Zehn Jahre Oktoskop

Denn sie wissen, was sie tun

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Die verdienstvolle Filmsendereihe Oktoskop wird zehn Jahre alt. Grund genug, den Tatort zu wechseln und mit den Kuratoren Robert Buchschwenter, Lukas Maurer und Amina Handke über die Erfahrungen mit ihren Gästen und die Vielfalt der österreichischen Filmlandschaft zu sprechen.

Am 28. November 2005, als die erste „ray“-Ausgabe nach dem Relaunch des Magazins gerade an den Zeitschriftenhandel ausgeliefert war, ging der Wiener Community-Fernsehsender Okto auf Sendung. Von Beginn an wollten die Programmverantwortlichen um Intendantin Barbara Eppensteiner eine vom Sender selbst produzierte wöchentliche Filmsendung machen. Damals im Programmteam: Robert Stachel, bekannt als Mitglied der Mediensatiregruppe maschek. Stachel sprach den früheren Filmkritiker, Dramaturg und Drehbuchautor Robert Buchschwenter darauf an, Buchschwenter holte den Filmpublizisten und Kurator Lukas Maurer an Bord. Ursprünglich geplant war ein Filmabend mit Einführung, daraus entwickelte sich bald das bis heute praktizierte Prinzip von Oktoskop, zu jeder Sendung Filmemacherinnen und Filmemacher einzuladen, um mit ihnen über ihre Werke zu sprechen: kurze und lange Spiel- und Dokumentarfilme, Experimentalfilme, Videokunst. Bereits zwei Jahre nach ihrer Gründung erhielt die Sendereihe den Fernsehpreis der Erwachsenenbildung. Jeden Sonntag um 20 Uhr (Werbespruch: „Wechseln Sie den Tatort und schauen Sie Oktoskop!“) beginnt die Sendung mit einem rund 20-minütigen Gespräch. Mittlerweile sind österreichische Filmemacher, die noch nicht bei Oktoskop zu Gast waren, zur Minderheit geworden. Seit dreieinhalb Jahren zählt auch die Cross Media Künstlerin Amina Handke, die von Anfang im Programmteam von Okto mitgearbeitet hat, zum Kuratorenteam der Sendereihe. Das Gespräch fand am 6. Oktober in der „ray“-Redaktion statt.

 

Wie ist der Österreich-Schwerpunkt in Oktoskop entstanden?

RB: Aus zwei Gründen. Zum einen, weil wir Leute ins Studio eingeladen haben und es natürlich kostengünstiger war, wenn man die nicht einfliegen lassen musste. Wir haben auch Leute aus dem Ausland eingeladen und einfliegen lassen, das tun wir immer noch, aber aus dem Grund hat sich halt einfach mit der Zeit ein Schwerpunkt ergeben. Zum anderen können wir unseren Gästen nicht viel zahlen und die österreichische Filmlandschaft ist überschaubar, das heißt, wir kennen im Grunde alle unsere Gäste persönlich und so ist es natürlich leichter an Filmemacher ran zu kommen, auch an bekannte Leute wie Murnberger oder Seidl. Man ruft an und fragt, ob sie an einem Film die Rechte haben. Das macht die Sache einfacher.

AH: Es ergibt sich auch schon daraus, wie wir arbeiten. Wir arbeiten nicht klassisch wie Journalisten, die recherchieren und dann alles zusammen bauen, sondern es ergibt sich sehr viel über diese persönlichen Bezüge. Sowohl der Bezug, den wir zu den Leuten haben, als auch der Bezug der Filmemacher zur Sendung und zu Okto.

Und Ihr macht anlassbezogene Sendungen im Rahmen östereichischer Filmfestivals.

LM: Es bot sich natürlich an mit Festivals zu kooperieren, weil der Österreichschwerpunkt ja auch ein Teil dessen ist. Die Kooperation mit der Diagonale gab uns in den ersten Jahren auch die Möglichkeit, unsere Sendung präsent zu machen. Als wir z.B. die Sendungen vor Ort in Graz gedreht haben und Gäste vor Ort eingeladen haben.

AH: Auch wieder nach dem Grundprinzip von Okto, dass man vorhandene Kontakte und vorhandenes Wissen nutzt, um kooperativ und nicht isoliert zu arbeiten.

