Das war lange Zeit die Frage für den Theatervirtuosen Mark Rylance, der sich allmählich auch im Kino als Fixgröße etabliert. Höchste Zeit also für ein paar Antworten. Ein Gespräch über Spielberg, Spione und Shakespeare.
Für einen Mann mit Hamlet im Blut, zeigt Mark Rylance sich erstaunlich moderat. Theaterspielen, am liebsten Shakespeare, das hätte ihm immer genügt, beteuert der heute 55-Jährige mit einer Ausdruckskraft im Blick, die sanft und fest zugleich ist. Rylance ist ein Feingeist und ein Enthusiast, einer, den die Herausforderung auf zurückhaltende, beherrschte Art fasziniert. Doch auch wenn der gefeierte Bühnenstar den Erfolg vor der Kamera nie explizit gesucht hat, das Kino hat ihn trotzdem immer wieder gefunden: Ob in so kühnen Hauptrollen wie der eines aus der Bahn geworfenen Großstädters in Patrice Chéreaus umstrittenem Berlinale-Gewinner Intimacy (2001) oder an der Seite von gestandenen Hollywoodgrößen wie unlängst neben Sean Penn in Pierre Morels The Gunman (2015), Rylance überzeugt stets mit einer nachdrücklichen, fast zwingenden Präsenz, die sich im entscheidenden Moment den Grenzen der Leinwand zu widersetzen scheint. Kein Wunder also, dass sein Potential schließlich auch Steven Spielberg nicht verborgen blieb, der ihm nach Bridge of Spies gleich noch die Hauptrolle in seinem neuesten Fantasy-Abenteuer The BFG (The Big Friendly Giant) anvertraute.
Rylance selbst genießt die grössere Aufmerksamkeit, die ihm zuteil kommt, seit er Anfang dieses Jahres als Thomas Cromwell in der historischen BBC-Miniserie Wolf Hall (nach den Romanen von Hilary Mantel) brillierte. Dabei hatte er bereits vor zehn Jahren einen BAFTA als Bester Schauspieler in Peter Kosminskys politischem TV-Drama The Government Inspector erhalten. Ganz zu schweigen von den Tony und Olivier Awards, mit denen der er im Laufe seiner Theaterkarriere wiederholt ausgezeichnet wurde. Fehlt also eigentlich nur noch ein Oscar, den Rylance für seine ergreifende Darstellung des Sowjetspions Rudolf Abel allemal verdient hätte. Aber auch Preise und Lobeshymnen interessieren den genügsamen Briten wenig. Was zählt, ist das Spiel, der Einsatz, die eigene Begeisterungsfähigkeit für die Sache, auf der Bühne wie am Filmset. Virtuosität auf allen Gebieten mag nicht das Wichtigste sein im Universum von Mark Rylance – aber sie ist im Stillen immer zugegen.
Herr Rylance, es ist jetzt fast 30 Jahre her, dass Sie beim Vorsprechen für Steven Spielbergs Empire of the Sun eine Nebenrolle angeboten bekamen. Damals haben Sie abgelehnt und sich stattdessen doch lieber für ein Engagement am Londoner National Theatre entschieden. Haben Sie das später bereut, oder bewusst nach einer zweiten Chance gesucht, mit Spielberg zu arbeiten?
Nein, ganz im Gegenteil. Ich hatte mich später auch eigentlich dazu entschlossen, Film und Fernsehen komplett an den Nagel zu hängen. Vor vier oder fünf Jahren habe ich mich von meinem Agenten getrennt, weil ich es leid war, ständig zu hören, dass ich auch Film machen müsste. Ich war immer sehr glücklich am Theater, die Bühne ist mein Zuhause und verdienen kann man damit auch ganz gut. Und ich dachte, das ist doch Unsinn, dass ich mir die ganze Zeit einreden lasse, das sei nicht genug. Warum sollen Schauspieler denn immer in allen Medien unterwegs sein? Kabuki- oder Kathakali-Schauspieler machen das ja auch nicht. Eine Theaterkarriere ist etwas Wunderbares. Also nein, ich war ganz sicher nicht auf der Suche nach irgendeiner Gelegenheit. Aber verstehen Sie mich nicht falsch, ich gehe unheimlich gerne ins Kino und es gibt viele gute Filmschauspieler, die ich für ihr Können bewundere. Sebastian Koch zum Beispiel. Wie hieß noch gleich der Film mit ihm, in dem es auch um einen Spitzel geht?
