Einfach kann jeder: Michael Fassbender mag es nicht nur schwarz oder weiß, viel spannender findet er die Schattierungen dazwischen. Mit derzeit zwei Filmen im Kino und sieben Projekten in der Pipeline setzt er seinen Erfolgskurs als Wunderwaffe für komplexe Rollen fort und sorgt dafür, dass ihm und uns im Kino nicht langweilig wird.
Er ist der Mann der Stunde, wie es so schön heißt – und das schon eine ganze Weile. Denn Michael Fassbender ist nicht nur einer der gefragtesten Schauspieler seiner Generation, sondern auch einer der tüchtigsten und der akribischsten. Die produktive Schaffensphase, in der sich der im südirischen Killarney aufgewachsene Deutsch-Ire seit seinem Durchbruch mit Hunger (2008) unter der Regie von Steve McQueen befindet, scheint mittlerweile in einer Art fiebrigem Dauermodus zu verharren, der ihn nicht nur pausenlos in Atem hält, sondern immer wieder auch zu neuen Höchstformen treibt. Engagements bei Tarantino (Inglourious Basterds), Cronenberg (A Dangerous Method), Sir Ridley Scott (Prometheus, The Counselor) und immer wieder Steve McQueen (Shame, 12 Years a Slave) pflasterten ihm den Weg in die oberste Darsteller-Liga, die unermüdliche X-Men-Franchise tat ihr Übriges. Vom „People With Money“-Magazin wird der 38-Jährige derzeit als bestbezahlter Schauspieler der Welt gehandelt. Fassbender selbst dagegen könnte entspannter kaum sein und gibt sich auch sonst ganz anders, als man es von einem internationalen Filmstar seines Kalibers erwarten dürfte: freundlich, offen und mit Witz, der nur hin und wieder, wenn das Gesprächsthema es verlangt, ohne Vorwarnung in eine ungestüme Intensität umschlägt, die ihres Gleichen sucht.
Fassbender liebt mutiges, kantiges Kino und am liebsten lebt er seine Leidenschaft vor der Kamera aus. Derzeit erobert er in Justin Kurzels blutrünstiger „Macbeth“-Verfilmung die Leinwand, demnächst verkörpert er Steve Jobs in Danny Boyles gleichnamigen Biopic über den einstigen Apple-Mitbegründer. Der eine ein König, der aus fahriger Machtgier zum Tyrannen wird, der andere einer der größten Visionäre des Computerzeitalters, dessen Ambitionen so riesig waren, wie ihr Scheitern kolossal und der angesichts despotischer Führungsmethoden im Laufe seiner Karriere regelmäßig in die Kritik geriet. Auch Fassbender gesteht, er stecke die eigenen Ansprüche an seine Arbeit lieber zu hoch, als sich vor der Herausforderung zu drücken. „Es funktioniert nicht immer,“ gibt er unbeschwert zu. „Aber wenn man mir die Gelegenheit gibt, Dinge zu riskieren, dann mach ich das.“
Herr Fassbender, Justin Kurzels Film reiht sich in eine lange Tradition von „Macbeth“-Adaptionen fürs Kino und Fernsehen. Wie schafft man es bei der Unmenge von Vorlagen als Schauspieler überhaupt noch, seinen eigenen Zugang zum Material zu finden?
Das ist allein Justins Verdienst. Er hatte von Anfang an eine ganz klare Vorstellung davon, wie er an die Sache herangehen wollte, und sein Zugang schien mir sehr greifbar, so dass ich dem eigentlich nur folgen musste. Trotzdem war es mir sehr wichtig, auch einen persönlichen Bezug zum Material zu finden. Nach jedem Drehtag, oder auch zwischen den Szenen, habe ich mich ständig gefragt, wie viele andere Herangehensweisen es wohl noch gegeben hätte – die Möglichkeiten sind ja unendlich. Das ist einerseits ganz schön deprimierend, aber gleichzeitig inspiriert es auch ungemein. Und wahrscheinlich ist das auch ein Grund dafür, warum sich immer wieder Leute für „Macbeth“ begeistern.
Was unterscheidet diese Inszenierung von anderen?
