Nordische Länder

It’s the Language, Stupid

| Roman Scheiber |
Die europäische Krimiserie „The Team“ ist – zumal in der mehrsprachigen Originalfassung – deutlich besser als ihr Ruf.

Die Reaktionen des deutschen TV-Feuilletons reichten von Verriss bis Vernichtung. Von einem erschreckend schwachen Drehbuch war da zu lesen, von mauer Krimikost und Humorlosigkeit oder von „niedrigschwelliger“ Schauspielkunst. Glaubt man den Kritiken zu The Team, dann hätte die achtteilige deutsch-dänisch-belgische Koproduktion unter Federführung des ZDF – mit weiteren Drehorten in den Schweizer und vor allem in den österreichischen Alpen (und unter Mitwirkung der Superfilm) – jede Menge Goldener Himbeeren verdient: „Größtenteils Murks“, urteilte „Spiegel online“. Die Relation von Aufwand und Ertrag komme „in Katastrophennähe“, so die „Frankfurter Allgemeine“. „Die Welt“ verstieg sich in ihrem Ärger zu einem Sprach-Striptease: „Die Geschichte ist deutlich dünner als der Norwegerpulli von Kommissarin Lund. Darunter ist dieses Fernsehen nackt.“ Die „Frankfurter Rundschau“ sah eine „verniedlichte Polizeisoap“, hörte einen „müde piependen Synthesizer-Score, der wohl am besten als ,pulsierende Fahrstuhlmusik’ beschrieben ist“ und konstatierte ein „Scheitern auf ganzer Ebene“ – The Team sei „Europudding“, in etwa so originell und einfallsreich wie sein Titel.

Was ist da schief gegangen? Hätte dieses Werk nicht beispielhaft werden sollen für eine neue Generation europäischer Fortsetzungsserien nach dem Zuschnitt US-amerikanischer und im Gefolge skandinavischer Erfolgsproduktionen? Und nun soll das verantwortliche ZDF alles falsch gemacht haben, was man falsch machen kann? Auf derart fatales Versagen neugierig geworden, möchte man sich selbst ein Bild machen und schaut die Pilotfolge an.

Die Titelsequenz ist ziemlich dick aufgetragen und bedient sich unverhohlen bei True Detective. Zweierlei wird damit angedeutet: Wir sehen die Ermittler nicht nur bei der Falllösung, sondern auch in extenso in ihrem Privatleben, und das Erzähltempo dürfte gemächlich sein. Nun versucht eine zur massenkompatiblen Unterhaltung für ein allmählich Tatort-müdes Publikum konzipierte Polizeiserie freilich nicht, mit einer sagenhaften HBO-Autorenproduktion wie True Detective (siehe ray 05/14, zweite Staffel ab Ende Juni auf Sky) figurenpsychologisch, atmosphärisch oder erzählzeiträumlich mitzuhalten. Immerhin folgt eine tadellos rhythmisierte Exposition. Drei Städte, drei Morde, drei Kommissare. Kopenhagen, Antwerpen, Berlin. Prostituierten wird ins linke Auge geschossen, deren rechte Mittelfinger mehr oder weniger geschickt abgetrennt. Europol stellt das Ermittlerteam zusammen: Harald Bjørn (Lars Mikkelsen) – die kluge, intuitive, softe Vaterfigur; Alicia Verbeek (Veerle Baetens) – eine ehrgeizige junge Kämpferin, auch gegen Widerstand aus den eigenen Reihen des Antwerpener Kommissariats; Jackie Mueller (Jasmin Gerat) – eine analytische, nach außen abgehärtet wirkende BKA-Hauptkommissarin und Mutter in der Ehekrise. Sympathische Leute, sehr unterschiedlich, wie werden die wohl zusammenarbeiten?

