Über-Ich und Du

| Alexandra Seitz |

Jux mit Tiefgang und therapeutischem Mehrwert

Gauner Nick steckt in Schwierigkeiten, überall hat er Schulden, alle wollen ihm ans Leder. Sehr gelegen kommt ihm da ein zufallsgeborener Job als Aufpasser in der Villa des ebenso hochgeschätzten wie hochbetagten Philosophen und Psychologen Curt Ledig. Für dessen wertvolle Erstausgaben gibt es doch bestimmt eine gewinnbringendere Verwendung als das Herumstehen im Bücherregal. Denkt sich Nick und hat die Rechnung ohne Curt gemacht, der nicht so senil ist, wie alle um ihn her glauben. Curt will die Anwesenheit des jungen Mannes nutzen, um ein lang geplantes Vergangenheitsbewältigungsprojekt in Angriff zu nehmen. Dann wird er abgelenkt. Und dann beginnen die Turbulenzen.

Ehe man sich es noch so recht versieht, hat einen die eigenwillige Komödie Über-Ich und Du von Benjamin Heisenberg – der 2011 für die psychologisch-kriminalistische Studie Der Räuber mit dem Österreichischen Filmpreis für die Beste Regie ausgezeichnet wurde – auch schon mitgerissen. Nicks Gläubiger machen sich unangenehm bemerkbar. Curts Familie nervt. Nick und Curt aber, der Gewissenlose und der Schuldbehaftete, bilden eine Notgemeinschaft und sind mit einem Mal in einem seltsamen therapeutischen Übertragungsmanöver verfangen. Zwischen Feldafing und München geht es nach Tirol auf eine Berghütte und wieder zurück. Ein Loch wird gegraben, und in einem Akt der Wiedergeburt wird die Vergangenheit begriffen: „Nazi-Voodoo!“, schreit Nick, doch Curt lässt sich nicht beirren. Was er erinnert, muss der andere erst noch erkennen: Taten haben Konsequenzen, ein Leben braucht eine Moral.

Seltsam ist das alles und erscheint doch gut und richtig. Einer inneren Logik folgend, die ihre Regeln aus den Funken bezieht, die die Begegnung zweier höchst sturschädeliger und spontan einander zugeneigter Charaktere schlägt, die zugleich über sich selbst hinaus weisen. Der Witz des Ganzen liegt dabei weniger im Slap stick als im Detail. Hochtourig, doch nicht überhitzt, abstrus, aber nicht albern geschieht in Über-Ich und Du vorzugsweise das Unvermutete, bleibt das Naheliegende außen vor und auch so manches unerklärt und schlicht vergnüglich. Heisenberg setzt auf ebenso kunstvoll wie natürlich wirkende Dialoge, die präzise immer ein wenig aneinander vorbeischlittern. Und er verfügt mit Georg Friedrich und André Wilms in den Rollen von Nick und Curt über zwei großartige Schauspieler, die zu komödiantischer Deadpan-Hochform auflaufen, ohne sich zum Affen zu machen.

Text ~ Alexandra Seitz

Gegensätze ziehen sich an

Benjamin Heisenberg über seinen neuen Film „Über-Ich und Du“ , die Liebe zum versteckten Detail und den Spaß an der intelligenten Komödie.

Interview ~ Pamela Jahn

Über-Ich und Du ist eine illustre Gauner-Buddy-Komödie zwischen einem alternden Psychologen und einen jungen Taugenichts. Sie selbst sind der Enkel eines berühmten Wissenschaftlers, über den Sie lange Zeit mehr befragt wurden als über Ihre eigene Arbeit. Liegt ihrem Film da gewissermaßen ein Großvaterkomplex zugrunde?
Nein, überhaupt nicht. Das Ganze hat mit meiner Familie tatsächlich weniger zu tun als Sie vielleicht denken. Der Film ist eher aus einem assoziativen, spielerischen Entwickeln mit meinem Ko-Autor entstanden. Dass darin Themen wie das Dritte Reich und die damit zusammenhängende Schuldproblematik angesprochen werden, das hat uns grundsätzlich interessiert, unabhängig von meiner oder irgendeiner anderen Familiengeschichte. Der Bezug kam eigentlich über meinen Ko-Autor Josef Lechner. Der hat tatsächlich einmal mit einem alten Herren gelebt und da gab es so viele köstliche Geschichten, da meinte ich zum Josef: „Komm, jetzt schreib das auf und lass uns schauen, ob wir darüber einen Film machen können.“ Dann haben wir über einige Jahre hinweg immer wieder wochenlang über Skype darüber geredet – er in Berlin, ich in Luzern – und so ist das spielerisch entstanden. Aber auch Josef ist natürlich bei weitem nicht so kriminell wie Nick im Film. Insofern bilden unser beider Erfahrungen und Erkenntnisse sicher die Basis, aber darüber hinaus steckt darin sehr vieles, was aus der hohlen Hand geschüttelt ist. Also es ist keine Aufarbeitung, auch wenn die Leute das auf den ersten Blick denken mögen. Ich glaube grundsätzlich nicht, dass ich diesen oder irgendeinen anderen Verarbeitungsprozess über meine Filme betreibe. Ich setze mich mit meiner Vergangenheit beziehungsweise meine Familiengeschichte auf meine Weise auseinander, aber die Filme spielen doch immer auf einem ganz eigenen Level, auch wenn sich darin natürlich immer Anteile von mir wieder finden lassen.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel wurden auch bei uns zu Hause in meiner Jugend mit meiner Großmutter in verteilten Rollen Theaterstücke gelesen und das habe ich hier im Film übernommen. Das heißt, es Stecken einfach viele persönliche Details drin.

