Alternative Lebensentwürfe mit inkludierten Widersprüchen
Filme über gesellschaftliche und/oder private Gegenentwürfe häufen sich. Kein Wunder: Die Sehnsucht nach einem anderen, selbstbestimmteren Leben wird ohne Zweifel immer größer. Bei der filmischen Aufarbeitung kommt auch viel Unreflektiertes zu Tage, was die Begeisterung für das spannende Thema doch erheblich schmälert – nicht so aber im Falle von Johanna Kirschs und Katharina Lamperts Von hier aus. Mit “hier” sind offensichtlich die Eltern der beiden Künstlerinnen gemeint, die – wie wir in einem kurzen Prolog erfahren – selbst „Weltverbesserer” waren und von den Vorlieben ihrer Töchter für Plastikspielzeug und Cheeseburger gar nicht begeistert waren. 2014 machten sich Kirsch und Lampert auf, um ihrerseits Gegenentwürfe zu suchen. Dabei trafen sie die kluge Entscheidung, sich auf drei Beispiele zu beschränken, was den großen Vorteil hat, dass sie sich ihren Protagonistinnen und Protagonisten angemessen widmen können.
Da ist zunächst das Kollektiv vom „Wieserhoisl”, eine Gruppe von derzeit acht Erwachsenen und drei Kindern, die auf einem Hof in der Weststeiermark ein alternatives Leben führen, indem sie zum Beispiel „illegale” Kartoffelsorten ernten, also solche, die im kommerziellen Lebensmittelhandel längst nicht mehr vorkommen und vermutlich den EU-Normen nicht entsprechen. Überraschend ist weniger, dass die Wieserhoisler auch Fleisch essen – aus eigener Schlachtung noch dazu –, sondern dass sie, wie alle anderen Menschen auch, mit ihrem Platz innerhalb der Gruppe, mit ihren unterschiedlichen Vorstellungen und Zielen so ihre Probleme haben und auch offen darüber sprechen.
Der Untertitel des Films lautet übrigens: „Warum es Aussteigen nicht gibt”. Fasst man das als These auf, so wird diese im zweiten Segment, das in Portugal angesiedelt ist, erhärtet: Ute Schiran, eine Protagonistin der frühen deutschen Frauenbewegung, lebte dort 17 Jahre lang auf einem Grundstück mit ihrer Lebenspartnerin Rita, aber nicht im selben Haus. Ute (inzwischen leider verstorben) war eine ungemein hellsichtige „Einsteigerin”, wie sie sich selbst nannte. Sie verhehlte auch nicht, das ihr ein Internetanschluss, ein Auto und eine Flasche Cola durchaus nicht als Widerspruch zu ihrem Leben im Walde erschienen. Und dann ist da der belgische Architekt Wim Cuyvers, der im französischen Hügelland eine Art „public space” namens Montavoix ge- bzw. erfunden hat, mit einer Hütte für sich und einer für jede und jeden, die Lust haben, eine Zeit lang fernab der Zivilisation zu verbringen. Auch Wim hat so seine Zweifel und sein Gepäck aus der Vergangenheit, das er noch mit sich herumträgt. Und gerade die Brüche und Widersprüche, die in allen drei Beiträgen deutlich werden, machen diesen Film so interessant.
