Ditte Christiansen, Co-Producerin für Fiction beim Staatssender Danmarks Radio, über dänische Serien-Power, die Zusammenarbeit mit den anderen skandinavischen Ländern und die Rolle des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.
Können Sie mir einen generellen Überblick über das dänische Fernsehen geben? Im Vergleich zu anderen Ländern gibt es sehr wenige private Sender.
Das hat wohl damit zu tun, dass wir nur 5,5 Millionen Einwohner haben. DR, Danmarks Radio, ist die öffentlich-rechtliche Anstalt, die zur Gänze aus Steuermitteln finanziert wird. Dann haben wir TV2, kommerziell ausgerichtet, also ein Pay-TV-Sender, der aber ebenfalls staatliche Auflagen hat. Davon abgesehen gibt es ein paar Kanäle, deren Eigentümer außerhalb des Landes sitzen, die aber kein allzu großes Gewicht haben.
In Österreich haben wir den ORF, der lange Zeit ein Monopol hatte und der einen öffentlich-rechtlichen Auftrag hat. Wie sieht das in Dänemark aus?
DR hatte bis in die siebziger Jahre auch das Monopol, ehe TV2 als Mitbewerber installiert wurde. Heute sieht die Sache natürlich anders aus, mit der Konkurrenz aus dem Internet, Streaming, usw., aber lange Zeit war DR ein Monopol-Betrieb. Wir haben jedenfalls eine große Anzahl an Verpflichtungen gegenüber der Politik, gegenüber der Bevölkerung, und wir haben natürlich Politiker in unseren Gremien.
Das ist in Österreich nicht anders. Machen die Politiker hier auch Parteipolitik, wenn sie in den Gremien sitzen?
Im Allgemeinen denke ich, dass die Parteipolitik bei uns im Fernsehen nicht so sehr vertreten ist. Jedenfalls ist DR eine starke Kraft hier in Dänemark, mit den Fernsehkanälen, den Radiostationen, den Orchestern, die wir haben, und vor allem mit unserer technischen Ausstattung, die sehr gut ist. Und es gibt sehr viel Initiative zur ständigen Erneuerung, zur kreativen Auseinandersetzung.
Man sagt ja oft, „herkömmliches“ Fernsehen sei überholt. In Dänemark, zumindest nach allem, was man sieht und hört, scheint das nicht so zu sein.
Eine dieser Initiativen war die Schaffung des Kanals DR3, den es seit 2013 gibt und der dezidiert ein jüngeres Publikum anspricht. Es gab eine große Lücke im Zuschauerinteresse zwischen, sagen wir, älteren Kindern und der Bevölkerung ab 30 Jahren. DR3 wurde geschaffen, um sich dieser Gruppe anzunehmen. Und das Erstaunliche ist: Nicht nur ist DR3 genau da sehr erfolgreich, sondern interessiert auch ältere Zuschauer, die sich plötzlich wieder vor den Fernseher setzen. DR3 spielt unter anderem ausländische Serien, vor allem aus den USA, aber auch qualitätsvolles dänisches Programm. Es gibt eine Show, die würde auf Englisch „Married at First Sight“ heißen. Da werden zwei Menschen von ihren Freunden und von Psychologen, die die beiden gründlich befragen, zusammengebracht. Dann heiraten die beiden, und wir filmen die Hochzeit und folgen dem jungen Paar eine Zeit lang. Das war so erfolgreich, dass die Show in den Haupt-Kanal transferiert wurde.
Zu den „heißesten Waren“ von DR gehören die viel gelobten Fernsehserien. Wie erklären Sie sich diese Erfolge?
Es stimmt: Unsere Serien erreichen nicht nur ein sehr großes Publikum, sondern auch ein sehr breit gefächertes. Am Anfang war das noch eine große Überraschung, inzwischen nicht mehr. Und man wird fast ein bisschen süchtig danach. Wir wollen natürlich mit jeder Serie so erfolgreich sein.
Wann hat das alles begonnen? Ich erinnere mich an Lars von Triers Riget (The Kingdom, 1994), das war schon sehr außergewöhnlich.