Die Festivals bringen natürlich auch mit sich, dass man internationale Filmemacher quasi auf dem Tablett serviert bekommt.

LM: Ja, die Kooperation mit dem Linzer Crossing Europe Festival hat sich genau dadurch ergeben. Es ist halt pragmatischer als permanent Leute aus anderen Ländern einfliegen zu lassen. Zunächst hatten wir einen Crossing Europe Schwerpunkt mit Christine Dollhofer im Studio, die dann immer einen Film ausgewählt hat. Irgendwann hat sich dann die Idee ergeben, dass wir in Linz drehen mit Gästen, die vor Ort sind. Das hat sich in den letzten Jahren sehr bewährt, so haben wir internationale Gäste und der Österreichschwerpunkt ist nicht mehr so einbetoniert.

AH: Die Sendung selbst ist ja auch gut vergleichbar mit einem Festival: von der Thematik, der Programmierung her, dass man über Filme berichtet, über Filme spricht und auch den künstlerischen Aspekt hineinbringt, und wie der Film entsteht.

Mehr oder weniger ein Ganzjahres-Festival …

LM: Wir hatten ja auch den Untertitel „Das Filmfestival im Fernsehen“.

RB: Mit diesem Konzept, dass wir Leute zum Gespräch einladen, limitieren wir uns natürlich auch. Das hat damit angefangen, dass ich einmal einen kroatischen Filmemacher zu Gast hatte, der nach Wien gekommen ist und dann bei mir in der Wohnung gewohnt hat. Aber der war sehr gut vernetzt mit amerikanischen Independent-Filmern und hat mir dann vier Mailadressen gegeben. Die habe ich dann angeschrieben und sie waren total happy. Ich hab mich in dem Mail quasi entschuldigt, dass wir nur so wenig zahlen können. Aber der Filmemacher meinte, er ist glücklich, dass er überhaupt was bekommt dafür, dass er seine Filme im Fernsehen zeigen darf.

LM: Und natürlich auch darüber, dass seine Filme überhaupt gezeigt werden, denn in den USA hat sich niemand dafür interessiert. Mittlerweile ist es auch so, dass uns Leute, die von Oktoskop gehört haben, international Filme anbieten, um sie tatsächlich ins Fernsehen zu bringen. Oktoskop ist zwar eine Sendung in einem kleinen Community-Sender, aber wir bieten etwas Beispielloses im ganzen europäischen Raum, nämlich eine Sendung, die am Sonntag zur Primetime sehr anspruchsvolles Kino präsentiert und dazu ein 20-minütiges Gespräch mit dem Filmemacher oder der Filmemacherin. Diesen Luxus könnten sich kommerzielle Fernsehsender wegen des Quotendrucks nicht leisten. Wir haben quasi keinen Quotendruck, das zeichnet Oktoskop aus. Unsere einzige wirkliche Konkurrenz ist der „Tatort“.

Gibt es zu der Praxis auch einen theoretischen Überbau?

LM: Uns wurde einmal ein theoretischer Rahmen gegeben, weil es eine Ähnlichkeit zwischen unserem Sendungskonzept und dem Alexander Kluges gibt. Auch wie das Studio aufgebaut ist, mit der Blackbox und dass es sehr einfach ist. Das ist natürlich sehr schön, mit Alexander Kluge in Verbindung gebracht zu werden, aber das eigentliche Konzept ist, alles einfach zu halten, um die Filmemacher ins Zentrum zu rücken.

AH: Die Filmemacherinnen und Künstler wissen dieses Konzept sehr zu schätzen, dass sie die Möglichkeit haben, über ihre Arbeit zu sprechen, vor allem weil es das sonst in dieser Form nicht gibt, dass sie auch ohne zeitliche Limits sprechen können, und dass man die Sendung auch auf unbegrenzte Zeit in der Mediathek sehen kann und die Künstler ihre Arbeit somit verbreiten und dafür Werbung machen können.

Eure Arbeit hat auch archivarischen Charakter. Habt Ihr mal überlegt, diesen mittlerweile recht großen Speicher z.B. in Form einer Ausstellung auf eine Metaebene zu heben?

LM: Schöne Idee.

