Ein Autokino mit künstlerischen Kurzfilmen hat der südafrikanische Film- und Videokünstler Brent Meistre für die Festwochen eingerichtet – an einem höchst ungewöhnlichen Ort am Stadtrand von Wien. Der Kurator im Gespräch.
Auch heuer ist die Schnittstelle zwischen Film und Kunst ein markanter Punkt im umfangreichen Festwochen-Programm. Insgesamt acht Kurzfilmabende bieten die Möglichkeit, an ungewöhnlichen Orten filmische Erfahrungen abseits herkömmlicher Sehgewohnheiten zu machen.
Im Fall von “Analogue Eye. Drive-in Theatre” ist schon die Anreise in ein industriell geprägtes Gebiet in Wien-Liesing Teil des Gesamtkunstwerks. Im eigenen Auto oder auf einem Pritschenwagen bekommt man auf dem Gelände einer ehemaligen Sargfabrik in drei aufeinander abgestimmten Programmen einen faszinierenden Einblick in aktuelle Videokunst aus Afrika. Auch “U/Tropia. Schauraum” und “U/Tropia. Liegekino” im Künstlerhaus (beide in Kooperation mit Vienna Independent Shorts) spielen auf subtile Weise mit den Erwartungshaltungen der Besucher, die hier selbst Teil einer Installation werden. Kuratiert wurden “Analogue Eye. Drive-in Theatre” und “U/Tropia” (letzteres gemeinsam mit VIS-Leiter Daniel Ebner) von Brent Meistre, einem Universitätslektor und ausgewiesenen Experten für zeitgenössischen afrikanischen Film. Der vielfach ausgezeichnete südafrikanischen Foto- und Videokünstler setzt sich in seinem eigenen Werk auf vielfältige Art und Weise mit den Spuren der Geschichte seines Landes auseinander.
Was war der Ausgangspunkt für das Autokino, das Sie für die Festwochen konzipiert haben, und wie hat sich die Zusammenarbeit mit Daniel Ebner für “U/Tropia” ergeben?
2013 entschloss ich mich, mein Auto, einen Toyota Hilux Pickup, in ein mobiles Drive-in- und Pop-up-Kino zu verwandeln. Die Idee dazu kam mir, als ich eines Nachts während der Photo-Biennale in Mali im Botanischen Garten Kurzfilme anschaute. Ich wollte Videokunstwerke, die normalerweise in Galerien gezeigt werden, an unerwarteten Orten präsentieren, speziell Kunstinteressierten auf dem Lande, die sie sonst nicht sehen könnten. Ich sprach an die 40 Künstler an, ob sie das Projekt unterstützen und mitmachen wollen, weil es auch ein partizipatives Element beeinhalten sollte – mit Workshops für junge Künstler, die keinen Zugang zu Produktionsmitteln haben. Einige der Themen kamen immer wieder in den unterschiedlichsten Werken vor, deswegen kuratierte ich drei Programme, die zwar in Form und Inhalt eine große Bandbreite hatten, aber dennoch um ähnliche Fragen kreisten. “Analogue Eye: Video Art Africa” wurde erstmals beim National Arts Festival in Grahamstown 2014 gezeigt. Diese drei bereits existierenden Programme habe ich für die Festwochen überarbeitet und durch neue Künstler und Werke ergänzt. Durch die Festwochen wurde auch der Kontakt zu Daniel Ebner von Vienna Independent Shorts hergestellt. Wir teilten sofort eine gemeinsame Vorliebe für Wege abseits der ausgetretenen Pfade, um bewegte Bilder auf eine neuartige Weise wahrzunehmen. Nach einigen Telefonaten trafen wir uns im Jänner 2015 und entwickelten eine Filmausstellungserfahrung, die hoffentlich ungewohnt und anregend zugleich für die Zuschauer sein wird.
Wie haben Sie die Location für das Autokino gefunden, und wie wichtig waren deren Besonderheiten für Ihr Konzept?
Das Festival fand diesen Ort auf Grund meiner Vorgaben, dass es dort wenig Hintergrundgeräusche geben sollte, kaum Wohnhäuser und dass er möglichst an der Peripherie liegen sollte. Die Tatsache, dass es sich um eine alte Sargfabrik handelt, gibt dem Ganzen einen zusätzlichen atmosphärischen Reiz, und ich mag die Idee, einem Ort mit möglicherweise negativen Konnotationen eine andere Art von Energie zu geben. Das passt hervorragend zur ursprünglichen Motivation von “Analogue Eye”, Kunstwerke zu re-kontextualisieren und einen neuen Blick zu finden.
Worauf haben Sie bei der Auswahl der Arbeiten besonderen Wert gelegt?