Nun, es gab in den siebziger Jahren auch schon erfolgreiche Serien, Huset på Christianshavn (The House in Christianshavn, 1970–1977) oder Matador (1978–1981), aber das kann man mit dem, was heute produziert wird, nicht vergleichen. Und The Kingdom war natürlich toll, aber damals doch eher ein Minderheitenprogramm.
Trotzdem faszinierend, dass so etwas vor 20 Jahren schon möglich war.
Da haben Sie Recht. Ein großer Erfolg war die Serie Taxa (Taxi), die ab 1997 lief, mit 56 Episoden, die zum allergrößten Teil in sich abgeschlossen waren und immer ein bisschen soapy. Aber das war ein Knüller. Bis zu Forbrydelsen (The Killing, 2007) hatten alle Serien abgeschlossene Episoden. Auch Minserien waren sehr populär, Charlot og Charlotte (Charlot and Charlotte, 1996) oder Eddenkoppen (The Spider, 2000). Die wurden mit anderen skandinavischen Ländern koproduziert, aber die Hauptarbeit wurde hier beim DR gemacht. Mini-Serien sind halt das Teuerste, was man beim Fernsehen produzieren kann, darum ist das heute nicht mehr ganz so beliebt. Es ist natürlich kostengünstiger, zehn oder 20 Episoden pro Jahr herzustellen, als einen teuren Film an zwei oder vier Tagen zu „verbraten“.
War nicht auch Rejseholdet (Unit 1, 2000-2004) mit Mads Mikkelsen sehr erfolgreich?
Ja. Das war eine Crime-Serie über eine mobile Polizeieinheit, die zwar jedes Mal einen anderen Fall an einem anderen Ort in Dänemark zu lösen hatte, aber gegen Ende ging man dazu über, Doppelfolgen zu machen und die Leute viel mehr auf die Folter zu spannen. Es war eine Art Vorgeschmack auf das, was wir jetzt kennen.
Und dann kam der große Erfolg von The Killing, das ja nun auch ein Remake in den USA erfahren hat … Was war das Besondere daran?
Der Autor Søren Sveistrup hatte sich etwas sehr Smartes ausgedacht: Es ging zunächst „nur“ um ein Verbrechen, das im Laufe von zehn Episoden aufgeklärt wird, und in zehn Tagen. Das sorgt natürlich für Spannung! Und es hält die Zuschauer bei der Stange. Neben der Verbrechens-Story gab es viel soziologisches und psychologisches „Futter“, das die Leute interessierte. Letztlich wurden 40 Episoden daraus, in drei Staffeln, so beliebt war die Serie!
Wie sehen Sie dänische Serien im Vergleich zu den allseits beliebten US-amerikanischen?
Man muss dazu sagen, dass die Amerikaner schon viel länger daran arbeiten, gute Serien herzustellen. Der Produzent von Unit 1 war längere Zeit in den USA und studierte die Produktionsbedingungen sehr genau. Er kam zurück und begann, den Autoren viel mehr freie Hand zu geben als bis dahin üblich. Vorher hätte ein Fernsehredakteur oder Producer gesagt: „Hört mal, wir wollen das und das, und wir wollen es genau so…“ Damit war nun Schluss, und ich glaube, das war ein Grund für den späteren Erfolg. Heute sucht man Autorinnen und Autoren, die gute Ideen haben und lässt sie einmal machen, und dann schaut man, ob man damit in Produktion gehen kann. Und natürlich kommen sie auch von selbst und bieten Stoffe an. Das ist viel spannender als die verordneten Konzepte, die es früher gab.
Wie kommen denn junge Autorinnen und Autoren dazu, Ihre Stoffe bei Ihnen zu präsentieren?
Es gibt an der Dänischen Filmschule natürlich eine Drehbuchausbildung. Lange Zeit hat man dort vor allem gelernt, Kinodrehbücher zu schreiben, eineinhalb oder zwei Stunden lange Filme. Aber das hat sich sehr geändert. Die jungen Leute sind sehr an TV-Serien interessiert, und sie beginnen oft als Assistentinnen und Assistenten der Hauptautorinnen und -autoren. Diese wiederum haben auch längst ihre Dünkel gegenüber dem Fernsehen abgelegt und erkannt, dass man hier vergleichsweise schnell gute Sachen machen kann, während die Fertigstellung eines Kinofilms Jahre dauern kann.