AH: Naja, es wäre sicher gut noch einmal deutlich zu kommunizieren, dass es dieses Archiv gibt. Eine Ausstellung, ich weiß nicht … Vielleicht will das Filmarchiv Austria ja mal das Ganze zeigen. Es sind auf jeden Fall alle Videos zeitlich unabhängig jederzeit verfügbar und ich weiß auch von einigen Leuten, die das zu Recherchezwecken verwenden. Es wird also schon regelmäßig genutzt.

LM: Von Medienwissenschaftsstudenten, die darauf zugreifen, aber auch von Journalisten.

Handelt es sich bei Eurer Arbeit um Filmvermittlung?

RB: Filmvermittlung, das hat für mich immer so einen pädagogischen, akademischen Touch, deshalb würde ich den Begriff nicht benutzen. Für mich ist es eher das ganz schlichte Prinzip der Auseinandersetzung mit Film, also dass man darüber hinaus geht, sich einen Film einfach nur anzusehen. Wenn ich mir einen Film anschaue, habe ich das Bedürfnis zu erfahren was dahinter steckt. Das mache ich auch privat, da komme ich nach Hause und suche im Internet nach Infos oder Interviews. Das ist das Grundprinzip der Sendung.

AH: Das ist auch wieder ein Alleinstellungsmerkmal von uns, dass wir drei nicht vorrangig aus dem akademischen oder journalistischen Bereich kommen, sondern eher aus der Praxis und von der Film-Fan-Seite. Dadurch kommen andere Blickwinkel hinein und das macht meiner Meinung nach auch die Qualität der Gespräche aus.

RB: Je nach Gast und Film geht das Gespräch auch in ganz unterschiedliche Richtungen. Das passiert mir z.B. auch ohne dass ich es plane. Manchmal ist es z.B. eine reine Auseinandersetzung über ein Phänomen. Die Elisabeth Scharang war einmal da zu ihrem Film Normale Zeiten und wir haben fast die ganze Sendung nur darüber geredet, was mit der SPÖ passiert ist. Manchmal ist es wie ein Werkstattgespräch, da geht es darum, welche Hindernisse musste man im Produktionsprozess überwinden, welche formalen Gedanken sind in einem Film umgesetzt worden.

LM: Es geht immer auch um einen künstlerischen Kosmos. Dann dreht es sich stark um den politischen Kontext und die Produktion.

AH: Aber auch um die Persönlichkeit der Künstler. Ich habe ja z.B. mehr den Schwerpunkt auf Experimental- und Videokunst, wo man dann mal 15 kleinere Arbeiten zeigt und natürlich redet man dann über die Person. Das steht für mich auch sehr im Vordergrund, dass man diese unterschiedlichen Persönlichkeiten erleben kann, weil es ja auch nicht geschnitten ist und man durch diese Live-on-Tape-Version die Möglichkeit hat, die Persönlichkeit zu sehen, wie sie redet, wie sie sich verhält. Ich versuche den Filmemachern oft die Angst zu nehmen, weil für viele das ja nicht die Regel, in einem Fernsehstudio zu sitzen. Ich betone auch oft, dass es Erhebungen dazu gibt, dass von den Gesprächsinhalten oft gar nicht so viel hängen bleibt. Das Wesentliche ist oft die Stimmung des Gesprächs, was war das grundlegende Thema, war das spannend oder unterhaltsam aufbereitet, hat irgendwer gestottert oder sich korrigiert. Das macht das Ganze dann auch lebendig und interessant.

LM: Es geht schon darum, dass im besten Fall eine tolle Stimmung entsteht, die den Film positiv ankündigt, so dass die Zuschauer schon mit einer bestimmten Stimmung in den Film hinein gehen. Da geht‘s natürlich sehr stark darum, wie jemand lebt und arbeitet.

AH: Jetzt für voraussichtlich Jänner z.B. habe ich ein Gespräch mit Hans Scheirl. Wir zeigen da den fast schon historischen, punkig-trashigen Film Dandy Dust aus 1998 und da geht es sehr stark um die Entwicklung einer Trans-Persönlichkeit, das Autobiografische, die Ängste. Gerade bei solchen Filmen, die sonst nicht sehr leicht zugänglich sind, wenn man sie sich unerwartet und unvorbereitet anschaut, hat man finde ich einen besseren emotionalen Zugang, wenn man die Persönlichkeit, die dahinter steckt und mit dem Film verwoben ist, kennengelernt hat. Man sieht den Film anders, z.B. auch humorvoller, wenn man das im Hinterkopf hat, was die Person vorher darüber gesagt hat. „Ja, da haben wir fünf Jahre dran gearbeitet, dann hatten wir keinen Darsteller, dann musste ich das machen“: Wenn man das weiß, sieht man sich den Film anders an.

