Ehrenhafte Frau und Wassermann, Katz- und Mausspiele, Kartenhäuser und Mafia-Poker: eine kleine Auswahl neuer Serien.
Maggie Gyllenhaal heißt ein Grund, sich The Honourable Woman anzuschauen. Ein anderer wäre das komplexe Thema „Friedensprozess im Nahen Osten“. Endlich einmal in einer Serienhauptrolle, macht Gyllenhaal gute Figur (und erhielt den Golden Globe) als junge britisch-jüdische Geschäftsfrau Nessa Stein, die den Rüstungskonzern ihres Vaters geerbt hat, nun aber Glasfaserkabel im Westjordanland verlegen will. Den Vater wurde vor 29 Jahren vor ihren Augen ermordet – schiebt man diese überstilisierte Rückblende zu Beginn einmal weg – wobei Überstilisierung als Selbstzweck in Serien ein im Wachsen begriffenes Phänomen sein dürfte –, und ist man in der Lage, dem nicht zuletzt via Rückblenden ins Opernhafte abdriftenden Interpunktionsduktus etwas abzugewinnen, muss man The Honourable Woman nur noch die unehrenhaften Episoden-Cliffhanger verzeihen, und schon ist man mittendrin. In einer schrulligen Nebenrolle brilliert Stephen Rea, Mastermind ist der Waliser Hugo Blick (ab 13. November auf DVD/Blu-ray bei Polyband).
Wer immer noch nicht genug vom Kalten Krieg und ein Faible für Maulwürfe hat, dem sei The Game empfohlen, eine Art Miniserien-Variante von Tinker, Tailor, Soldier, Spy. Jedenfalls das liebevolle Produktionsdesign kann es mit Tomas Alfredsons hintergründigem Spionagethriller aufnehmen. Mit Brian Cox als „Daddy“ des MI5 und Tom Hughes als ehemaligem KGB-Offizier wurden zwei Topleute gewonnen, und das Auffinden der undichten Stelle erweist sich sogar für Geheimdienst-Aficionados als veritabler Twist (ebenfalls eine BBC-Produktion bei Polyband).
Wie Matteo Garrones hochgelobte Romanadaption basiert auch die Serie Gomorrha auf dem gleichnamigen Buch von Roberto Saviano, das vom fiktiven Camorra-Clan Savastano in Neapel erzählt, dessen Verstrickungen mit rivalisierenden Familien und mit der Stadtpolitik, von internen Krisen und Erbfolgeproblemen. Die ersten Folgen der federführend von Stefano Sollima inszenierten Sky-Italia-Produktion lassen sich vielversprechend, jedoch äußerst düster und trostlos an, auf Auflockerungen im Stil der Sopranos (siehe S. 90) wartet man vergeblich (derzeit auf Arte, auf DVD bei Polyband).
Neue Serien auf Sky im November: David Duchovny als L.A.-Cop, der auf der Suche nach vermissten Personen auf die Charles-Manson-Sekte stößt (Aquarius, die US-Kritiken sind durchwachsen), Tim Robbins als sexsüchtiger Staatssekretär in der Polit-Comedy The Brink (die US-Kritiken polarisieren) und die Crime-Drama-Miniserie The Last Panthers mit Samantha Morton und John Hurt (es gibt noch keine US-Kritiken, denn es handelt sich um eine Sky-Eigenproduktion). Die AMC-Erfolgsserie Mad Men konnte man hierzulande auch legal zuerst auf Sky sehen, nun erscheint die allerletzte Halbstaffel 7.2 auf DVD/Blu-ray (am 10. Dezember bei Universal).
Kartenhäuser sind immer einsturzgefährdet, Häuser, in denen gepokert wird, dass sich die Balken biegen, bleiben stehen – ob es sich nun um das Weiße Haus der Gegenwart handelt oder um den Westminster-Palast der späten Achtzigerjahre. Frank Underwood hieß damals Francis Urquhart, aber an Machtgier und Perfidie steht die von Ian Richardson gespielte Figur der heutigen, von Kevin Spacey interpretierten US-Variante bis heute nicht nach. Michael Lord Dobbs, einst Konsulent von Maggie Thatcher, ist sowohl Urheber der damaligen Miniserien-Triloge House of Cards (komplett bei Pandastorm / Ascot Elite auf DVD/Blu-ray) als auch Ko-Autor der gleichnamigen, durchschlagend erfolgreichen, von Beau Willimon produzierten Neuauflage (Season drei bei Sony, auf die vierte müssen auch Streamingnutzer noch bis 2016 warten).
Apropos Streaming: Die österreichische Online-Videothek Flimmit bietet neuerdings einen Serienschwerpunkt, bestehend aus „den besten ORF-Serien aus sechs Jahrzehnten“. Neben den legendären Mundl und Kottan aus den Siebzigern und der Aussteiger-Rarität Der Sonne entgegen aus den Achtzigern bis zu Altes Geld ist da eh so ziemlich jede „Kultserie“ dabei, die der ORF je verbr…, äh, verantwortet hat.