Das Leben der Anderen.
Ja genau! Es gibt Schauspieler, die sind einfach gut vor der Kamera. Manchmal beneide ich das schon. Dazu kommt, dass man auf der Leinwand natürlich von der Öffentlichkeit automatisch viel mehr wahrgenommen wird, als das bei Theaterschauspielern der Fall ist.
Trotzdem hat Sie Steven Spielberg am Ende wiedergefunden.
So war’s. Ich glaube allerdings nicht, dass er sich an die Empire of the Sun-Geschichte erinnert, ganz sicher nicht. Ich war damals einfach ein junger Schauspieler. Aber Steven hat mich später in einem Shakespeare-Stück auf der Bühne gesehen, in New York. Als wir uns kennenlernten, erzählte er mir, dass sein Sohn ihn zunächst auf mich aufmerksam gemacht hatte. Angeblich hatte der mich in einem Video auf YouTube gesehen, in dem ich über die Schauspielerei rede, und was ich da sage, scheint seinem Sohn imponiert zu haben.
Einer der Gründe, warum Sie dem Filmemachen immer wieder den Rücken zugekehrt haben, war, dass Sie ein gewisses Gemeinschaftsgefühl am Set vermissten, das innerhalb eines Theaterensembles natürlich viel eher zu Stande kommen kann. Hat sich Ihre Meinung aufgrund der Zusammenarbeit mit Spielberg geändert?
Steven ist umgeben von Professionellen, von Leuten, die nicht nur exzellent sind, in dem was sie tun, sondern die gleichzeitig auch unheimlich freundlich sind, so dass man, wenn man mit ihm zusammenarbeitet, tatsächlich sofort das Gefühl hat, man gehört irgendwie dazu. Es ist schon erstaunlich, aber sogar seine Produzenten sind sehr nette Typen. Steven meinte einmal zu mir, dass er selbst aus einer zerbrochenen Familie stammt und dass es ihm deshalb immer ein besonderes Anliegen war, dafür zu sorgen, dass, wenn er jemals ein Ensemble gründen würde, das Umfeld unbedingt ein freundliches sein müsste, in dem sich die Leute wohlfühlen. Und so ist es auch. Aber ich muss dazu sagen, dass ich auch mit anderen Filmemachern zusammengearbeitet habe, bei denen es ähnlich war: Peter Kosminsky, der Regisseur von Wolf Hall und The Government Inspector, ist ebenfalls ein sehr familiärer Typ, oder die Quay-Brüder, mit denen ich Institute Benjamenta gedreht habe. Allerdings habe ich eben leider auch andere, weniger schöne Erfahrungen gemacht, die mich letztendlich dazu bewogen haben, vom Filmemachen eher Abstand zu nehmen.
Hearts of Fire, war das so ein Fall?
Ach, um ganz ehrlich zu sein, wollte ich damals eigentlich nur Bob Dylan treffen, und das war großartig. Aber ansonsten lief es tatsächlich nicht so toll.
Haben Sie Dylan später noch einmal getroffen?
Ja, aber den Film habe ich da nicht erwähnt. Ich glaube, die ganze Geschichte ist auch eher eine vergessene Fußnote in seiner Karriere. (Lacht.)
In Bridge of Spies spielen Sie den Spion Rudolf Abel, der auch über sein späteres Schicksal hinaus eine ziemlich interessante Lebensgeschichte aufzuweisen hatte. Im Film wird das eher ausgeblendet…
Das stimmt, seine Biografie ist äußerst faszinierend. Sein Leben als Maler zum Beispiel.