LM: Ein Merkmal von Oktoskop ist ja eben auch, dass die Gespräche nicht nach dem Film stattfinden, sondern vor dem Film. Das heißt, wie spricht man über den Film, den ein Großteil des Publikums noch nicht gesehen hat? Da haben wir uns dann eben bald auf den Filmemacher, die Filmemacherin fokussiert, um so etwas über den Film zu vermitteln, wenn man diesen Begriff verwenden will.

Das alles passt zum Begriff Filmvermittlung, und Euer Preis für Erwachsenenbildung passt auch dazu.

LM: Das Etikett bekommt man natürlich leicht, weil Filmvermittlung oft über den verbalen Diskurs passiert.

RB: Wir haben natürlich auch viel darüber diskutiert, ob man das Gespräch nach dem Film macht. Ich wäre grundsätzlich auch dafür, weil man dann weiß, worum es in dem Film geht. Aber die Barbara Eppensteiner hat dann in der Diskussion zu Recht für unser jetziges Konzept argumentiert, weil sie gesagt hat, nach dem Film schalten die Leute weg.

AH: Dann bekäme es auch einen pädagogischen oder didaktischen Beigeschmack, wenn man das Gefühl hat, jetzt bekomme ich den Film nochmals erklärt.

Im Kino bleiben die meisten Leute nach dem Film sitzen, wenn es noch ein Publikumsgespräch gibt.

LM: Schon, aber die Couch zu Hause verleitet natürlich sehr, dass man wegdrückt. Das kenne ich von mir selbst.

Oder man ist so erschlagen vom Film, dass man gar nicht mehr aufnahmefähig ist. Oder man will einfach mit dem Film und den Eindrücken allein sein.

RB: Ganz genau.

AH: Es ist schwierig, die optimale Version zu finden.

LM: Aber man kann ja informieren. Wie im Museum, wenn ich mir den Saal-Text durchlese, bevor ich noch einen Blick auf die Bilder geworfen habe, dann betrachte ich die Bilder natürlich anders. Wenn ich vorab Infos zum Film bekomme, gerade wenn ich keinen umfangreichen cineastischen Background habe, finde ich vielleicht gerade dadurch einen Zugang.

RB: Wenn man über Phänomene reden kann, dann funktioniert das sehr gut. Z.B. wenn jemand in Südafrika eine Doku macht über ein Township oder während der Unruhen in der Türkei, da hat das Ganze so einen Aufheizcharakter. Da setzt du dich mit einem Thema auseinander und dann sind alle gespannt, was der Film dazu aussagt. Werkstattgespräche wiederum sind sehr schwierig, wenn man die vor dem Film macht. Da ist es natürlich toll, wenn viel von den Leuten selbst kommt, wie bei Tscherkassky z.B., wenn die nach jedem kleinen Filmchen ihr Zeug auspacken und reden und erzählen wie sie dieses und jenes gemacht haben, das ist toll.

LM: Man muss auch individuell auf die Gäste eingehen und kann nicht erwarten, dass jeder seinen künstlerischen Kosmos auf eine spritzige, humorvolle Weise darlegt. Wie schon angesprochen, viele sind es ja nicht gewohnt vor der Kamera zu sprechen und live vor einem Festivalpublikum zu sprechen ist noch einmal was anderes als im Fernsehen zu reden. Manche fühlen sich da auch so rein gestoßen, weil sie auf einmal 20 Minuten vor der Kamera reden müssen, da ist es dann auch notwendig, dass man schon vor dem Gespräch eine gute Stimmung erzeugt, damit die Leute ein bisschen ihren Stress verlieren.

