Filmkritik

Von jetzt an kein zurück

| Oliver Stangl |
Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? Wir!

Es ist ein ambitionierter, geradezu Fassbinderscher Ansatz, den Christian Frosch in seinem neuen Film verfolgt: Eine Liebesgeschichte zu erzählen, die einen Zeitraum von 1968 bis 1977 umfasst und dabei gleichzeitig ein Panorama der in Provinzmief und Kleingeistigkeit erstarrten BRD zu entwerfen. Im Zentrum stehen die Schülerin Ruby (Victoria Schulz), die von einer Karriere als Sängerin träumt und Martin (Anton Spieker), der Schriftsteller werden will. Doch weder ihre Liebe noch ihre Aspirationen haben in der Provinzstadt, in der sie leben, eine Chance. Dass größte Hindernis sind dabei die Elternhäuser der beiden: Rubys Vater (Ben Becker), früherer Wehrmachts-Soldat, vertritt nach Außen hin Anstand und Religiosität, sehnt sich jedoch insgeheim nach Beischlaf mit seiner Tochter. Martins Vater war ebenfalls im Krieg und will für seinen Sohn eigentlich nur das Beste, doch ist er – nicht zuletzt aufgrund einer Traumatisierung – unfähig, eine wirkliche Kommunikationsbasis zu etablieren. Nach einer intensiven Zeit der Liebe und des versuchten Aufstands gegen die verhassten Autoritäten wollen Ruby und Martin schließlich nach Berlin entkommen, wo sie sich die Erfüllung ihrer Träume erhoffen. Doch die Eltern lassen beide in religiös geprägte Erziehungsheime stecken, wo die Hölle über sie hereinbricht – jede Spur von Individualismus soll dort gebrochen werden … Bereits der Vorspann, der Fotocollagen aus der vermeintlich „guten alten Zeit“ mit einem Cover der berüchtigten Freddy-Quinn-Nummer „Wir“ unterlegt, in der der Barde mit jugendlichem Protest abrechnete, gibt die Richtung vor, und Kameramann Frank Amann gelingen atmosphärische Schwarzweiß-Bilder, die die triste häusliche Enge illustrieren. Deutlich zitiert Frosch die Nouvelle Vague – insbesondere Truffaut und Godard kommen einem in den Sinn – und auch Hanekes Das weiße Band mag ein gewisser Einfluss gewesen sein. Doch wirkt im ersten Teil des Films die Figurenzeichnung manchmal eine Spur zu schematisch, die Darstellung der sechziger Jahre etwas zu kalkuliert. Seine Stärken vermag der Film besonders in den Heimszenen zu entfalten (die Misshandlung Jugendlicher in deutschen Heimen war in jüngster Zeit Thema heftiger Debatten), die mit ihren Demütigungsritualen deutlich machen, wie Repression zu Reaktion und schließlich Radikalisierung (im letzten Drittel wird der Themenkomplex Terrorismus ins Bild gerückt) führt. Wiederum zu kalkuliert erscheint schließlich ein in Farbe gefilmter Epilog. Somit bleibt Von jetzt an kein zurück vor allem wegen seines kompromisslosen Mittelteils und des guten Spiels des jungen Ensembles im Gedächtnis.