Was hat Sie an dem Stoff am ehesten gereizt?
Was ich interessant finde, sind die Charaktere an sich: der eine kommt völlig geschichtslos daher, der lebt in den Tag hinein, hat überall Schulden und hält sich mit krummen Deals über Wasser. Der andere wiederum hat diesen extremen Schuldkomplex, den er unentwegt aufzuarbeiten versucht und dabei völlig vergessen hat, dass er das alles eigentlich schon längst einmal für sich aufgearbeitet hat. Diese Art der Figurenkonstellation, diese zwei Typen, die ja jeder für sich auch sehr widerständig sind, miteinander zu konfrontieren, das fand ich sehr schön.

Der Film ist sehr szenenhaft inszeniert mit vielen wunderbaren kleinen Episoden, die sich zu der Geschichte zusammenfügen. Was ist dem Josef davon denn tatsächlich so passiert und wie viel ist dazu erfunden?
Vieles ist schon ausgesponnen. Im Sinne der Psychologie, also der Komödie halber, sind die Situationen oftmals sehr überzeichnet dargestellt, und es ist auch ein Film, der sehr frei und lustvoll mit Symbolen arbeitet: Die Ballons, die durchs Bild fliegen, oder auch die vielen Tiere, die darin auftreten. Es gibt zwar noch einzelne Szenen, die sich ganz konkret an Josefs Erlebnissen orientieren, aber der Film hat sich schon sehr weit von der Originalgeschichte wegbewegt.

Ist es ein besonderer Spaß für Sie derartige Symbole und Details einzubauen, die man als Zuschauer vielleicht auf den ersten Blick gar mitbekommt?
Absolut, das ist ein Riesenspaß, den ich gemeinsam mit der Renate Schmaderer, meiner Ausstatterin, aber auch mit anderen im Team habe. Und es ist das, was ich beispielsweise bei Tatis Filmen am meisten liebe, dass ich sie zum zwanzigsten Mal sehe und dann fällt mir plötzlich hinten im Bild ein Komparse auf, der sich auf den Stuhl stellt und irgendwelche komischen Zeichen mit den Händen macht. Das ist so herrlich absurd. Und ich empfinde es als einen großen Wert, dass ich diese Filme so oft sehen kann, ohne mich zu langweilen, und dass ich trotzdem immer das Gefühl habe, ich sehe nie den gleichen Film.

Schauen Sie sich auch Ihre eigenen Filme immer wieder gerne an?
Mit gewissem Abstand schon. Ich hatte letztens eine kleine Retrospektive in einem Kino in Nürnberg, das war sehr interessant. Da betreibt man dann tatsächlich Psychoanalyse, weil man sozusagen danach schaut, was spiegelt dieser oder jener Film tatsächlich von meiner eigenen Entwicklung wieder?

Was steckt denn im Räuber drin, was Ihnen vielleicht bisher noch nicht bewusst war?
Ohne dass ich jetzt gleich Leute umbringen würde, aber diese Art von innerer Angespanntheit und unauslebbarer Anspannung im Sinne von eingezwängt sein aus einem Gefühl heraus, dass einen nicht loslässt, das kenne ich auch von mir sehr gut. Das war auch ein Grund dafür, warum ich mich mit diesem Charakter sofort verbinden konnte, weil ich dachte, ich weiß genau, wie der sich fühlt. Und es war sicherlich letztlich auch eine Art der Verarbeitung, über eine solche Figur einen Film zu machen, der dann tragisch endet.

