Familienserien

Die Voraussetzung aller weiteren Worte

| Benjamin Moldenhauer |
Homosexualität und Normalität: Die vergnügliche HBO-Serie „Looking” zeigt, was die Verbürgerlichung einer Minderheitenexistenz so alles mit sich bringt.

Drei Freunde leben in San Francisco, arbeiten, feiern, streiten sich mit ihren Partnern und Affären und versuchen beruflich, künstlerisch und überhaupt glücklich zu werden. Ein Stammcafé gibt es nicht, aber abgesehen vom Fehlen des erweiterten Wohnzimmers könnte die Plot-Prämisse von Looking auch gut als eine Variation der stilbildenden Serie Friends durchgehen – minus Screwball. Wäre unsere Welt eine vollends aufgeklärte, das „Besondere“ der Serie (dass sie nicht vom hetero-, sondern vom homosexuellen Begehren erzählt) müsste dem Zuschauer nicht weiter auffallen. Es wäre dann wurscht, ob schwul oder hetero, die Kategorie „Homosexualität“ zur Einteilung von Menschen wäre obsolet, die Grenzen würden vielleicht anders, erfahrungsadäquater gezogen. Looking möchte offensichtlich seinen Teil dazu beitragen, dass dieser Prozess sich beschleunigt.

Und das gelingt recht gut. Was in der Pilotfolge als ein Porträt der Schwulenszene von San Francisco beginnt, entpuppt sich schnell als Erzählung, die auf Allgemeingültigkeit zielt. Die in den ersten beiden Seasons verhandelten Konflikte, Fettnäpfchen und Fragen kennt man, egal mit wem man gern ins Bett steigen möchte: Wird der Freundeskreis den Menschen akzeptieren, in den ich mich verliebt habe? Was bedeutet es, mit dem Menschen, der einen liebt, zusammenzuziehen? Und soll ich auch am Sonntag ins Büro gehen, wenn der Chef es wünscht?

Andrew Haigh, Produzent, Autor und Regisseur der meisten Folgen (und, nicht zu vergessen, der großartigen Filme Weekend und 45 Years) brachte es auf den Punkt: „In vielerlei Hinsicht ist die Tatsache, dass die Figuren schwul sind, das uninteressanteste an ihnen.“ Es ginge in Looking nicht um Homosexualität. Dazu gleich mehr.

Zuerst einmal, dann ist das abgehakt, eine nachdrückliche Empfehlung. Looking, eine routinierte HBO-Produktion, macht großen Spaß, ist in der Inszenierung von Freundschaft immer wieder anrührend, lädt zum binge watching ein und macht im Großen und Ganzen alles richtig. Angefangen beim hervorragenden, grundsympathischen Cast, der – eines der Merkmale, die HBO-Serien immer wieder zu großer Fernsehkunst werden lassen – auf den ersten Blick stereotype Figuren spielt und sie dann vor allem mittels pointierter Dialoge und eines Gespürs für psychologische Feinheiten mit Leben und Eigensinn füllt. Jonathan Groff spielt einen latent bindungsunfähigen Lieblingsschwiegersohn, Frankie J. Alvarez einen etwas zu sehr von sich eingenommenen Möchtegernkünstler, Murray Bartlett den unaufhaltsam altwerdenden Mann, der, bevor es Richtung Midlife-Crisis geht, noch eilig etwas aus seinem Leben machen will. Die vergleichsweise direkten Sexszenen bewegen sich in Sachen verbaler und bildlicher Explizitheit in der Sex and the City-Liga; nur eben mit zwei (oder auch mal drei) nackten Männern statt Männlein und Weiblein.

Begehren ist Triebschicksal

Zurück zum Besonderen, das, wie gesagt, nicht im Erzählen von homosexuellen Beziehungsgeschichten liegt, sondern in dem Anspruch auf der Allgemeingültigkeit dieser Geschichten. Im Gegensatz zu Serien wie Queer as Folk und The L Word insistiert Looking auf der Normalität des Gezeigten. Ist das Thema Homosexualität erst einmal aus dem Zentrum der Zuschauerwahrnehmung gerückt, wird deutlich, dass die hier erzählten Konflikte jenseits aller sexuellen Präferenz eng mit der Lebenswelt des aus der Enge eines vorgezeichneten Lebensweges entlassenen spätmodernen Subjektes korrespondieren, gleich, welches Triebschicksal es mit sich herumschleppt. Man kennt das, von sich selbst und aus dem Freundes- und Bekanntenkreis: Der Versuch, nachdem man bis Ende Dreißig ambitionslos Jobs runtergerissen hat, doch noch die Karrierekurve zu kriegen; der Wunsch nach einer Hochzeit mit allem Brimborium, auch wider besseres Wissen um die Zurichtungspotenziale der Ehe; die Ahnung, dass man sich in seinem Talent vielleicht etwas überschätzt hat …