Oder die Tatsache, dass sein eigener Assistent ihn quasi an die Amerikaner ausgeliefert hat. Wie bereiten Sie sich auf eine Rolle wie diese vor? Wie viel wollen Sie selber wissen, über die Figur, die Sie spielen?
Ich versuche schon herauszufinden, wie beispielsweise seine Stimme klang, wie er sich bewegte, aber auch was in seinem Kopf vorging, das heißt, wie er in bestimmten Situationen reagiert hätte. Und natürlich habe ich alles gelesen, was es an Material gibt, hab mir das YouTube-Video angeschaut und so weiter. Andererseits glaube ich, dass jeder gute Schauspieler die Rolle auch spielen könnte, ohne vorab viel zu recherchieren, denn darauf kommt es letztendlich nicht wirklich an. Unter Umständen kann es sogar hinderlich sein, wenn sie als Schauspieler zu viel über die Figur wissen, die sie verkörpern, denn dann laufen sie Gefahr, ihr ganzes Wissen vor der Kamera demonstrieren zu wollen. Entscheidend ist vielmehr, dass man präsent ist, dass man im Dialog mit dem Gegenüber aufmerksam ist, so dass der Zuschauer am Ende das Gefühl hat, man wüsste tatsächlich nicht, was als nächstes passiert.
Das heißt: Weniger ist mehr?
Alle reden immer über Recherche, Informationen, Wissen. Als müssten wir Schauspieler der Welt heute immer noch ständig beweisen, dass wir nicht dumm sind. Aber mal ehrlich, ich bezweifle dass James Cagney oder Robert Mitchum jemals gefragt wurden, ob sie ihre Rollen recherchiert haben. Oder Lionel Messi, der Fußballspieler, von dem erwartet auch keiner, dass er alle großen Fußballspiele studiert hat. Weil es nämlich viel wichtiger ist, dass er während des Spiels bei der Sache ist, dass er genau im richtigen Moment den Pass spielt, dass er stets den Gegner im Blick hat und vor allem eins, dass er gewinnen will. Und als Zuschauer will ich sehen und fühlen, dass er alles daran setzt, dass ihm das auch gelingt. Mit anderen Worten: Hintergrundwissen ist zwar nicht unwichtig, aber gute Recherche ist immer nur die halbe Miete.
Was will Rudolf Abel Ihrer Meinung nach?
Für Abel ist es am Wichtigsten, sich selbst und seinen Prinzipien gegenüber treu zu bleiben, seine Würde zu bewahren, auch als Gefangener. Lieber würde er sterben als sein Land zu verraten, oder seine Vorgesetzten, wie etwa der Mann, der ihn verraten hat.
Etwas, was Sie mit Abel verbindet, ist die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten lange Zeit ihre zweite Heimat war. Als Ihre Eltern übersiedelten, waren Sie gerade mal zwei Jahre alt. Haben Sie sich in Ihrer Jugend trotzdem immer eher als Engländer gefühlt, oder viel es Ihnen schwer, Fuß zu fassen, als Sie 1978 zum Studium nach London zurückkamen?
Ich war damals achtzehn und ziemlich verwirrt, weil ich immer der festen Überzeugung war, ich würde in meine Heimat zurückkehren. Aber als ich ankam, hielten mich plötzlich alle für einen Amerikaner. Anders herum war ich in Amerika immer der „Limey“, weil meine Mutter am 4. Juli Teeparties veranstaltete und die englische Fahne hisste. Im Gegensatz zu mir und meinen Geschwistern hatten meine Eltern allerdings auch immer ihren englischen Akzent bewahrt. Was dazu kam, war, dass die Leute, mit denen ich studierte, nicht so wie ich ins Theater wollten, sondern die wollten viel lieber James Dean und Marlon Brando-Filme anschauen oder Elvis hören. Auf einmal war ich umgeben von einem Schwall amerikanischer Kultur, die mir in Amerika selbst nie so bewusst war, weil ich mich immer in erster Linie für englische Musik und Literatur interessiert hatte. Ganz abgesehen davon, dass ich bestimmt drei Jahre brauchte, bis ich mit dem englischen Humor klarkam. Mit anderen Worten: Ich habe mich am Anfang schon recht einsam gefühlt, auch weil die Engländer einen nicht automatisch ins Herz schließen. Sie sind nett und höflich, aber es braucht einen ganze Weile, bis sie Vertrauen fassen. Die Amerikaner sind anders. Das heißt zwar nicht, dass sie jedem blind links vertrauen, aber sie lassen einen sofort ins Wohnzimmer, wenn sie so wollen. Die Engländer sind da etwas vorsichtiger.
