Die Implosion ist leise
Ziemlich zu Beginn von Joachim Triers neuem Film Louder Than Bombs, wirft sich ein Teenager namens Conrad Reed (Devin Druid) bei Schönwetter auf einem Friedhof vor ein willkürlich ausgesuchtes Grab auf den Boden und bleibt, mit dem Gesicht nach unten, regungslos liegen. Das hält er so lange durch, bis sein Vater Gene (Gabriel Byrne), der die Szene aus einem vermeintlich sicheren Abseits beobachtete, endlich wieder verschwunden ist, heimgefahren vermutlich, in ein Haus, das seit dem Tod von Conrads Mutter Isabelle (Isabelle Huppert) vor drei Jahren noch leerer scheint als vorher; vielleicht ist er aber auch zu seiner heimlichen Freundin geflüchtet, einer Lehrerin von Conrad.
Verschwinden, verschweigen und verstecken sind Aktionen, die Triers Figuren hier antreiben, während der Regisseur (mit seinem regulären Ko-Drehbuchautor Eskil Vogt) damit beschäftigt ist, ihre Geschichten so verzweigt als möglich zu erzählen.
Isabelle, die eine renommierte Kriegsfotografin war, wird Gegenstand der posthumen Betrachtungen ihres ehemaligen Kollegen Richard Weissman (David Strathaim), der für die New York Times einen Nachruf schreibt, in dem er ihren Selbstmord enthüllt. Das wirkt sich dramaturgisch aus, weil man Conrad – aus unverständlichen Gründen – bisher verschwiegen hat, wie seine Mutter tatsächlich ums Leben kam. Conrads erwachsener Bruder (Jesse Eisenberg), der für kurze Zeit ins elterliche Haus zurückkehrt, um Isabelles Nachlass zu verwalten, hält an der Geheimnistuerei ebenso fest, wie der Film, der mittels Flashbacks und Traumsequenzen einige (meist von einem überflüssigen Voice-Over zusammengeführte) Splitter aus Isabelles beruflichem Leben sammelt; vor allem solche, in denen sie bedeutungsschwanger über die Wirkung des „frame“ philosophiert.
Trier, der 2006 mit seinem Spielfilmdebüt Reprise über die labile Beziehung eines Schriftstellerpärchens reüssierte, spürte fünf Jahre später mit Oslo, August 31st einem ehemals Drogenabhängigen nach. Konfrontationen, beziehungsweise umsichtige Vermeidungsstrategien, beschäftigen ihn auch in diesem Film, doch ist Louder Than Bombs ungleich plumper konstruiert und dabei gleichzeitig bemüht kompliziert. Zwischen Eigenwahrnehmung und Außenwirkung changiert der Film auch auf visueller Ebene etwa via Spiegelungen und Immersion in Conrads Videogame-Sucht, während die Zerschmetterung der Erzählstränge die Figuren auseinanderklaffen lässt und ihr doch versuchtes Annähern erschweren will. Am Ende steht die programmierte Stille wo sich der innerliche Lärm zwischen ihnen gelegt hat, aber nachhallen will sie nicht.