RB: Wenn mich Leute vorher fragen, was ich fragen werde, dann sage ich, ich weiß es nicht. Das nimmt den Stress, was Gutes zu der Frage zu sagen. Es soll eher so sein, als würden wir im Wirtshaus sitzen und uns über den Film unterhalten. Das andere ist, dass wir relativ wenig schneiden, aber allein dass die Leute wissen, man kann Gesagtes auch rausschneiden, beruhigt sie meistens und man muss letztlich kaum kürzen.

AH: Wobei ich auch die Erfahrung gemacht habe, dass sich manche Gäste dann oft selbst unterbrechen, weil sie sich denken, das kann man dann eh schneiden. Aber gerade das nicht Geglättete durch das wenige Schneiden finde ich das Spannende, weil man die unterschiedlichen Persönlichkeiten sieht. Aber grundsätzlich ist die Möglichkeit zum Schnitt gut, man ist ja als Moderator auch manchmal nervös oder stockt.

Gab es auch mal einen Punkt, an dem Ihr unterbrechen oder abbrechen musstet?

RB: Ja, es gab einmal eine Situation, da war ein Filmemacher-Duo bei uns, Mann und Frau, die privat auch liiert sind. Sie hat auf eine Frage geantwortet und steckte fest, und er hat versucht ihr mit einem Wort auszuhelfen, woraufhin sie ihn angefahren ist: „Lässt du mich jetzt bitte mal ausreden!“. Da haben wir gesagt, so können wir das nicht lassen.

AH: Aber das finde ich das Spannende, dass eben auch Unerwartetes und Unvollkommenes passieren kann. Manche der Gespräche bei Oktoskop sind auch nicht so spannend, aber dann sagen wir eben, tja, Pech gehabt.

LM: Manchmal sind die Gäste auch unsicher und haben die Sorge, dass sie Blödsinn geredet haben oder gewisse Themen nicht so besprochen haben, wie sie es eigentlich machen wollten. Die melden sich dann oft per Mail und fragen, ob man es nicht wiederholen könnte oder das Gespräch doch nicht ausstrahlen, da muss man dann oftmals gut zu reden, und wenn sie es dann sehen, kommt oft, dass es eh ganz wunderbar war.

AH: Wenn sich jemand im Gespräch in etwas verstrickt und das dann negative berufliche Folgen haben könnte, dann nehmen wir das schon raus, aber ich glaube es ist wichtig für die Atmosphäre der Sendung, dass man weiß, das kann jetzt auch bestimmte Formen annehmen, die man vielleicht nicht erwartet hätte. Dass jemand mittendrin aufspringt und geht, ist noch nie passiert.

RB: Schade eigentlich.

LM: Kommt sicher noch irgendwann.

Ja, da wüsste ich schon ein paar Kandidaten.

LM: Weil die Gespräche auch oft sehr persönlich werden, reden die Gäste natürlich dann auch mal darüber, was ihnen alles nicht gefällt an der österreichischen Filmlandschaft und der Politik und da kam es schon vor, dass da wirkliche Tiraden losgegangen sind, wo wir dann auch gebeten wurden, das raus zu schneiden. In zwei Fällen haben wir es dann wirklich herausgenommen, weil es selbstschädigend gewesen wäre. Das war eine Emotion, die aus der Situation heraus total in Ordnung war, aber für die Öffentlichkeit nicht so geeignet.

RB: Was die Amina vorhin schon angesprochen hat: ein Teil unseres Konzeptes ist, dass wir Fehler zulassen. Versprecher und Ähnliches, oder wenn ein Handy läutet oder ein Hund bellt, das kommentiert man eher als es rauszuschneiden. Dann gibt‘s natürlich auch Situationen, die nicht gehen. Einmal waren der Tristan Sindelgruber und die Angelika Schuster mit ihrem Film Operation Spring da, ein sehr schwerer Film. Ich weiß nicht mehr, was wir vorher geredet haben, aber die Angelika hat während des Gesprächs dauernd zu lachen beginnen müssen, wir mussten immer wieder neu anfangen und haben das raus genommen, weil es einfach nicht zum Film gepasst hätte.

AH: Eines Tages würde ich ja gern noch mehr ins Performative gehen, aber bei so einem Format müsste man das wahrscheinlich proben.

Wagt mal eine Analyse anlässlich eures Jubiläums: Wie hat sich die österreichische Filmlandschaft aus Eurer Sicht verändert in den vergangenen zehn Jahren?