War das auch ein Grund dafür, warum Sie sich damals so sehr in Shakespeare verbissen haben?
Nein, was meine Beziehung zu Shakespeare angeht, da steckt mehr dahinter, das ist eher mystisch. Shakespeare hat mir schon immer im Blut gelegen. Es ist schwer zu erklären, aber es schien mir von klein auf etwas ganz Natürliches. Und als ich dann mit sechzehn zum ersten Mal Hamlet gespielt habe, da hat es Klick gemacht.
Zitieren Sie auch oft im Alltag?
Ich wünschte, das könnte ich. Ich habe insgesamt in über fünfzig Shakespeare-Produktionen mitgewirkt, Hamlet allein habe ich 420 Mal gespielt, und trotzdem zitiere ich nur ganz selten. Aber ein Satz, den ich sehr liebe, lautet: „Hang there like fruit, my soul, till the tree die“, von Cymbeline. Und wenn Sie wollen, könnte ich sicher auch fast den kompletten Hamlet aus dem Stegreif zusammenbringen, aber das verschieben wir vielleicht besser auf ein anderes Mal.
Shakespeare scheint nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Kino gerade wieder sehr in Mode zu sein. Worin liegt für Sie das Geheimnis seiner Zeitlosigkeit?
Eine Sache, die mich bei Shakespeare immer fasziniert hat und die mich im Zuge meiner Karriere und wahrscheinlich auch im Leben stets begleitet hat, ist seine ausgeprägte Leidenschaft für Gegensätzliches und das Paradoxe. Diese Fähigkeit zu sehen, dass Großartiges daraus entstehen kann, wenn man Gegensätze miteinander in Beziehung bringt, das hat für mich etwas Alchemistisches an sich. Seien es Worte, Ideen oder ganz konkret Menschen, um die es dabei geht. Deshalb sollte man auch Menschen, die anders sind als man selbst, nicht aus dem Weg gehen, sondern umgekehrt, man sollte auf sie zugehen, weil es das eigene Leben bereichert und interessanter, spannender macht.
Sie waren sehr schüchtern als Kind, haben bis zu Ihrem sechsten Lebensjahr kaum gesprochen. Was hat Sie später dazu bewogen, Schauspieler zu werden und vor hunderten von Menschen auf der Bühne stehen zu wollen?
Ich liebe Geschichten, und ich mag es, Teil einer Geschichte zu sein, um dem chaotischen Leben um mich herum zu entfliehen. Ich fühle mich wohler, wenn ich weiß, es gibt eine klare Struktur – Anfang, Verlauf und Ende – in der ich mich bewege. Und das Tolle am Theater ist, dass ich für längere Zeit in der Figur verharren kann, der ich meine ganze Seele zu geben versuche. Beim Film sind es immer kurze Takes oder vielleicht auch mal längere Szenen, aber auf der Bühne stehen sie bis zu 45 Minuten am Stück – ohne Unterbrechung. Und nur wenn sie Schauspieler und Publikum zur gleichen Zeit am gleichen Ort auf engstem Raum zusammenbringen, kann dabei etwas Magisches gelingen. Das schaffen sie beim Film einfach nicht, das funktioniert nur im Theater.
