Politik

Europa Utopia

| Marietta Steinhart |
Europa ist das bessere Amerika in Michael Moores neuem Dokumentarfilm „Where to Invade Next“

Seit Michael Moores Capitalism: A Love Story, seinem leidenschaftlichen Verriss einer geldgeilen Kultur, ist es ruhig um den Fahrenheit 9/11-Filmemacher geworden. Nach sechs Jahren ist er nun zurückgekehrt, um das zu tun, was eigentlich schon nicht mehr nötig wäre – nämlich den Mythos des amerikanischen Traums zu demontieren. Die Ausgangslage ist folgende: Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die USA keinen Krieg mehr gewonnen. Korea, Vietnam, Libanon, Irak, Afghanistan, Syrien, Libyen, Jemen, wieder Irak … Was ist da los? Die US-Stabchefs sind ratlos, also verspricht Michael Moore das verkrüppelte Amerika wieder groß zu machen (man verwechsle Moore nicht mit Donald Trump). Mit seiner Baseballmütze und in eine amerikanische Fahne eingewickelt, macht er sich auf den Weg, um vor allem westeuropäische Völker jener Dinge zu „berauben“, von denen er denkt, dass Amerika sie nötig hat.

Seine erste Station ist Italien, wo er sich fragt, warum „Italiener immer so aussehen als hätten sie gerade Sex gehabt“. Vielleicht liegt das daran, so erfahren wir, dass Fabrikarbeiter zu Mittag für ein zweistündiges Essen nach Hause zur Familie gehen. Oder daran, dass die Menschen acht Wochen bezahlten Urlaub pro Jahr bekommen (religiöse und nationale Feiertage miteingerechnet), angeblich ohne die Produktivität des Landes zu beeinträchtigen. In den USA gibt es keinen gesetzlich vorgeschriebenen Mindesturlaub.

In Frankreich besucht er eine öffentliche Schule in einem Dorf in der Normandie, wo er den Schülern dabei zusieht wie sie sich an Lamm-Spießen und Käse laben. Als Moore ihnen Bilder von amerikanischem Schulessen zeigt, rümpfen die Kinder ihre Nasen. Finnlands Schüler zählen zu den am besten ausgebildeten der Welt, offenbar weil man dort Hausaufgaben, standardisierte Tests und Privatschulen abgeschafft hat. Wenn sich die Angestellten einer deutschen Bleistiftfabrik überarbeitet fühlen, dann spendiert man ihnen Urlaub in einem „Spa“ (gemeint ist die Kurwoche). Die Deutschen, so lernt Moore, leben außerdem ohne Illusionen über ihre dunkle Vergangenheit im Gegensatz zu den Amerikanern, die Sklaverei und Völkermord immer noch nicht aufgearbeitet hätten. Die Gefängnisse in Norwegen sind inzwischen schöner als die Spas, in die Deutsche geschickt werden. Hier hat man sich so sehr der Würde des Menschen verschrieben, sogar Mörder leben in kleinen Oasen. Slowenien ist „ein magisches Märchenland“ erzählt Moore und zeigt sich fassungslos über kostenlose Hochschulausbildung während in den USA Studenten mit dicken Schuldenrucksäcken herumlaufen. Langsam aber doch gewinnt man den Eindruck, dass Amerika der Höllenpfuhl auf Erden ist.

Während eines Abstechers in Tunesien erfährt er, dass die islamische Regierung Zugeständnisse an Frauenrechte gemacht hat und in Island, so denkt er, ist eine starke weibliche Führung für die Beständigkeit des Landes verantwortlich.

Warum, fragt sich Michael Moore, würde das alles nicht auch in Amerika funktionieren?

Obwohl er diese Frage nicht direkt versucht zu beantworten (weil dies ungefähr fünf weitere Filme benötigen würde), so impliziert der Film, dass die militärischen Anstrengungen der USA das Land humanitär ausgehungert haben. Überraschenderweise kommt er dann zu dem Schluss, dass einige dieser progressiven europäischen Ideen eigentlich aus Amerika stammen. Das mag sein, aber oft ist das Gegenteil der Fall. Viele dieser Ideen, wie Finnlands Tilgung eines Privatschulsystems und Sloweniens freier Hochschulzugang sind tiefer Bestandteil dieser Gesellschaften.

Europa hatte in den letzten Jahren mit seinen eigenen Krisen zu kämpfen (der Film wurde vor der Migrationskrise in Europa abgeschlossen), und es gibt nichts im Film von Moore was daraufhin hindeutet. So erwähnt er beispielsweise weder die kulturellen Spannungen in Frankreich, noch den Arabischen Frühling in Tunesien, noch die Tatsache, dass Italien im vergangenen Jahr ein schlechteres Wirtschaftswachstum als Griechenland hatte. Genauso wenig hat er Interesse an der Geschichte eines Mörders, der mit einem Messer in einer norwegischen Gefängnisküche hantiert. Das wirkt sogar für europäische Verhältnisse relativ optimistisch.

Einige der Menschen, die tatsächlich in diesen Ländern leben könnten Moores Ansichten für naiv halten, aber er ist losgezogen, „um die Blumen zu pflücken und nicht das Unkraut“, betont er. Nicht wenige Kollegen würden ihm den Titel des Dokumentaristen absprechen, weil er wirklich alles tut, um seine Ideen zu untermauern, aber in aller Fairness: kein Dokumentarfilm ist frei von Subjektivität. Einige verstecken es nur besser als andere. Natürlich hat Where to Invade Next wie all seine Filme ein Programm, aber das unterscheidet ihn auch von jener Pseudo-Objektivität, der sich zum Beispiel die Filmemacherinnen der gefeierten Doku-Serie Making A Murderer verschrieben haben.

Moores Prämisse ist stark überspannt und stellenweise schlimm versimpelt, aber das macht sie nicht weniger wahr in ihrem Kern. Er ist eben auch eine Art Stand-up-Comedian und in diesem Sinne funktioniert sein neuer Film eher als Komödie und nicht als Dokumentation. Es ist zum Teil wirklich sehr unterhaltsam. Als er in Frankreich „einmarschiert“, bemerkt er trocken, dass „wie gewöhnlich das Land wenig Widerstand leistet”. Als er hört, dass die Slowenen den Buchstaben „W“ aus ihrem Alphabet gestrichen haben, fragt er, ob das vor oder nach der Bush-Präsidentschaft war. Und es steckt eine unbezahlbare Ironie darin wenn er mit seiner Baseballmütze, seinen Sportschuhen und seinem wuchtigen Körper, einem kleinen französischen Mädchen einen Softdrink zuschiebt.

Ja, Michael Moore hasst den imperialistischen Modus des amerikanischen Patriotismus. Wer kann es ihm verübeln? Der amerikanische Traum ist nicht gestorben, aber vielleicht werden Ideale wie Gleichheit und Freiheit in diesen Zeiten besser anderswo vorgelebt, schlägt er vor. Vielleicht hätte Moore auch nach Österreich kommen sollen zwecks humaner Geschäftsöffnungszeiten. Aber vielleicht wäre er dann enttäuscht gewesen, weil am Sonntag alle Läden geschlossen haben.