Das Filmfestival Crossing Europe bietet auch 2016 einen bewährten Mix aus Filmkunst, Talks und Party. Mit Tribute-Gast Helena Třeštíková wird eine der bedeutendsten Dokumentaristinnen Europas Linz beehren.
Dass das sympathische Filmfestival in Linz an der Donau unter der bewährten Leitung von Christine Dollhofer bereits zum dreizehnten Mal über die Bühne geht, kann man als Erfolgsgeschichte werten, zumal Crossing Europe in der Regel auf Blockbuster verzichtet und den Cineasten jedes Jahr anspruchsvolle Kost auftischt, die es im Regelfall hierzulande nicht zu einem regulären Kinoeinsatz bringt. Auch 2016 bleibt sich das prominenteste heimische Filmfestival neben Viennale und Diagonale im besten Sinn treu und zeigt insgesamt 162 Filme aus 35 Ländern, die einen kritisch-künstlerischen Blick auf soziale und politische Brennpunkte Europas (und darüber hinaus) werfen.
Krieg und Liebe
Evident wird dies bereits mit den insgesamt sechs Eröffnungsfilmen, unter denen sich der oscarnominierte dänische Antikriegsfilm Krigen / A War von Thomas Lindholm befindet: Als eine dänische Militäreinheit in Afghanistan unter schweren Beschuss gerät, muss der Truppenkommandant eine folgenschwere Entscheidung treffen – Notwehr oder Kriegsverbrechen? Linholms packende Inszenierung und die Frage nach der Moral in Zeiten des Krieges erhält durch die Besetzung eine authentische Note, werden die Soldaten im Film doch von Soldaten verkörpert, die tatsächlich in Afghanistan stationiert waren. Das Leid des Krieges gilt auch als eine der Hauptursachen des großen Flüchtlingsstroms, mit dem sich Europa seit letztem Jahr konfrontiert sieht, und hier setzt ein zweiter Eröffnungsfilm, Mein Name ist. Ich bin. (Regie: Claudia Dworschak, die.fisch.die, Leonie Reese, Sarah Schnauer), an: Gemeinsam mit dem Produktionsteam haben sieben Asylwerbende, die derzeit in Neuhofen/Krems wohnen, das Werk über den Neuanfang in einem fremden Land gestaltet. Eine berührende Gemeinschaftsarbeit, die der Flüchtlingskrise Namen, Gesichter und Stimmen gibt.
Weitere Gemeinschaftsarbeiten unter den Eröffnungsfilmen sind der von 10 Filmschaffenden gedrehte Heimatland – eine riesige dunkle Wolke, die sich über der Schweiz zusammenbraut, legt eidgenössische Befindlichkeiten zwischen Flucht, Bunkermentalität und Solidarität frei – und One Day in Sarajevo von Jasmila Zˇbanic´. Für dieses komplexe Porträt der bosnischen Hauptstadt verdichtete die Filmemacherin Material, das Künstler und Bewohner Sarajevos während der Gedenkfeierlichkeiten zum hundertsten Jahrestag des Attentats auf Erzherzog Franz Ferdinand mittels Smartphone und Videokameras einfingen. Zˇbanic´ demonstriert mit dem Film eindrucksvoll, wie kontrovers der Attentäter Gavrilo Princip und seine Tat, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte, noch heute rezipiert werden und wie sehr die Stadt von mehreren Kriegen geprägt wurde. Die Tonlage umfasst dabei Skurriles (ein Künstler schießt am Ort des Attentats mit einer Spritzpistole auf Autos) ebenso wie Ernstes (ein Museum, das dem Ersten Weltkrieg gewidmet ist, ist wegen Budgetproblemen geschlossen).
Die Nachwirkungen des Krieges nehmen auch im Regiedebüt der Schauspielerin Mirjana Karanović eine wichtige Rolle ein. Im Drama A Good Wife entdeckt die titelgebende Ehefrau (Karanović), dass ihr Mann an Kriegsverbrechen beteiligt war – die Fassade der Vorzeigefamilie beginnt empfindlich zu bröckeln.
Der sechste Eröffnungsfilm stammt von keiner Geringerem als Tribute-Gast Helena Třeštíková: In Mallory begleitete die tschechische Regisseurin über zehn Jahre lang ihre Protagonistin und ihren erfolgreichen Ausstieg aus der Drogenszene. Der Tribute versammelt viele weitere Highlights aus der Karriere der virtuosen Langzeitbeobachterin Třeštíková, die für ihren Film René (2008) – die Studie eines Kleinkriminellen, dessen beinharte Lebensphilosophie ebenso ausgeprägt ist wie seine sexuellen Vorlieben – mit dem europäischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Man sollte die Gelegenheit nutzen, die Filme Třeštíkovás, deren Reiz nicht zuletzt darin besteht, dass sie Einzelschicksale in den Kontext der politischen und sozialen Zustände in ihrem Heimatland stellen, im Kino zu sehen. Třeštíková wird zudem persönlich in Linz anwesend sein und in einer Master Class über ihre Methode des Filmemachens sprechen.
Neben den Wettbewerbsschienen für Fiktionales und Dokumentarisches gibt es mit Local Artists auch wieder eine bewährte Reihe, das Filmschaffen von Künstlern aus Oberösterreich versammelt. Ebenfalls wieder am Programm steht die beliebte Horrorreihe Nachtsicht, in der sich diesmal unter anderem ein phantastisches Blutbad, das zwei Meerjungfrauen in Agnieszka Smoczyn´skas The Lure anrichten, befindet.
In die zweite Runde geht heuer die Schiene Cinema Next Europe, die dem jungen europäischen Filmschaffen gewidmet ist. Privates trifft hier auf Politisches, abstrakt-existenzialistische Wüstentrips (Sobre El Cielo von Jorge Quintela) werden von Ausflügen in das Kriegsgebiet des IS (Paradies! Paradies von Kurdwin Ayub) abgelöst. Gesellschaftlich Relevantes nehmen die Schienen Arbeitswelten (deren dokumentarische Beiträge von der Schneckenzucht in Polen bis zur deutschen Polizeischule reichen) und die in Kooperation mit dem afo architekturforum oberösterreich veranstaltete Reihe European Communities – Dorfkommunen im Spiegel Europas unter die Lupe.
Doch ein Festival besteht natürlich nicht nur aus Filmen, sondern hat stets auch soziale und atmosphärische Komponenten. Hier war Crossing Europe von Anfang an stark: So kann man etwa bei den immer sehr gut besuchten Nightlines diversen musikalischen Acts lauschen oder bei kühlen Getränken über die gesehenen Filme plaudern. Gelegenheit für Vernetzung innerhalb der Branche bieten Talks und Get-Togethers und für Kunstaffine gibt es schließlich Rahmenprogramme mit Ausstellungen und Installationen. Nun denn: Auf ein Neues.