Sind diese Hauptautorinnen und -autoren das, was man in den USA „Showrunner“ nennen würde?
Ja, so ungefähr. Sie haben die Visionen, sie haben die ganze Story im Kopf. Dann kommt der Produzent dazu, der sich um das Budget kümmert, und der Regisseur, der das umsetzt. Zusammen sind sie ein Team. Aber die Budgets sind vorher bekannt, also wissen die Autoren auch, dass sie keine Story schreiben können, in der jemand zum Mond fliegt oder sowas.
Sind US-Serien auf DR gelaufen, und sind sie in Dänemark auch so beliebt?
Ja, viele. Aber wenn wir von den großen sprechen, wie True Detective oder Mad Men, die laufen natürlich auf DR3. Ich denke aber nicht, dass sie so super-erfolgreich sind, wie man glauben könnte. Ich denke, viele Leute schauen das schon vorher auf DVD, wie überall.
Werden diese Serien sychronisiert?
Nein, das würde sich gar nicht lohnen für so wenige Leute. Es wird bei uns gar nichts synchronisiert, alles wird untertitelt.
Auch nicht so etwas wie The Wire? Das ist ja auf Englisch wirklich schwer verständlich.
Nein, auch das nicht. Während es in Deutschland eine große Industrie gibt, die alle Sychronisationen macht, gibt es hier eine kleine, die alles untertitelt.
Kommen wir zu Ihren Serien zurück, zu Borgen (2010–2013) zum Beispiel. Man kann sich kaum vorstellen, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender eine Serie machen kann, die sich so kritisch, um nicht zu sagen: zynisch mit Politik befasst.
Nun, die Politiker, die sie gesehen haben, fanden sie jedenfalls realistisch. Und sie mochten sie! Was sagt uns das? Für uns war entscheidend, dass die Serie unterhaltsam und irgendwie ernsthaft zugleich war. Und wissen Sie, wie die Idee dazu entstand? Adam Price war eines Tages im Fitness-Studio, als eine lokale Wahl bevorstand. Und er hörte zwei junge Leute neben ihm sprechen, wie satt sie das alles hätten, die ganze Politik, die Politiker, die Parteien … Da kam ihm die Idee, eine Serie zu schreiben. Die Entscheidung, Borgen zu machen, war einstimmig. Aber in einer der ersten Episoden gab es ein Problem mit einer Figur, die so bestimmte Schuhe anhatte – und die einem bestimmten realen Politiker sehr genau zugeordnet werden konnte, eben wegen dieser Schuhe. Das ging dann bis hinauf zur Generaldirektion von DR, ob man das so zeigen könne. Letztlich wurde es aber als kreative Entscheidung angesehen und war okay. Und das Publikum liebte die Serie …
… die ja auch sehr gut ins Ausland verkauft wurde, an Arte zum Beispiel.
Ja, so kann man sich täuschen. Der Chef unserer Fiction-Abteilung meinte ursprünglich, diese Serie sei so dänisch, die ließe sich nicht exportieren. Das Gegenteil war der Fall!
Wie sehr ist denn DR mit der ebenfalls sehr erfolgreichen Filmindustrie in Verbindung? Gibt es ein Mandat, dass Sie die Filmindustrie unterstützen müssen?
Ja. Wir sind gesetzlich dazu verpflichtet. Wir müssen zehn bis zwölf Kinofilme pro Jahr mitfinanzieren, das ist in etwa die Hälfte aller in Dänemark produzierten Filme. Und wir sprechen hier von 500.000 bis 750.000 Euro pro Film! Das ist schon substanziell, im Normalfall ist das rund ein Drittel des Budgets, würde ich sagen.
Wie schaut die typische Finanzierungsstruktur eines Kinofilms aus?