Also weiterschauen. Die Darstellung internationaler Polizeiarbeit hat ja schon in den schwedischen Adaptionen der Arne-Dahl-Romane passabel und in Die Brücke (ray 05/15) sogar hervorragend funktioniert. Dass zwei aus dem Team sich im Rahmen eines früheren Einsatzes einmal nähergekommen sind, gibt der Sache interne Würze. Dass eine Figur aus einer Familie mit Prostitutionshintergrund kommt, emotionalisiert natürlich den Aufklärungs-Impetus. Nein, das dänische Autorenpaar Mai Brostrøm und Peter Thorsboe (Unit 1, Der Adler, Protectors) hat das Krimi-Räderwerk nicht neu erfunden, und die Regisseure Kathrine Windfeld und Kasper Gaardsøe waren nicht angetreten, die Konventionen des Genres zu sprengen. Falsche Fährten werden reichlich gelegt, der soziale Unterton ist zuweilen überdeutlich hörbar, das aus den Nordic Noirs bekannte Licht strahlt an Stellen tiefblau in The Team. Mag sein, dass man eine Verfolgungsjagd durch eine Alpenklamm schon spannender und einen Brandstifter schon smarter hantieren gesehen hat – nur was hier so verdammt schlecht geschrieben und umgesetzt sein soll, erschließt sich einfach nicht.

Untadeliges Schauspiel

Sieht man sich die Darstellung der Figuren genauer an, findet man nicht nur gewandte Interpretationen, sondern auch den angeblich fehlenden Witz der Serie: Der Menschenhändler und Arbeitssklavenhalter Marius Loukauskis zum Beispiel, auf den die Ermittlungen von Anfang an zulaufen, reproduziert nicht bloß das Klischee des skrupellosen Verbrechers. Nicholas Ofczarek gibt dem Ultra-Bösewicht bei dessen Versuch, ins legale Berliner Geschäftsleben einzusteigen, eine amüsant neureiche Note. Außerdem trifft Ofczarek akkurat einen verblassenden litauischen Akzent (im Original auch kongenial auf Englisch) und arbeitet am Ende mustergültig die rasende Eitelkeit des in die Ecke gedrängten Riesen-Egos heraus. Sunnyi Melles outriert köstlich und macht aus ihrer umnebelten Gesangs-Diva mehr als sie das mit acht vergleichbaren Tatort-Figuren könnte. Ein belgischer Investigativjournalist (ebenfalls tadellos: Carlos Leal), stellt sich – anders als etwa vor zehn Jahren in der belgischen Mädchenhändlerserie Matrioshki – überraschend als das Gegenteil eines Papiertigers heraus. Sogar die Assistenten der Kommissare kriegen kleine Subplots, Jasmin Gerat und Veerle Baetens haben ein paar sehr starke Szenen (schade, dass nicht alle Folgen so gut gelungen sind wie die sechste) und die süße Teenie-Tochter des Ganoven (Jella Haase) wird im rechten Moment erwachsen.

Störungsfreie Videokonferenzen und kristalline Internet-Verbindungen in den Alpen: ja, eh unrealistisch. Dass man die Folgen des Menschenhandels moralisch nicht ausbuchstabieren muss und auch weniger drastisch in Szene setzen kann: geschenkt. Aber die schwierige Aufgabe, eine massentaugliche multilinguale Geschichte glaubwürdig in der Primärsprache Englisch zu erzählen (denn ausschließlich die deutsche Synchronfassung macht die Sache zum Einheitsbrei), haben die Serienmacher gestemmt. Und was die einen als reine Reproduktion der Ästhetik deutscher Fernsehkrimis wahrnehmen, sehen andere vielleicht als erstaunliche Homogenität einer komplexen, acht Produktionsländer umfassenden Unternehmung.

Der Geifer des TV-Feuilletons erklärt sich aus dem insgesamt hier Servierten jedenfalls kaum. Haben deutsche Kritiker sich mit dem Schnupfen in ihrer Kreativbranche angesteckt, weil mit Buch, Regie und Kamera nur Dänen beauftragt wurden, obwohl das ZDF zehn Gebührenmillionen in das Projekt gesteckt hat? Nationales Denken, ausgerechnet hinsichtlich einer Produktion, die sich der europäischen Idee und einem transnationalen Miteinander verpflichtet fühlt? Die Idee stammte nun einmal von einem dänischen Autorenpaar, und die unlängst verfrüht aus dem Leben gerissene Regisseurin Kathrine Windfeld hatte sich mit ihrer stilbildenden Arbeit für Kommissarin Lund und Die Brücke Meriten verdient. Zugegeben: An die Qualität von Dominik Grafs Serie Im Angesicht des Verbrechens, die nach einem Drehbuch von Rolf Basedow ein ähnliches Milieu zugleich von Polizei- und Ganovenseite her erforscht, reicht The Team nicht heran. Doch deshalb muss man sie nicht in Grund und Boden stampfen.