entsteht dann, wenn man sie vor sich selbst lebt, also sich selbst ,bescheißt’. Das geht nach hinten los und ist selten ein produktiver Zustand.“

Ein mehrmaliges Ringen um Gedanken setzt ein und somit eine kurze Pause: “Natürlich haben sich die Lebenslügen von damals heute überholt. So gesehen, verstehe ich heute Notlügen, aber Lebenslügen? Nein. Wenn in einer Partnerschaft beide mit offenen Augen eine sogenannte Lebenslüge leben, dann ist es ihre eigene Geschichte. Wenn nicht, dann ist das schlimm und hat vielleicht viel mit der Angst zu tun, sich nicht leben zu trauen , was man eigentlich leben möchte.“ Noch bewegen wir uns auf sehr allgemeinem Terrain mit dieser Frage, wenig später wird es persönlicher: “Für meinen Teil merke ich schon, dass es mir nicht gut geht, wenn ich mir etwas vormache! Die Frage ist immer nur: Wie sehr will ich aus einem Verhaltensmuster tatsächlich ausbrechen? Dazu braucht es meist zuerst das Eingeständnis, dass es sich um ein Muster handelt, und das heißt noch lange nicht, dass man dieses Muster auch wirklich aufgeben will. Viele Menschen bleiben ihr Leben lang in ihren Mustern verhaftet. Wir lieben auch unsere Dämonen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich, wenn sich Situationen immer wieder wiederholen, anfange, sie auf ein Muster hin zu untersuchen.“

Vielleicht bewegt sich Birgit Minichmayr ab und zu auf Um- oder Irrwegen, aber sie ist wohl getrieben von einer tiefen emotionalen Überzeugung und Haltung. Das macht sie in der allgemeinen Wahrnehmung zu einer „klassischen“ starken Frau und prädestiniert sie für starke Frauenfiguren; sollte man meinen. Aber auch diese Begrifflichkeit von „Frauenrolle“ löst sich bei ihr im Nichts auf. Sie sucht in jeder Rolle, ob im Film oder auf der Bühne, das Wesen des Menschen zu ergründen. Punktum. Wie sieht sie demnach (ihre) Frauen-Rolle(n)? „Frauenrolle hin oder her. Ich finde diesen Interpretationsanspruch, immer neu und eine moderne Frau sein zu wollen, nicht immer hilfreich.. Ich lebe jetzt, 2015, ich wurde sozialisiert, wo ich geboren wurde, was soll’s? Ende. Die Frage ist doch, was und wie will ich Menschen etwas erzählen? Da ertappe ich mich auch dabei, vielleicht etwas ganz altmodisch zu erzählen; das ist mir in dem Moment nicht so bewusst, aber Hauptsache, die Dinge haben eine gewisse Stimmigkeit.“

Wenn wir schon beim Thema sind, worauf freut sich Birgit Minichmayr in naher Zukunft? „Auf meine Zusammenarbeit mit der wunderbaren Künstlerin und Filmemacherin Ulrike Ottinger, sofern die Finanzierung klappt! Da steht eine Vampir-Geschichte für 2016 auf dem Plan – endlich eine Komödie! Ich finde die Story lustig. Ich mag ihren Witz und Ulrike Ottinger als Persönlichkeit. Das sind wahre Perlen! Ach ja, und apropos Frauen-Rollen: Im ZDF wurde gerade Dengler – die letzte Flucht ausgestrahlt, darin spiele ich eine eigenbrötlerische, halb kriminelle Hackerin mit sehr eigenwilligen Fahndungsmethoden.“