Anhand zweier weißer Forscher, die im Abstand von 40 Jahren Amazonien bereisten, entwirft der kolumbianische Regisseur Ciro Guerra in „Der Schamane und die Schlange“ ein eher düsteres Bild von der Begegnung der Kulturen.
„Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende.“
(Claude Lévi Strauss, „Traurige Tropen“)
„The road to hell is paved with good intentions“, lautet ein bekanntes Sprichwort. Mit den besten Absichten, zweifellos, brachen zu Beginn des 20. Jahrhunderts der deutsche Anthropologe Theodor Koch-Grünberg bzw. rund 40 Jahre später der US-amerikanische Biologe Richard Evans Schultes nach Amazonien auf, um den mythischen Fluss, den wild wuchernden Regenwald und die Menschen, die dort lebten, zu erforschen. Ihre Reisetagebücher bilden die Grundlage für eine bewegende Geschichte, mit deren Umsetzung der 34-jährige kolumbianische Filmemacher Ciro Guerra nicht nur beim Cannes-Festival 2015 für Aufsehen sorgte – der Film wurde dort mit dem Preis der Filmkunsttheater ausgezeichnet –, sondern mit der er es auch in die Endauswahl für den Fremdsprachen-Oscar schaffte.
Es ist kein freundliches Bild, das Guerra von der Begegnung der indigenen Völker und der weißen Eindringlinge zeichnet – trotz der betörend schönen Schwarzweiß-Fotografie von David Gallego und trotz der zahlreichen landschaftlichen Attraktionen: „Da man die Farben des Amazonas ohnehin nicht adäquat auf Film bannen kann, haben wir uns entschlossen, in Schwarzweiß zu drehen und den Rest der Imagination der Zuschauerinnen und Zuschauer zu überlassen.“ Konsequenterweise hat der Regisseur auch jeden nur denkbaren Ethno-Kitsch vollständig aus seinem Film verbannt. Die weißen Männer sind per se keine schlechten Menschen, aber doch in vielen Szenen – natürlich „nur“ dem Fortschritt und der Wissenschaft verpflichtet – haarsträubend egoistisch und unsensibel; so als Theo (wie er von den Einheimischen genannt wird) einmal wütend und handgreiflich seinen Kompass zurückfordert, dem man ihm aus Neugier entwendet hat. Evan, wie er im Film heißt, ist vielleicht etwas subtiler, aber auch nur um Nuancen.
Was die zwei Männer und Guerras zwei Erzählstränge verbindet, ist die schicksalhafte Begegnung der beiden Forscher mit dem gleichen Mann, dem Schamanen Karamakate, logischerweise in unterschiedlichen Phasen seines Lebens. Nilbio Torres spielt den jungen, Antonio Bolívar den alten Karamakate, und man weiß gar nicht, welchem von beiden Schauspielern („natural actors“, wie das neuerdings heißt, also Nichtprofessionelle) und welcher von beiden Figuren zuzuschauen faszinierender ist. Überraschenderweise wirkt der junge Schamane abgeklärter, stoischer, erfüllt von einer tiefen, erd- und himmelsverbundenen Weisheit, die nichts von der abgeschmackten „edlen Wildheit“ einschlägiger Abenteuergeschichten an sich hat. Karamakate ist Theo, der von seinem treuen Diener Manduca (Yauenkü Miguee) begleitet wird, gegenüber von Anfang an äußerst misstrauisch, und diese Skepsis legt sich nur sehr allmählich, wenn denn überhaupt. „Der Regenwald wird zerstört werden“, prophezeit er (wir schreiben Anfang des 20. Jahrhunderts!), indem er sich an eine Gruppe von eingeborenen Kindern wendet, die gerade von dem Kapuzinermönch Gaspar buchstäblich malträtiert werden.