Mit welcher der beiden Figuren können Sie sich diesmal eher identifizieren?
Das kann man so nicht sagen, ich glaube Josef und ich, wir haben auf unterschiedliche Weise für beide Charaktere sehr viel Sympathie gehabt. Dadurch dass ich Josef seit Jahrzehnten kenne und ihn als Menschen sehr interessant finde, hat es unheimlich Spaß gemacht, die Figur des Nick von ihm heraus zu entwickeln und dann schließlich doch einen ganz anderen Charakter entstehen zu lassen. Und bei dem alten Herrn war es auch so, dass es da von vornherein bestimmte Eigenheiten gab, die sehr lustig waren. Dieses Schrullige, dass man nicht weiß, muss der jetzt eigentlich tatsächlich am Stock laufen oder nicht, und warum kriecht er jetzt auf einmal in die Küche. Also es gab so Verrücktheiten an dem, die mir sehr gut gefallen haben. Und eben auch dieses Groteske, dass jemand sagt: „Sie sind ein großer Psychologe und Denker des 20. Jahrhunderts, aber sie sind leider ein Nazi.“ Woraufhin er antwortet: „Danke, dass ist sehr schmeichelhaft.“ Diese Art von Hybris, so eine Art Gaga-Hybris, die hat mir sehr gut an ihm gefallen. Insofern kann ich nicht sagen, dass mir eine Figur sympathischer war als die andere, das war eigentlich ein sehr ausgeglichenes Verhältnis.

Sind Sie selbst auch ein großer Bücherliebhaber wie es als Motiv im Film vorkommt?
Ich habe zwar auch eine kleine Bibliothek daheim, aber das kommt wieder eher über Josef, der wirklich unglaublich belesen ist. Es ist für mich immer ein unheimlicher Hort der Inspiration, mich mit ihm auseinanderzusetzen, weil er so viele Referenzen hat. Das ist ein großes Faszinosum für mich, ohne dass ich jetzt für mich in Anspruch nehmen könnte, ähnlich viel zu wissen. Aber man lernt nie aus, und das ist das Schöne daran.

Wie schwer war es, das richtige Gleichgewicht zu finden zwischen den verschiedenen Ebenen des Films, genauer gesagt das Drama mit der Komödie zu verbinden?
Das war nicht einfach, absolut. Intelligente Komödien haben es immer schwer. Einerseits beruhen sie für mich immer auf existenziellen Dingen, das heißt, einer guten Komödie liegen immer ganz existenzielle Fragen zugrunde, und in dem Moment, wo man das spürt und versteht, was eigentlich die Weisheit hinter dem Witz ist, der da gemacht wird, dann funktioniert es, dann hat man es geschafft. Für uns war es eine Herausforderung, sich zu überlegen, wieviel Slapstick, wieviel Wortwitz, was für eine Art von Wortwitz, wieviel Situationskomik passen zusammen und wieviel verträgt der Zuschauer davon, ohne zu denken, ah, so ein Film ist das also. Dadurch dass der Film aber zwischen diesen verschiedenen Humorformen changiert, war es nicht ganz einfach, den Anfang zu gestalten, so dass man sofort ein Gefühl dafür bekommt, auf was für eine Art Film man sich jetzt hier einlässt, damit beim Zuschauer keine falsche Erwartungshaltung entsteht.

Hatten Sie Bedenken, nach dem Erfolg, den Sie mit Der Räuber hatten, jetzt in ein komplett anderes Genre zu wechseln?
Bedenken hatte ich eigentlich nicht, ich hatte große Lust darauf. Es war eher so, dass ich erst gemerkt habe, was für ein komplizierter Prozess der Schnitt einer Komödie ist, als wir tatsächlich im Schneideraum saßen. Vor allem, weil kleinste Veränderungen den Charakter des Ganzen total verändern. Da war ich sehr froh unseren Berliner Cutter zu haben, der dann am Ende noch einmal einen Quantensprung mit diesem Film gemacht hat. Dabei habe ich unheimlich viel gelernt. Es war so, dass viele Szenen sehr gut funktionierten, aber die Aneinanderreihung letztlich immer einen ganz unterschiedlichen Film gebracht hat. Und das quasi in einen Guss zu bringen, das war die größte Herausforderung. Die Angst mit einem Film zu scheitern, die gibt es ja immer. Aber die wunderbare Change zu haben, einen Film zu machen, der ungewöhnlich ist und auch ein bisschen verrückt sein darf, und dass man den auch gefördert bekommt, das war natürlich ein großes Glück – es war nicht einfach, aber wir haben es geschafft.