In der Interpretation sicherlich, dass sie den Fokus eher auf den Verlust legt. Immerhin haben wir es hier mit einem Paar zu tun, das nicht nur die Verbindung zueinander verloren hat, sondern das ein gemeinsames Kind verloren hat, und bei dem beide Partner letztlich Gefahr laufen, über ihre Missetaten, den eigenen Verstand zu verlieren. Es gibt dieses große schwarze Loch in ihrer Ehe und deshalb setzt Lady Macbeth schließlich aus Verzweiflung – nicht aus Ehrgeiz oder Habgier, wie es traditionell verstanden wird – alle Hebel in Bewegung, um irgendwie die Beziehung zu ihrem Ehemann zu retten. Und was Macbeth angeht, er ist ein Krieger, ein Soldat, der ständig im Einsatz ist. Und die Idee, die Justin hatte, auf die bisher noch keiner gekommen war, ist, dass Macbeth an einer Art posttraumatischer Störung leidet. Im Nachhinein macht das total Sinn, es steckt alles im Text. In der Banquet-Szene zum Beispiel, wenn er sich einbildet den Geist Banquos zu sehen und zu ihm spricht, und Lady Macbeth sagt zu den Gästen: „Beruhigt euch, wir kennen diese Anfälle von ihm, das geht gleich wieder vorbei.“ Das ist der Beweis, dass Macbeth längst ein gebrochener Mann ist, der im Grunde ähnliches durchmacht wie heute viele Soldaten, die aus dem Irak oder aus Afghanistan heimkehren.
Wie würden Sie Ihre persönliche Beziehung zu Shakespeare beschreiben? Haben Sie quasi auf die Gelegenheit gewartet, eine Rolle wie Macbeth spielen zu können?
Ich bin in Irland aufgewachsen und wir haben unsere eigenen Dichter und Denker, wenn Sie so wollen. Das heißt, Shakespeare liegt mir nicht automatisch im Blut. Aber klar, es gehörte natürlich zu unserer Schullektüre. Nur für mich war es damals eher etwas, dass ich lesen musste, was mich aber nicht unbedingt vom Hocker gerissen hat. Erst später, als ich mich dazu entschlossen hatte, Schauspieler zu werden, habe ich mir Shakespeare noch einmal vorgenommen, und erst dann ist mir wirklich bewusst geworden, wie brillant die Stücke geschrieben sind und was für eine Herausforderung es für einen Schauspieler ist, das umzusetzen. Trotzdem stand Macbeth jetzt nicht ganz oben auf meiner Liste, im Sinne von: Das muss ich unbedingt irgendwann machen. Ganz gewiss nicht. Aber Iain Canning kam eines Tages auf mich zu, kurz nachdem wir Shame abgedreht hatten, und meinte, er würde eine neue Kinoadaption planen und ob ich interessiert wäre. Plötzlich stand die Sache dann für mich fest: Ein Nein war in dem Fall keine Option. Ich wusste, dass ich das machen musste – für mich.
Sie drehen auch die Videospielverfilmung Assassin’s Creed wieder mit Justin Kurzel als Regisseur und Marion Cotillard als Leinwandpartnerin. Hat sie die gemeinsame Arbeit an Macbeth zusammengeschweißt?
Ehrlich gesagt, können wir uns nicht ausstehen. Wir sind alle drei Masochisten, also haben wir beschlossen, die ganze Sache gleich noch mal durchzuspielen. (Lacht.) Nein, ganz im Ernst: Kurz nachdem wir mit den Proben zu Macbeth begonnen hatten, wurde Marion und mir ziemlich schnell klar, dass Justin ein ganz besonderes Talent ist. Und wenn man so einen schweren Brocken wie Macbeth bearbeitet, dann hilft es unheimlich, jemanden wie Marion an seiner Seite zu haben. Wir hatten einfach alle drei von Anfang an einen guten Draht zueinander.
Was ist das Besondere an Justin Kurzels Arbeitsweise?
Er ist jemand, der sehr gut führen kann, und das ist sehr wichtig als Regisseur. Außerdem ist er intelligent, geduldig, und er ist ein guter Zuhörer. Alle diese Eigenschaften sind entscheidend, wenn es darum geht, Vertrauen aufzubauen, und das ist für mich das Wichtigste überhaupt. Nur wenn das Vertrauen da ist, kann ein Regisseur dich dazu bringen, über deine eigenen Kapazitäten hinaus zu gehen. Wenn das nicht der Fall ist, dann machst du trotzdem deine Arbeit gut, aber eben nur bis zu einem gewissen Grad.
Haben Sie sich zur Vorbereitung auf die Rolle auch einige der bereits existierenden Adaptionen angeschaut: Orson Welles, Kurosawa, Polanski?
Ja, alle. Ich habe mir alles angeschaut, was es gab.