Jahrzehnte später, wenn Evan im Amazonas-Gebiet eintrifft, ist Karamakate „leer“ und frustriert. Er hat seine Bodenhaftung verloren, sein Wissen ist ihm entglitten, ebenso sein Kontakt zur Anakonda, zur „Himmelsschlange“ (siehe Titel). Seine düsteren Vorahnungen haben sich längst erfüllt, und sein Volk ist ausgerottet worden; er ist der letzte Überlebende. Im Dschungel treibt inzwischen die Kautschuk-Industrie ihr profitables Geschäft und ein durchgeknallter portugiesischer Messias (Nicolás Cancino) sein Unwesen, komplett mit einer Heerschar einheimischer Jüngerinnen und Jünger in Ku-Klux-Klan-artigem Outfit. Diese Bilder kommen einem bekannt vor: Hier lässt der der Welt entrückte Colonel Kurtz aus Francis Coppolas Apocalypse Now (bzw. sein Vorbild, der Elfenbeinhändler aus Joseph Conrads Novelle „Heart of Darkness“) grüßen. Die Figur des „Messias“ ist aber keine von Guerra und seinem Ko-Drehbuchautor Jacques Toulemonde erfundene Kurtz-Kopie, sondern es gab sie, so heißt es, wirklich. Parallelen wie diese sind wohl unvermeidlich, denn der Dschungel mit seinen Schatten, seinen Geräuschen, seinen stillen Schrecknissen und seinen ganz realen Gefahren hat nun einmal prekäre Auswirkungen auf labile Geister. (Reise-)Literatur und Film legen davon zahlreich Zeugnis ab – man denke nur an Werner Herzogs epochale Filme Aguirre, der Zorn Gottes und Fitzcarraldo (ein Grammofon darf auch bei Guerra nicht fehlen), an die fiebertraumartigen Filme von Apichatpong Weerasethakul, mit denen Der Schamane und die Schlange durchaus zu Recht verglichen wird, an Joseph Conrads Romane „Almayer’s Folly“ und „An Outcast of the Islands“ oder an Graham Greene, der als erster Weißer in den dreißiger Jahren Liberia zu Fuß durchquerte und diese geradezu surreale Reise in seiner „Journey without Maps“ unnachahmlich geschildert hat. Der Dschungel und seine dunklen Geheimnisse hat viele US-amerikanische GIs im Vietnam-Krieg nachweislich in schwere psychische Probleme getrieben.
Gedreht wurde Der Schamane und die Schlange im nahezu unzugänglichen, überraschend großen Amazonas-Abschnitt im Südosten Kolumbiens, an der Grenze zu Venezuela und Brasilien. Die Dreharbeiten waren, wie man im Film auch deutlich sehen kann, sehr aufwändig und anstrengend. „Verglichen damit“, schreibt der Journalist Joe Utichi, „muss The Revenant ein Spaziergang im Wald gewesen sein.“ Ciro Guerra lässt von Anfang keinen Zweifel darüber aufkommen, wo seine Sympathien angesiedelt sind: „Ich hoffe, dass der Film diejenigen, die ihn sehen, mit einer Sehnsucht erfüllt, die indigenen Völker zu hören, die durch das Eindringen von Siedlern und rücksichtslosen Kautschuk-Baronen fast zum Verstummen gebracht wurden. Das Beste, was man jetzt noch tun kann, ist, den Menschen dort das Eigentum über ihr Land zurückzugeben und sie selbst über ihre Gegenwart und ihre Zukunft entscheiden zu lassen“, sagt er in einem Interview. Das heißt aber nicht, dass die Einheimischen ausnahmslos gut wegkommen: Dass sie in ihrer grenzenlosen Naivität und Gier auf den „Messias“, auf die Katholische Kirche und den Klimbim der westlichen Zivilsation hereinfallen, kreidet ihnen der weise Karamakate an. In dieser differenzierten Sichtweise liegt eine der vielen Stärken dieses außergewöhnlichen Films.