Die Serie ist aber keine didaktische Unternehmung (schon weil sie viel unterhaltsamer ist als eine didaktische Unternehmung es sein könnte), sondern auch ein symptomatischer Ausdruck der fortschreitenden Verbürgerlichung der Schwulen in den westlichen Gesellschaften, die mit einem Verlust des dezidiert unbürgerlichen schwulen Lebens einhergeht. Es ist kompliziert: „Weil die Emanzipation in der bürgerlichen Gesellschaft immer Assimilation bis an die Grenze der Selbstaufgabe und darüber hinaus bedeutet und keineswegs mit der ersehnten Anerkennung einhergeht“, schreibt der Publizist Tjark Kunstreich in seinem äußerst lesenswerten Band „Dialektik der Abweichung“, „nimmt es nicht Wunder, wenn Schwule dem Ende der Diskriminierung nicht wirklich etwas abgewinnen können.“ Zu den Mühen der Minderheitenexistenz die Bürde bürgerlicher Subjektivität aufgebrummt zu bekommen sei mehr, als viele ertragen wollen.

In dieser Hinsicht wird die Serie tatsächlich immer wieder affirmativ: Der Job erscheint als lustiges Bällebad, der größte Konflikt zwischen Lohnarbeit und Privatem besteht in der Frage, ob man mit dem eigenen Vorgesetzten schlafen soll oder nicht. Die Normalität ist hier etwas, das gewollt wird.

Nun geht einem der Satz „Bitte lieber Gott, lass mich kein bürgerliches Wesen werden“ vor allem dann leicht über die Lippen, wenn man es sich aussuchen kann, also im Idealfall hetero, männlich, weiß ist. Man muss in Zeiten, in denen die in Aktivisten-Kreisen omnipräsente Queer Theory das schwule Begehren entkörperlicht und ausschließlich als eine Frage von diskursiven Zuschreibungen verstanden sehen möchte, daran erinnern: Begehren ist Triebschicksal – „Begehren heißt nach Freud: nicht anders und nicht ohne dieses eine Objekt sein können“ (Tjark Kunstreich). Für die, die sich die Angehörigkeit zu einer Minderheit eben deswegen nicht haben aussuchen können, sondern in sie gezwungen wurden, ist die bürgerliche Existenz, die zuallererst gewährleistet wird durch Rechtsgleichheit, ein Versprechen.

Kunstreich erinnert an den Schmerz, der die Hoffnung auf Gleichheit und bürgerliche Normalität mitgeformt hat, der Wunsch nach guten Eltern ebenso wie der Wunsch nach individuellem Glück. „Beides war nicht möglich: So liberal die Eltern sein mögen, so ist und bleibt das homosexuelle Kind ein Schock, und sei es nur aus Sorge um sein Wohlergehen, und individuelles Glück, sofern man davon noch sprechen mag, ist im Reservat der Gleichgeschlechtlichen mit dem ihm eigenen Druck des Kollektivs nicht denkbar.“

All das schwingt hinter dem lockeren Ton von Looking immer wieder mit, sanft und weitgehend verborgen, aber man kann es hören. Trotzdem traut die Serie sich und ihrem Publikum keine Negativität zu. Es geht voran, sagen uns diese Bilder, das Ziel ist klar. Und wenn es Looking gelingt, dass auch nur ein paar tausend zwangsheterosexuelle Zuschauer in die schöne Lage versetzt werden, sich im angeblich Anderen wiederzuerkennen, und dieses Wahrnehmungsangebot annehmen – dann wäre ein weiterer kleiner Schritt gemacht. Das ist nicht nichts. Bürgerliche Gleichheit ist, wieder Kunstreich, nicht das letzte Wort, „wohl aber die Voraussetzung für alle weiteren Worte“.