LM: Da möchte ich gerne beginnen, möchte aber zuerst noch was zu Oktoskop sagen. Nämlich, dass wir nur Filme zeigen können, bei denen der ORF nicht dabei ist bzw. die nicht vom Film- und Fernsehabkommen mit finanziert wurden.

AH: Wobei man dazu anmerken muss, dass es seit Neuestem diese 6-Jahres-Frist gibt.

LM: Genau. Wir hatten vor einigen Jahren ein Zweijahresfenster, wo wir mit dem ORF ein Lizenzabkommen ausverhandelt haben, damit wir bestimmte Produktionen zeigen konnten. Das hat in der Kooperation immer sehr gut funktioniert und wurde auch von Herrn Wrabetz selbst veranlasst. Man könnte nun sagen, mit dem Aufkommen von ORF 3 wurde das wieder zurück genommen, das heißt, wir sind wieder limitiert und können Filme mit Beteiligung des ORF nicht zeigen. Oktoskop zeigt aber, wie reich das österreichische Kinoschaffen tatsächlich ist. Das wollte ich zu deiner Frage sagen. Wir haben in den zehn Jahren nie einen Engpass gehabt, was das Füllen der Sendung anbelangt, und da merkt man erst, wie viele Filme es gibt, die unabhängig vom ORF und dem Film- und Fernsehabkommen produziert werden. Wir sind halt insofern limitiert, dass man bei uns selten Spielfilme sieht, weil diese meistens über das Abkommen produziert werden. Das ist vielleicht ein trauriger Aspekt der ganzen Sache.

RB: Wenn ihr fragt, was sich verändert hat: Ich finde man merkt sehr stark, dass es einfacher geworden ist, Filme zu machen und zwar vom Anfang bis zum Schluss. Von der Kamera übers übrige Equipment und der Ausrüstung, die man für den Schnitt braucht.

Mit nicht nur positiven Folgen.

RB: Das stimmt. Die positiven Folgen sind, dass da No Names von irgendwo herkommen, die einen tadellosen Film gemacht haben. Menschen, auch sehr viele sehr junge Leute, von denen man noch nie etwas gehört hat, die sehr professionell arbeiten. Einer der negativen Aspekte ist aber, man muss viel mehr selektieren. Wir hatten auch einmal das Thema Amateurfilm in einer Sendung. Da haben wir Die Souvenirs des Herrn X von Arash T. Riahi gezeigt und dann echte Amateuraufnahmen. Wir haben einen wohlgemerkt älteren Amateurfilmer eingeladen und da wurde thematisiert, dass es im eigentlichen Sinn keine Amateurfilmer mehr gibt. Es gibt Jugendfilmfestivals und dort passiert dann das Fatale, dass viele junge Menschen, sobald sie eine lobende Erwähnung oder einen Preis bekommen, glauben, sie seien jetzt Filmemacher. Heutzutage würde niemand mehr von sich selbst sagen, dass er Amateurfilmer ist.

AH: Dafür finde ich wieder positiv, dass es jetzt eine größere Vielfalt bei Formaten und Genres gibt. Da wird z.B. gefragt, was ist eigentlich dokumentarisch? Das sehe ich als einen positiven Aspekt der Demokratisierung der Produktionsmittel. Es sind mehr Experimente und Grenzüberschreitungen möglich. Österreich hat ja auch eine sehr wichtige und weit zurück reichende Tradition im Avantgarde-Film. Allein wie viele Leute sich darauf berufen, dann aber auch von ganz vielen anderen Richtungen beeinflusst sind, z.B. auch vom Internet, es gibt generell viel mehr zu sehen und viel mehr Einflüsse als früher.

RB: Wenn man genug Geld hätte, dann könnte man dieses Festival im Fernsehen wirklich systematisch und breiter aufziehen. Allein von den Spielfilmen, die in Europa produziert werden, kommt vielleicht ein Viertel regulär ins Kino, alles andere ist nur auf Festivals zu sehen. Aus diesem irren Volumen an guten Produktionen zeigt man einfach die Filme, die es nicht ins Kino schaffen. Das wäre eine tolle Sendeidee.

LM: Stimmt. Noch zu dem, was sich in den letzten zehn Jahren verändert hat: Weil die Qualität der Filme doch merklich angestiegen ist, hat sich dieses ewige Raunzen in der österreichischen Filmlandschaft reduziert.