Ich wollte kein Best-of des afrikanischen Kurzfilms machen, das hätte diesen Rahmen bei weitem gesprengt, es gibt in diesem Bereich eine vielschichtige und breite Geschichte, die aber nicht mein Fokus war. Die meisten der Werke im Programm sind eher dem Bereich der Videokunst zuzuordnen als dem klassischen Kurzfilm, obwohl einige natürlich sehr bewusst mit der klassischen Filmsprache arbeiten, sie kommentieren oder auch ironisch brechen. Beim Auswählen kann man seinen eigenen künstlerischen Blick gar nicht ausschalten. Die drei Programme kann man natürlich auch einzeln anschauen, aber sie kommunizieren und verweisen auch aufeinander, es entsteht – hoffentlich – ein Dialog zwischen den einzelnen Filmen jedes Programms und den Programmen untereinander. Deswegen ist es für mich auch schwierig, einzelne Arbeiten herauszustreichen, nicht nur weil sie mir alle – aus den unterschiedlichsten Gründen – am Herzen liegen. Was mich persönlich anspricht, sind nuancierte poetische Arbeiten, die den Zuschauer durchaus auch herausfordern, die ihn mit offenen Fragen, sozusagen Nach-Bildern konfrontieren, was für viele der ausgewählten Werke gilt.
Sie werden auch einen Stop-Frame-Animation-Workshop in Wien leiten. Was erwartet hier die Teilnehmerinnen und Teilnehmer?
Es sind keine besonderen Vorkenntnisse notwendig, jeder ist willkommen. Mit diesem offenen Konzept im Kopf möchte ich einfache und doch erfinderische Möglichkeiten aufzeigen, wie man aus multiplen Einzelbildern eine Sequenz bastelt, und wie dieser Vorgang, den viele Digitalkameras bereits anbieten, ein besseres Verständnis des Filmischen an und für sich mit sich bringen kann. Schließlich standen am Anfang der bewegten Bilder genau solche Einzelbilder, und noch immer ergeben sich aus dieser simplen Stop-Frame-Animation faszinierende Möglichkeiten, mit dem Raum-Zeit-Kontinuum zu spielen. Als Universitätslektor, aber auch als Workshopleiter, arbeite ich, sofern es geht, gerne in Einzelgesprächen, in einer Beziehung, die auf Austausch und Vertrauen basiert. Ich glaube daran, dass man Risiken eingehen muss, dass man sich in Situationen außerhalb der bekannten Komfortzone begeben muss, wo man sich auf die Welt außerhalb der eigenen Blase einlassen muss. Es ist sehr wichtig für mich, dass die Studenten/Teilnehmer die Arbeit nicht nur hinter der Linse, sondern auch davor wahrnehmen, nicht einfach filmen oder fotografieren, sondern dadurch mit der Umwelt in eine Beziehung treten.
Gilt das auch für Ihre eigene Arbeit als Künstler? Sind Spontanität und Intuition wichtige Faktoren, oder spielen konzeptuelle Ideen eine größere Rolle?
Beides kann man nicht vollständig voneinander trennen. Thematisch gibt es vielleicht eine Grundidee, aber meine Arbeitsweise ist sehr stark intuitiv. Im Laufe eines Arbeits- und Produktionsprozesses kommen oft unterbewusste Motive zum Vorschein. Meist fange ich mit einem Song an, Musik kann eine bestimmte Ära wieder auferstehen lassen, sie schafft eine gewisse Stimmung, evoziert Gefühle, das sind wichtige Voraussetzungen für meine Arbeit. Der Rhythmus setzt das Tempo für die Animationen, die Musik kann sich am narrativen Element reiben, ironisch oder subversiv eingesetzt werden. Bei allen meinen Werken reagiere ich sehr stark auf die Welt um mich, wie sie sich in dem Moment präsentiert. Die notwendige sofortige kreative Reaktion ist eine große Herausforderung. Das Gehen ist ein wichtiger Ausgangspunkt für meine Arbeit, unterwegs kann alles passieren. In vielen meiner Werke steht die Straße, der Weg im Mittelpunkt, meist im direkten Zusammenhang oder als Referenz zu historischen Ereignissen, die mit der speziellen Geschichte Südafrikas zu tun haben.
Kann man in Südafrika überhaupt unpolitische Kunst machen?
Das wäre zumindest nicht einfach. Die ganze Gesellschaft ist hier in Bewegung, in einem ständigen Kampf mit der Vergangenheit, für die große Mehrheit der Südafrikaner, egal welcher Hautfarbe, manifestiert sich die wechselvolle Geschichte dieses Landes noch immer sehr stark im täglichen Leben. Es ist eine aufregende und herausfordernde Zeit für junge südafrikanische Künstler, von denen viele sehr beeindruckende Arbeiten schaffen mit einem neuen Blickwinkel, der die Geschichte ihrer Eltern und Großeltern und das koloniale Erbe, das auf vielerlei Art noch immer strukturell und psychologisch in unsere Gesellschaft eingeschrieben ist, erforscht und kritisch hinterfragt. Solch kollektives Erinnern findet aber natürlich in jeder Gesellschaft statt. Wann immer ich reise, halte ich an öffentlichen Orten und Gedenkstätten Ausschau nach solchen Spuren, wobei es interessant ist, dass die Bedeutungen der einzelnen ganz ähnlichen Symbole sich von Land zu Land erheblich unterscheiden können. Dennoch gibt es auch sozusagen allgemein menschliche Gemeinsamkeiten, gerade im Verständnis darüber, wie eine Geschichte, ein Narrativ aufgebaut und erfahren wird.
