Filmkritik

Mustang

| Alexandra Seitz |
Schwestern in Schwierigkeiten, Coming-of-Age, schöntraurig

Endlich Sommerferien! Auf dem Nachhauseweg von der Schule schauen die fünf Schwestern noch am Meer vorbei. Die Stimmung ist ausgelassen, auch ein paar Jungs finden sich ein und bald macht man sich gegenseitig nass, tobt herum, kreischt – und fasst sich dabei an, natürlich. Ein gänzlich unschuldiges Vergnügen an- und miteinander, das den fünf Schwestern noch am selben Tag zum Verhängnis werden wird, denn in einem türkischen Dorf versteht man in dieser Hinsicht keinen Spaß. Die Großmutter schimpft und schlägt. Der am Abend heimkehrende Onkel lässt auf alle ein Donnerwetter niedergehen, inklusive Großmutter, die an allem schuld sei, weil mit den Mädchen viel zu nachsichtig. Auch er wird handgreiflich. Dann fährt er mit den Mädchen ins Krankenhaus zur gynäkologischen Untersuchung. Als nächstes werden die Gartenmauern erhöht, Gitter an den Fenstern angebracht und Hochzeiten anberaumt.

Erziehungsberechtigte, die mit großer Strenge über die erwachende Sexualität eines verschworenen Schwesternhaufens wachen und disziplinarische Maßnahmen mit schlimmen Folgen ergreifen – auf den ersten Blick erinnert das an den Roman „The Virgin Suicides“ von Jeffrey Eugenides und an dessen gleichnamige Adaption durch Sofia Coppola. Aber eben nur auf den ersten Blick. Natürlich kenne sie The Virgin Suicides, sagt Deniz Gamze Ergüven, die mit Mustang ihr vielbeachtetes, inzwischen oscar-nominiertes Spielfilmdebüt gibt, der habe aber mit ihrem Film auch nicht mehr zu tun als beispielsweise Viscontis Rocco und seine Brüder. Von der Dramaturgie her sei Mustang vielmehr ein Gefängnisfilm. Auch wenn das idyllisch an der Schwarzmeerküste gelegene, weitläufige, alte Holzhaus mit seinem üppigen Garten so gar nicht wie ein Gefängnis aussieht.

In der Tat hat das Gefängnis Löcher, und so ohne weiteres lassen sich die Schwestern nicht zähmen, Mustangs eben. Sonay, Selma, Ece, Nur und Lale leisten Widerstand, sie brechen aus und sträuben sich, sie bocken und sie zicken; keines der fünf Mädchen ergibt sich friedlich in sein traditionalistisch determiniertes Schicksal, doch diejenige, die sich am längsten und am entschiedensten zur Wehr setzt, ist Lale, die Jüngste. Dieses auf ganz selbstverständliche Weise freie Mädchen wird zum Sinnbild eines Kampfes um Selbstbestimmung, der sich in ihm weniger als emanzipatorischer konkretisiert, denn als instinktiver Freiheitsdrang, als allgemein menschlich. Und der solcherart die Kluft zwischen den Geschlechtern überwindet. Hoffnungsvoll.