Tale of Tales

Die Realität transformieren

| Pamela Jahn |
Matteo Garrone im Gespräch über seine Anfänge als Maler und seinen neuen Film Tale of Tales, über sein Lieblingsmärchen und einen berühmten Nachbarn.

Herr Garrone, wie schlägt man die Brücke von Mafia-Thriller über Gesellschaftssatire hin zu surrealen Märchenfantasien?

Klingt ganz schon verrückt, ich weiß. Aber im Grunde werden schon in Gomorrha ein paar ziemlich düstere Märchen erzählt. Andersherum sind Gewalt, Blut und Tod entscheidende Elemente, die sich auch in den Märchen wiederfinden, um die es in Tale of Tales geht. Und so wie ich in Reality versucht habe, die Geschichte von einem wirklichkeitsnahen, zeitgenössischen Ansatzpunkt ausgehend gewissermaßen in eine fantastische, abstrakte Dimension zu übertragen, ging es mir diesmal darum, diese fantastischen Erzählungen ein bisschen näher an die Wirklichkeit heranzubringen. Darüber hinaus sind alle meine Filme sehr stark visuell geprägt, auch da lassen sich Parallelen finden. Natürlich war die Filmsprache in Gomorrha vom Stil her eher dokumentarisch, aber dennoch steckt eine spezielle visuelle Kraft dahinter, in die ich viel Zeit und Energie investiert habe. Ich halte nichts davon, die Realität lediglich zu imitieren, mir geht es vielmehr darum, sie zu transformieren. Tale of Tales war in der Hinsicht mit Abstand die bisher größte Herausforderung für mich, allein wegen der vielen technischen Aspekte, die es zu bewerkstelligen galt. Das war manchmal ganz schön frustrierend. Wahrscheinlich muss man verrückt sein, um einen Film wie diesen in Italien zu produzieren, aber was mich daran gereizt hat, war die Idee, einen Fantasy-Film zu machen, der einerseits einem breiten Publikum zugänglich ist und einen hohen Unterhaltungswert hat, der gleichzeitig aber auch den italienischen Wurzeln der originalen Textvorlage gerecht wird.

Wann sind Sie persönlich zum ersten Mal auf die Märchensammlung von Giambattista Basile gestoßen?

Vor vier oder fünf Jahren, durch einen Freund von mir, ein Maler. Als ich das Pentameron zum ersten Mal las, war ich sofort Feuer und Flamme. Ich war begeistert von den Figuren, der enormen visuellen Vorstellungskraft, ganz zu schweigen von der schieren Fülle an verschiedenen Weisheiten und Motiven, die in dem Band enthalten sind.

War es schwer, sich auf die drei Geschichten zu einigen, die Sie im Film wiedergeben?

Ja, es gibt so unendlich viele interessante Themen, die in den fünfzig Erzählungen aufgegriffen werden. Mal sehen, vielleicht mache ich irgendwann eine ganze Fernsehserie daraus. Für das Drehbuch mussten wir uns auf drei Geschichten beschränken, sonst wäre daraus ein fünf Stunden-Mammut-Werk geworden. In allen drei Episoden geht es um Begierde beziehungsweise wie aus Begehren zunehmend Besessenheit wird, aber darüber hinaus haben die einzelnen Geschichten jeweils ihren eigenen Fokus, ihre eigene Identität, wenn Sie so wollen.

Hatten Sie ein Lieblingsmärchen, als sie noch ein Kind waren?

Mmmh, schwer zu sagen. Mein Lieblings-Disney-Film war definitiv Robin Hood. Ich weiß noch, meine Großmutter war irgendwann ganz verzweifelt, weil sie mich jede Woche mindestens einmal ins Kino bringen musste, damit ich den Film sehen konnte.

Wie kam die Zusammenarbeit mit dem britischen Produzenten Jeremy Thomas zustande?

Jeremy war unheimlich wichtig für das Projekt. Er hat mich nicht nur maßgeblich dabei unterstützt, einen Film in einer Sprache zu drehen, die nicht meine Muttersprache ist, sondern er hat mir vor allem geholfen, die richtigen Schritte zur richtigen Zeit zu tun. Und auch beim Schnitt war er eine große Hilfe, weil er früher selbst einmal Editor war. Wir wollten schon lange zusammenarbeiten, aber ich habe Reality in Italienisch gedreht, da ergab es natürlich für ihn keinen Sinn, sich an dem Projekt zu beteiligen. Und dass es jetzt geklappt hat, war in gewisser Hinsicht sehr mutig von ihm. Das Projekt war ja schon sehr ambitioniert.

Hatten Sie Bedenken, dass bei der Übersetzung ins Englische etwas vom Wesen der ursprünglichen Erzählungen verloren gehen könnte?

Nein, weil die ursprünglichen Märchen ja zunächst einmal im neapolitanischen Dialekt geschrieben waren, als sie 1634 zum ersten Mal veröffentlicht wurden. Das heißt, selbst wenn Sie die Sammlung heute in Italienisch lesen, lesen Sie eine Übersetzung. Der Schriftsteller Italo Calvino hat einmal gesagt, Basiles Schreiben hat etwas Shakespeare-haftes, er meinte, die Märchen seien die Träume eines neapolitanischen Shakespeare. Das heißt, seine Sprache war genau richtig für unser Vorhaben und wir haben uns darum bemüht, ihr treu zu bleiben. Und wenn wir Glück haben, dann können wir mit unserem Film vielleicht ein Stück weit dazu beitragen, das Basile endlich die Anerkennung zuteil wird, die er verdient und die ihm bisher versagt blieb. Es ist schon ungerecht, dass er der erste europäische Märchenschreiber war, der erste, der Geschichten über Cinderella und Blaubart verfasste, und trotzdem kennen heute alle nur die Märchen der Gebrüder Grimm. Dabei war Basile der eigentliche Meister in der Art und Weise, wie er in seinen fantastischen Erzählungen scheinbare Gegensätze wie Komik und Gewalt geschickt miteinander zu verbinden wusste. Als ich Basile zum ersten Mal für mich entdeckte, fühlte ich mich seinem Ansatz unmittelbar verbunden.