Was hat Ihnen das gebracht?
Schwer zu sagen, am ehesten wahrscheinlich Bilder und eine bestimmte Vorstellung davon, was funktioniert und was mich persönlich eher nicht anspricht. Ich bin niemand, der sich viele Notizen macht, aber ich analysiere das, was ich sehe oder lese sehr genau in meinem Kopf. Ich absorbiere vieles, und schaue am Ende, was dabei rauskommt.
Gibt es dann bei den Proben oder am Set irgendwann einen Moment, wo Sie das Gefühl haben: Jetzt hab ich’s?
Nein, das ist ein sehr intuitiver Prozess. Ich interpretiere da nicht übermäßig viel hinein. Man kann nur hoffen, dass man am Ende der Figur so nah wie möglich kommt, aber das passiert, wenn es passiert, das kann man nicht steuern. Steve McQueen hat einmal zu mir gesagt, das ist, wie wenn man im Dunkeln einen Raum betritt und sich langsam vortastet, um zu fühlen, wo die Möbel stehen. So ähnlich ist es auch am Set. Mir ist es am liebsten, wenn ich mich intensiv auf die Rolle vorbereiten kann, was die Dialoge angeht, den Rhythmus des Ganzen uns so weiter. Aber beim Drehen selbst, ist es wichtig, dass man nichts erzwingt, sondern die Sache einfach auf sich zukommen lässt.
Sie lassen gerade eine ganze Menge auf sich zukommen. Sie arbeiten quasi ohne Unterbrechung.
Ja.
Und wenn man sich Ihre Filmografie anschaut, spielen Sie mit Vorliebe hochkomplexe Figuren, die Ihnen einiges abverlangen. Worauf kommt es Ihnen bei der Wahl Ihrer Rollen an?
Provokation. Ich versuche immer, die Rolle im Zusammenhang mit der Geschichte zu betrachten, die erzählt wird. Ob meine Figur sympathisch ist oder nicht, interessiert mich nicht wirklich, das zu beurteilen überlasse ich den Zuschauern. Entscheidend ist, dass ihnen der Film im Gedächtnis bleibt, dass man sich darüber austauscht, was man da gerade gesehen hat, mit anderen Worten, dass das Gesehene provoziert. Die Menschen sind von Natur aus komplizierte Wesen mit vielen Schattierungen, wir sind nicht schwarz oder weiß, und deshalb interessieren mich auch komplexe Rollen mehr als einfache. Aber wahrscheinlich ist es an der Zeit, dass ich auch mal eine Komödie mache.
Gibt es konkrete Angebote, die Sie interessieren könnten?
Nicht wirklich. Es gab bisher immer mal wieder ein paar Annäherungsversuche, aber nichts, was sich am Ende tatsächlich konkretisierte.
Demnächst dürfen wir Sie als Steve Jobs in Danny Boyles Verfilmung der Biografie des Apple-Mitbegründers auf der Leinwand sehen. Wer war Steve Jobs für Sie, rein menschlich gesehen?
Steve Jobs war jemand, der unser aller Leben drastisch verändert hat, und zwar in vielerlei Hinsicht. Was an ihm gut oder schlecht war, gehört dazu, das ist Teil seiner Persönlichkeit, und ich habe versucht, ihn wie alle anderen in erster Linie als Menschen zu betrachten. Aber was mich an Danny Boyles Film in erster Linie fasziniert hat, war, das er sich der typischen Verlaufskurve eines Biopics widersetzt. Normalerweise geht es doch so: Es beginnt mit einer Leidenschaft für eine bestimmte Sache, dann kommt der Erfolg, der Abstieg, ein Neuanfang, und am Ende der Tod – von der Wiege bis zur Bahre, oder so ähnlich. Und was der Film viel klüger angeht, ist die Tatsache, wie er hinter die Kulissen schaut und in drei Akten drei ganz konkrete Momente in Jobs Karriere beleuchtet, die sein Leben beeinflusst haben.
Wie haben Sie reagiert, als Sie Aaron Sorkins Drehbuch zu ersten Mal gelesen haben?
Ich dachte nur, ich muss das machen. Schon beim ersten Leben hatte ich das Gefühl, das hat was von einem modernen Shakespeare, so genial wie das geschrieben ist. Das konnte ich auf keinen Fall ablehnen.
Mit Shakespeare kennen Sie sich jetzt ja bestens aus…
Da bin ich mir nicht so sicher. Aber den Versuch war es allemal wert.