Das ist ein Dreieck: das Dänische Filminstitut, dazu wir (oder TV2) und meist noch ein Verleiher, der einstiegt, oder Ko-Produktionspartner aus den anderen skandinavischen Ländern.
Wie programmieren Sie einen Kinofilm am Ende der Verwertungskette auf DR?
Das ist schwierig. Das Publikum hat gern fixe Slots, und um beispielsweise jeden Freitag um 21 Uhr einen zu spielen, haben wir nicht genug Filme. Wir konzentrieren uns eher auf die Feiertage, Weihnachten und so. Ein anderes Problem ist: Wenn die Leute einen Film im Kino nicht angeschaut haben, dann schauen sie ihn sich im Fernsehen auch nicht an. Eine alte, immer noch gültige Regel. Wir versuchen auch, den Film in einen Themenabend zu packen, wenn er passt. Auf DR2, dem „politischen“ Kanal, gibt es das an Samstagen öfter, zu den Sixties, zur ländlichen Gesellschaft, zum Fall der Berliner Mauer, was auch immer. Das ist dann eine gute Gelegenheit, wenn der Film passt.
Sind Sie auch im Dokumentarfilmbereich engagiert?
Ja, wir unterstützen auch Dokumentarfilme. Aber vor allem gibt es Mette Hoffmann Meyer, unsere Dokumentarfilm-Chefin, die da Unglaubliches leistet, auch auf dem Gebiet der Ko-Produktion. Sie hat die Reihe „Documania“ ins Leben gerufen, die im Fernsehen enorm erfolgreich ist. Wobei: „Dänische“ Dokumentarfilme, so etwas gibt es gar nicht mehr wirklich, das sind fast durchweg Ko-Produktionen. Die Welt ist ja zusammengerückt.
Stichwort Ko-Produktion: Wie sieht denn die viel gerühmte Zusammenarbeit mit den anderen skandinavischen Ländern aus?
Es gibt North Vision, eine Art Zusammenschluss aller öffentlich-rechtlichen Sender in Sklandinavien. Darin gibt es verschiedene Arbeitsgruppen, die sich zweimal pro Jahr treffen, eine für Spielfilm, für Drama, eine für Dokumentarfilm, für Kinderfilm, für Lifestyle, usw. Da wird also gepitcht und verkauft, wir verkaufen einander die jeweiligen Produktionen. Früher gab es da tatsächlich einen bargeldlosen Tauschhandel, einen Dokumentarfilm gegen einen anderen, aber das geht natürlich nicht mehr. Aber die anderen Länder haben ein Vorkaufsrecht, das heißt, sie können die Filme in einem sehr frühen Stadium kaufen. Und auch wenn heute alles „kommerzialisiert“ erscheint, North Vision ist immer noch die Grundlage einer sehr guten und engen Zusammenarbeit, und das schon seit gut 50 Jahren.
Wie sieht es denn nun in Skandinavien wirklich mit den Sprachen aus? Wer versteht wen und wie?
Wir verstehen die Finnen nicht, das ist eine ganz andere Sprachfamilie, und die Isländer auch nicht. Die Norweger verstehen uns und umgekehrt, weil es eine lange gemeinsame Geschichte gibt. Wir sind alle mit schwedischem Fernsehen aufgewachsen und verstehen daher Schwedisch, so im Großen und Ganzen, aber die Schweden tun sich schwer mit Dänisch.
Die Serie Bron/Broen (Die Brücke, seit 2011) spielt ja mit diesen „Verständigungsproblemen“ zwischen Dänen und Schweden …
Genau. Und genau deswegen sind wir da eingestiegen. Diese „Probleme“, wenn Dänen und Schweden, so wie hier, zusammenarbeiten, kommen der Story nicht in die Quere, aber sie reichern die Figuren unglaublich an. Und die Menschen haben die Serie geliebt. Die erste Staffel lief 2011 am Mittwochabend, und sie kam sehr gut an. Wir hatten Sorge, dass sie zu gewalttätig sei, aber das schien niemanden zu stören. Die zweite Staffel lief dann 2013 sonntags zur Prime Time. Ein Riesenerfolg.