Tales of Tales besticht vor allem durch seine makellose Kameraführung, die geprägt ist von einer speziellen Farbsymbolik und der Verwendung verstörend surrealer Bilder. Hat das mit Ihrer Vergangenheit als Maler zu tun?

Das auch, aber ich habe den Großteil der visuellen Bildkraft meinem Kameramann Peter Suschitzky zu verdanken. Ich hatte schon immer seine Arbeit für Cronenberg bewundert. Was mich an seiner Art der Kameraführung am meisten fasziniert, ist, wie er aus einer scheinbar sehr wirklichkeitsnahen Perspektive Bilder erzeugt, die trotzdem immer zu einem gewissen Grad künstlich wirken, und das war natürlich in diesem Zusammenhang ein großer Vorteil für uns.

Wer waren die Vorbilder für Ihre eigene Malerei?

Ich habe mich vor allem der gegenständlichen Malerei gewidmet, das heißt, die großen Maler des 17. Jahrhunderts waren meine Vorbilder: Caravaggio, Velasquez, Rembrandt, Goya. Und Goya diente mir auch als Inspiration für Tale of Tales, vor allem seine Zeichnungen, die Caprichos.

Wann haben Sie mit der Malerei begonnen?

Ach, da war ich noch sehr jung. Ich habe gemalt, bis ich 26 war, dann habe ich mit dem Filmemachen begonnen. Nanni Moretti organisierte damals das erste Kurzfilmfestival in Rom überhaupt und von den 700 Einsendungen wurden 20 Filme ausgewählt, die dann gezeigt wurden. Mein Film hat am Ende gewonnen. Danach bin ich beim Filmemachen geblieben und habe die Malerei an den Nagel gehängt.

Warum das?

Weil ich gemerkt habe, dass ich mich für eine Sache entscheiden muss. Beides parallel zu machen, war für mich unmöglich, schon deshalb nicht, weil ich rund um die Uhr über das Filmemachen beziehungsweise über die Sprache des Kinos nachdenke. Um wieder mit dem Malen anzufangen, bräuchte ich höchstwahrscheinlich erst einmal ein, zwei Jahre Pause, um den Kopf wieder frei zu kriegen und mich auf andere Sachen konzentrieren zu können. Aber ich fände es spannend herauszufinden, was dabei rauskäme, würde ich den Pinsel wieder in die Hand nehmen. Vielleicht komme ich darauf zurück, wenn ich irgendwann mal einen Film mache, der in einem totalen Desaster endet, sodass ich mich in mein Studio zurückziehe, um der Welt zu entfliehen. Aber das wird hoffentlich nicht so schnell passieren.

Sie haben Nanni Moretti erwähnt, aber auch mit Ihrem Kollegen Paolo Sorrentino verbindet Sie etwas. Angeblich wohnen sie beide im selben Haus, stimmt das?

Ja, das stimmt.

Wie kann man sich das vorstellen? Treffen Sie sich ab und zu zum Mittagessen, um über ihre Filme zu plaudern?

Wir treffen uns hin und wieder im Aufzug. Aber als er im vergangenen Jahr den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewonnen hat, habe ich beschlossen, dass es erstmal keine so gute Idee ist, ihn zu oft zu sehen. (Lacht.)

Ihr Film handelt in erster Linie von Besessenheit und dunklen Fantasien. Gibt es etwas, wovon Sie persönlich besessen sind?

Kann sein. Ich weiß nicht, ob „besessen“ das richtige Wort ist, aber ich bin auf jeden Fall extrem perfektionistisch. Wahrscheinlich ist das meine Obsession. Mir ist zum Beispiel bei der Premiere in Cannes eine Stelle im Film ausgefallen, die nicht richtig funktioniert. Das ändere ich, bevor der Film tatsächlich in die Kinos kommt. Und fragen Sie mich nicht, was es ist, ich verrate es nicht. Aber es ist wird nicht schwer sein, die Sache auszubügeln, die Jungs von der Special-Effects-Abteilung sitzen schon dran.

Sie haben die technischen Schwierigkeiten angesprochen, die Sie beim Drehen hatten. Schreckt Sie das ab, sich in Zukunft auf schwierige Produktionen wie diese einzulassen?

Ja, mein nächster Film wird ganz einfach: zwei Personen in einem Raum, ein bisschen Dialog, eine einzige Einstellung, das war‘s! (Lacht.) Nein, keine Angst, soweit kommt es nicht. Filmemachen ist immer ein Wagnis. Denn wenn man einen Film macht, wird man leicht blind hinsichtlich der eigenen Arbeit, einfach weil es so vieles gibt, woran man denken muss. Und es ist nicht so wie in der Malerei, wo Sie immer genau die Farben sehen, die Sie auf die Leinwand malen. Ein Film ist wie ein Mosaik, bei dem sie erst am Ende wirklich ein Gefühl dafür bekommen, was da vor Ihren Augen entstanden ist, welchen Ton die Geschichte hat. Im Prozess selbst kann man sehr leicht die Kontrolle darüber verlieren, egal wie überzeugt man davon ist. Deshalb meine ich, wenn jeder Regisseur im Lauf seiner Karriere auch nur einen richtig guten Film hervorbringt, dann ist das weiß Gott genug. Dann kann man auch mal Fehler machen – aber so lange soll man es versuchen!