Ein letztes Wort zum Kino

Gezeichnete Cinephilie

| Oliver Stangl |
Mythen, Sex und Godard: Mit „Ein letztes Wort zum Kino“ liegt nun eine der besten Arbeiten des französischen Comic-Autors Blutch auf Deutsch vor.

Blutch (eigentlich Christian Hincker), 1967 in Straßburg geboren, gehört zu den vielseitigsten Comic-Autoren Frankreichs: So porträtierte er im bande dessinée „Le Petit Christian“ (1998/2008) in autobiografischer Weise seiner Kindheit, reflektierte mit dem Comic-Roman „Vitesse moderne“ (2002) den künstlerischen Schaffensprozesses und widmete sich in „La Volupté“ (2006) in absurd-bizarren Szenarien dem Animalischen am Menschen. Dass neben der Zeichenkunst das Kino eine der großen Leidenschaften des mehrfach preisgekrönten Künstlers ist, macht besonders der Band „Ein letztes Wort zum Kino“ („Pour en finir avec le cinéma“, Dargaud 2011) deutlich, der nun in deutscher Übersetzung im Berliner Reprodukt Verlag erschienen ist. Zu den Fans des Werks gehörte kein Geringerer als der bedeutende Nouvelle-vague-Auteur Alain Resnais, der Blutchs „grafischen Einfallsreichtum“ und „die Ausdruckskraft seiner Figuren“ bewunderte. Blutchs Stil ist geradezu expressiv, entstellt die Filmfiguren fast schon karikierend zur Kenntlichkeit und färbt die einzelnen Kapiteln monochromatisch mit Farben wie Gelb, Rot oder Blau.

Thematisch geht der Künstler in mehreren essayistischen Segmenten die zwischen Traum und stilisierter Realität changieren, dem Einfluss von Kino-Ikonen auf das Leben nach, wobei, wie bei Blutch gewohnt, auch der Sex nicht zu kurz kommt: Da werden während eines abgesprochenen Vergewaltigungsspiels zwischen einem Pärchen die Namen von toten Schauspielern wie Warren Oates, Strother Martin oder Paul Newman erwähnt, befriedigt eine gigantische Requisitenhand aus King Kong eine Frau oder leidet der Protagonist unter Minderwertigkeitskomplexen, weil er wohl nie die Qualitäten eines Michel Piccoli erreichen wird. Schauspieler und Drehbuchautor Paul Gegáuff ist gar der Meinung, dass der Pariser Filmclub ohnehin nur zur Triebbefriedigung gegründet wurde. Das Kino erscheint bei Blutch durch die starke Koppelung mit der Sexualität gleichsam als Fetisch, als Trieb, dem man nachgehen muss. Und immer wieder misst sich der nicht gerade mit gutem Aussehen gesegnete Protagonist an seinen Leinwandheroen. Gastauftritte gibt es quer durch die Filmgeschichte: Da tummeln sich Kaliber wie Orson Welles, Burt Lancaster, Claudia Cardinale oder Catherine Deneuve.

Jean-Luc Godard kommt zweimal vor: Zunächst sieht man ihn in einer traumartigen Sequenz beim Fischen in einer Industriehalle – doch jeder der exotischen Fische verfällt noch an der Angelschnur. Ein zweites Mal wird der mit intellektuellen Reflexionen zum Kino auftrumpfende Godard in einem Zug, der „durch Buñuel“ fährt, von Michel Piccoli, der sich dadurch beim Flirt mit einer Frau gestört sieht, zusammengestaucht: „In diesem Abteil wird zu viel geschwätzt!“