AH: Es gibt auch mehr gegenseitige Befruchtung. Es gibt nicht mehr nur diese akademische Schicht der großen Meister, sondern es ist ein bisschen durchlässiger geworden. Dadurch gibt‘s insgesamt weniger Geld, aber bessere Produktionen.

LM: Es gibt einfach in bestimmten Genres ein gewisses Niveau, das nicht mehr unterschritten wird.

Wie ist der Umgang mit Genre im österreichischen Film? Ist der offener und lässiger geworden?

LM: Natürlich gab es in den letzten Jahren genügend Beispiele von gelungenen Genre-Arbeiten und das hat dem österreichischen Kino auch sehr gut getan.

RB: Wenn man das jetzt in Relation dazu sieht, um wie viel mehr Filme es gibt, weiß ich nicht, ob das Spiel mit dem Genre so viel mehr geworden ist. Ich kann mich an Kathrin Resetarits‘ Ägypten oder Mirjam Ungers Speak Easy erinnern, das waren gediegene Spielchen mit den Genres. Resetarits macht einen Lehrfilm über Taubstumme, und der wird ein avantgardistisches Juwel, oder Ungers Film, der eine Doku über Jugendliche ist, aber ein gut geschriebenes Drehbuch hat.

LM: Ich finde, dass Genrefilme heute mit mehr Selbstverständlichkeit gemacht werden, z.B. Blutgletscher oder In drei Tagen bist du tot sind astrein, was die Umlegungen eines Genres auf eine österreichische Umgebung betrifft.

RB: Ich habe z.B. an einem Film mitgearbeitet, der Anfang nächsten Jahres rauskommt, der im Science-Fiction-Genre angesiedelt ist, das ja in Österreich keine große Tradition hat, außer in Form eines studentischen Kurzfilms vielleicht.

LM: Die Brenner-Tetralogie z.B. ist ein wunderbares Beispiel für Filme, die eigenständig sind, aber im Genre des Krimis wunderbar funktionieren. Sie sind makellos, haben aber sehr viel Lokalkolorit. Das ist weniger ein Spielen mit Genres, sondern eher ein selbstsicherer Umgang damit.

AH: Jetzt fehlt nur mal wieder eine gute Komödie, das würde ich mir wünschen. Vielleicht wachsen die Ernst Lubitschs und die Billy Wilders auch noch ein bisschen nach.

RB: Ich hab vor zehn Jahren die Hoffnung gehabt, als diese alberne Trennung von Kunst und Kommerz schwer zur Debatte stand, dass sich das bessert. Das passiert jetzt langsam. Filmemacher wie Prohaska und Murnberger durchbrechen diese Grenzen. Es gibt diese Trennung aber immer noch als Haltung, auch bei den Förderstellen. Ich finde das vertrackt, wenn eine Förderstelle nur Arthouse fördert und die andere nur Kommerz.

LM: Aber in der Rezeption der Filme ist es aufgebrochen. Für die Zuschauer ist das nicht mehr getrennt, sondern es wird auf Augenhöhe rezipiert.

Habt ihr manchmal Probleme, die Senderechte für Filme zu kriegen?

LM: Normalerweise nicht, weil die Leute sagen, wir wollen das unterstützen.

RB: Den Franz Nowotny hab ich gefragt, ob wir Nachtfalter zeigen dürfen. Fragt er, „Zahlt ihr was?“, sag ich soundsoviel Euro, und er: „Pro Minute?“ Er hat uns den Film natürlich gegeben. Es gab nur einen Regisseur, der gesagt hat, er kann das nicht unterstützen, dass Fernsehen so niedrig bezahlt wird.

LM: Es gab nur eine bestimmte Frau und einen bestimmten Mann, die das nicht wollten. Wir haben übrigens ganz gute Seherzahlen, mitunter bis zu 20.000, das glauben viele nicht.

RB: Lustig fand ich, dass bei einer Seherbefragung im Bereich Erwachsenenbildung die Alten gegen den Sender waren, weil sie gemeint haben, das alles sei viel zu langsam. Und die Jungen waren dafür.

Wir sind auch dafür, und wir wünschen Euch für die nächsten zehn Jahre alles Gute!