Filmkritik

Varvilla

| Günter Pscheider |
Dokumentarfilm über die Italienische Kooperative Valle dei Cavalieri

Valerio Gnesini porträtiert einige der gerade einmal 65 Bewohner des Dorfes Succiso , das sich zwei Stunden von Reggio Emilia an der Grenze der Toskana zur Emilia Romagna befindet. Vor der Zerstörung durch Muren 1972 lebten noch 1000 Menschen in dem dreigeteilten Dorfverband, ohne die Kooperative Valle dei Cavalieri wäre die Gegend wohl schon komplett verlassen. Die meisten der 35 Mitglieder arbeiten ehrenamtlich, es gibt aber auch sieben Angestellte, die sich um die Herstellung von lokalen Produkten wie Käse und Salami oder den Betrieb eines Restaurants kümmern. Dieses Modell beruht auf Solidarität, es wird nicht nach Stunden bezahlt, jeder erledigt, was gerade anfällt.  Und weil es als Rezept gegen die Landflucht so gut funktioniert – am Wochenende kommen über 100 Menschen ins Dorf zurück, die auswärts arbeiten – studieren sogar japanische Universitätsprofessoren die Kooperative vor Ort.

Nach und nach lernt man die Mitglieder kennen, die vor allem bei ihren alltäglichen Verrichtungen wie dem Herstellen von Pasta, dem Wenden von Käse oder dem Schafe füttern gezeigt werden. Richtig nahe kommt die Kamera aber nur der eigentlichen Hauptfigur, einem kauzigen ehemaligen Schäfer, der ausführlich Anekdoten aus seiner ärmlichen, aber ausgefüllten Vergangenheit erzählt. Er und eine fast hundertjährige Signora, die sich jeden Tag zu ihrer gleichaltrigen Cousine aufmacht, „um mit ihr zu streiten“, sind das philosophische Zentrum des Films. Der Ex-Schäfer schwärmt immer wieder davon, dass ihm als jungem Mann die Leute immer ein Stück Brot zugesteckt haben, auch wenn sie selber fast nichts hatten. Der Trinkfeste hat aber auch seine Ecken und Kanten, er beschwert sich bitterlich über den mangelnden Respekt heutzutage, dass  schon kleine Kinder „Halt den Mund“ zu ihren Großeltern sagen, scheut aber nicht davor zurück, seine Frau wenige Sekunden später selber mit denselben Worten zum Schweigen zu bringen. Auch die Schwierigkeiten des Lebens in einer relativ abgeschiedenen Bergregion spart der Regisseur nicht aus, zwei lebenslange Freundinnen Mitte Zwanzig sind die einzigen in ihrer Altersgruppe im Dorf, auch die Sonntagsmesse ist mit drei Besuchern nicht gerade überfüllt. Wenn der japanische Professor die Methoden der Kooperative erforschen will, fragt man sich als Zuschauer aber schon ein wenig, was das Besondere daran ist. Fast überall am Land basieren viele Infrastrukturen wie Transport auf Freiwilligkeit. Hier funktioniert das alles halt sehr gut und ohne materialistische Beweggründe.  Man kümmert sich umeinander, das ist auf jeden Fall ein Modell für alle Menschen, egal ob in einem Bergdorf oder in einer Millionenstadt.