Filmkritik

Mia Madre

| Pamela Jahn |
Nanni Moretti leistet nach dem Tod seiner Mutter Trauerarbeit.

Bei Margherita (Margherita Buy) ist gerade ziemlich Land unter angesagt: Die Dreharbeiten zu ihrem neuen Film, einem Arbeiterdrama im Fabrik-Setting, kommen nur mühsam voran, während ihre Mutter im Spital immer offensichtlicher im Sterben liegt. Doch anstatt wie ihr fürsorglicher Bruder Giovanni (Nanni Moretti) tagein, tagaus am Krankenbett zu sitzen, versucht die engagierte Regisseurin die Flucht nach vorn und muss sich zu allem Übel am Set mit ihrem unfähigen amerikanischen Hauptdarsteller (John Turturro) herumschlagen. Als dann auch noch daheim die Waschmaschine streikt und ihre Wohnung komplett unter Wasser setzt, ist sie der Verzweiflung zu recht nahe.

Auf die Frage, wie ein Film persönlich wird, hatte Nanni Moretti schon immer seine ganz eigene Antwort. Der Bezug zu seinen Geschichten ist bei ihm zunächst ein privater und in diesem Sinne ist Mia Madre nicht nur theoretisch als Trauerarbeit zu verstehen, sondern ganz konkret als Chance des Regisseurs, über den Verlust der eigenen Mutter, Agata Apicella Moretti, hinwegzukommen, die während der Dreharbeiten zu seinem letzten Film Habemus Papam (2011) verstorben war. Im Film selbst geht das so weit, dass Moretti sich diesmal bewusst die Rolle des aufopferungsvollen Sohnes auferlegt, der sich rührend um die Mutter kümmert, während Margherita krampfhaft versucht, über dem Druck, der durch die Umstände und ihre katastrophalen Dreharbeiten auf ihren Schultern lastet, nicht den Verstand zu verlieren. Immer öfter flüchtet sie sich deshalb in Tagträume und Erinnerungen an vergangene Zeiten, um der Welt um sie herum, die sie immer weniger zu verstehen scheint, für einen Moment zu entkommen.

John Turturro als aufgeblasener Gockel mit Starallüren liefert einen angenehm leichtfüßigen Kontrast zu der Ernsthaftigkeit, die das Thema unweigerlich mit sich bringt. Aber ähnlich wie Buy gelingt es auch ihm letztlich nur bedingt, sich der allgegenwärtigen Aura des Regisseurs zu widersetzen. Ganz bei sich ist sein Film nur dann, wenn Moretti selbst sich der Auseinandersetzung mit den Unzulänglichkeiten des Lebens ungezwungen, auf mitunter herrlich unverkrampft ironische Weise stellt. Leider passiert das jedoch viel zu selten und man wird den Verdacht nicht los, dass sich hier vielleicht der Sohn Moretti mit seinen gemischten Gefühlen von Liebe, Trauer und Schuld noch immer zu sehr selbst im Weg steht, um zu merken, wie konventionell seine Inszenierung in ihrem Wesen ist. Was nicht heißen soll, dass der Film nicht berührt, und bei vielen, die ähnliches mit den eigenen Eltern durchlebt haben oder gerade erleben, dürfte er damit durchaus einen Nerv treffen.

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