Filmkritik

Mr. Holmes

| Oliver Stangl |
It never gets old.

Figuren der Populärkultur haben oft die Angewohnheit, nicht zu altern. So blieben Superhelden wie Spider-Man in den Comics oder Zeichentrickfiguren wie die Simpsons im Fernsehen jahrzehntelang gleich alt, während die Welt um sie herum stets moderner wurde (eine Erzählstrategie, die man als „floating timeline“ bezeichnet), und im Kino werden Charaktere wie James Bond regelmäßig mit neuen Schauspielern besetzt. Doch gab es immer wieder Unternehmungen von Einzelkünstlern, die sich die Frage „Was wäre wenn?“ stellten (Frank Millers Comic-Reihe „The Dark Knight Returns“ zeigt etwa einen 55-jährigen Batman).

Solche Kunstgriffe können durchaus neue Aspekte an bekannten Figuren offenlegen und vor allem menschlichere Aspekte ins Spiel bringen. 2005 ließ US-Autor Mitch Cullin eine Ikone des Good Old England ins Greisenalter vorrücken: Meisterdetektiv Sherlock Holmes, bei seinem letzten offiziellen Auftritt in Conan Doyles Kurzgeschichte „His Last Bow“ etwa 60 Jahre alt, ist in Cullins Roman „A Slight Trick of the Mind“ 93. Im Gegensatz zur temporeichen BBC-Serie mit Benedict Cumberbatch und zur Steampunk-Action der Guy-Ritchie-Filme mit Robert Downey, Jr. setzt Bill Condons Romanverfilmung verständlicherweise auf gemächliches Tempo und kammerspielartigen Charakter: Am Ende seines Lebens wohnt Holmes (Ian McKellen) bei der Haushälterin Mrs. Munro und ihrem Sohn Roger in Sussex und widmet sich der Bienenzucht. Er ist auf einen Gehstock angewiesen, sein Gedächtnis lässt nach, und während er sich mit dem ihn bewundernden Roger anfreundet – einem intelligenten Jungen, der höhere Ambitionen hat, als die Pläne seiner Mutter zulassen – versucht er, sich an die Details seines letzten Falls zu erinnern, der ihn in den Ruhestand zwang.

Weitere Flashbacks beschäftigen sich mit einer Reise Holmes‘ nach Hiroshima, wo er ein Mittel gegen Gedächtnisschwund sucht. Doch sowohl der letzte Fall – Holmes soll eine Frau beschatten, die sich seit dem Tod ihres Kindes seltsam verhält – als auch die Ebene in Japan, die in mehrerlei Hinsicht persönlicher wird als gedacht, sind eher mäßig spannend, zudem kommt der Film zu sehr im glattgebügelten Kostümfilm-Look daher. Es gibt eine kleine Prise Holmes-Revision und ein wenig Meta-Spielerei, doch was den Film vor allem interessant macht, ist der Umgang mit den traurigen Aspekten des Alters. McKellen hat hier seine stärksten Momente. Und wenn letztlich der Geist über den geschwächten Körper triumphiert, vermag der Film genuin zu berühren.