Familienserien

Familie und andere Gemeinheiten

| Roman Scheiber |
Das um einen Geschwisterkonflikt gebaute Netflix-Thrillerdrama „Bloodline“ zeigt beispielhaft, wie virtuos zeitgenössische Serien ihren Erzählhorizont organisieren.

Seit fast einem halben Jahrhundert betreibt die Vorzeige-Familie Rayburn ein Hotelresort auf den idyllischen Florida Keys. Sonne satt, Sandstrände und Hängematten zwischen Bilderbuchpalmen. Früh hat Patriarch Robert Rayburn (Sam Shepard) seinen Einfluss geltend gemacht, mögliche Konkurrenz mittels restriktiver Konzessionspolitik von der paradiesischen Halbinsel fernzuhalten. Sein Sohn John (Kyle Chandler), der längst selbst eine Familie gegründet hat, steht der örtlichen Polizei vor. Roberts smarte Tochter Meg (Linda Cardellini) ist Anwältin geworden und kümmert sich um das Familienvermögen. Kevin (Norbert Leo Butz) wirkt ein wenig wie das zuerst verwöhnte, dann aber nicht nachhaltig aus der Kindheit heraus begleitete Nesthäkchen, John nennt ihn „the hothead of the family“. Und dann gibt es noch den ältesten Sohn, der aber seit Jahren nicht mehr hier lebt. Warum dieser Danny (der Australier Ben Mendelsohn gibt die schleierhafteste Figur eines auf Augenhöhe agierenden Ensembles) das Etikett „schwarzes Schaf“ der Familie trägt, wird gleich zu Beginn suggeriert: Aus dem Bus, der ihn von Miami zu einer Famlienfeier anlässlich einer Pier-Eröffnung zu Ehren der Rayburns bringen soll, steigt er eine Station vor dem Ziel aus. Danny biegt zunächst zu einem halbseidenen alten Kumpel ab, erscheint dann doch noch auf der Party, aber in peinlicher Begleitung.

Von Anfang an gewinnt man den Eindruck, dass niemand außer seiner Mutter Sally (Sissy Spacek) den nach außen lockeren, aber verwundbar wirkenden und etwas verbergenden Danny wirklich gern hier haben möchte. Man spürt, dass die örtliche Idylle trügt. Dass in Bloodline vor langer Zeit zugefügte Wunden aufzubrechen drohen, dass auf dem Grund der ruhigen See ein großes Geheimnis begraben liegt, ganz abgesehen von einigen weiteren Geheimnissen, die bald in hässlicher Regelmäßigkeit ans Ufer gespült werden. Zu welcher Katastrophe Dannys Rückkehr in die Keys letztlich führen wird, deutet sich in fragmentarischen Vorblenden an, John spricht apologetisch aus dem Off dazu: „We‘re not bad people. But we did a bad thing“ (die Tagline der ersten Season). Das große Geheimnis wiederum – es hat mit dem Verlust eines weiteren Kindes der Familie zu tun –, wird Schritt für Schritt gelüftet, in einer ausgeklügelten Mischung assoziativer Rückblenden aus der Perspektive verschiedener Figuren, katalysiert sowohl von subjektiven Erinnerungen als auch von neu aufkommenden Konflikten in der Gegenwart der Erzählung.

Spannender als was hier passiert ist und unausweichlich passieren wird (das Puzzle beginnt sich etwa zur Halbzeit der ersten Season in Grundzügen zusammenzusetzen), ist freilich, wie es zum jeweiligen Zeitpunkt der Geschichte von welcher Figur wahrgenommen wird – und wie es die Zuschauenden bei der Deutung der jeweils gegenwärtigen Ereignisse beeinflusst. Fast alle Figuren in Bloodline wissen irgendwann etwas, was sie nicht sagen, oder wissen etwas nicht, weil es ihnen verschwiegen wurde. Sie haben unklare Motive, verschwommene Erinnerungen, sie irren sich, verhalten sich töricht, sagen Halbwahrheiten, weichen aus, manipulieren, lügen. Jeder sucht die Gelegenheit, aus seiner Rolle ausbrechen, und jeder hat irgendwann Angst vor dem notorisch unzuverlässigen, stetig unberechenbaren Danny.

KZK-Markenzeichen

Schon der Zeitraffer in der sonst schlicht gehaltenen Titelsequenz deutet das Verstreichen der Zeit als maßgebend für Bloodline an. Was Netflix‘ erste Koproduktion mit Sony Pictures Television vor allem auszeichnet, ist die treffende Darstellung der Reibung zwischen individueller und familiärer Identität und deren multiperspektivische Einbettung in eine so unauffällig wie feinsinnig getaktete Gesamtökonomie des Erzählens. Vom ersten Wochenende, an dem die familiäre Dynamik sofort in Gang kommt, bis zum anfangs angeteaserten Showdown in den Sümpfen vergehen innerhalb der Erzählung ein paar Monate. Die knapp 13 Stunden oder Kapitel dieses großzügigen Fernsehromans, die wir sehen, scheinen insgesamt in eher gelassenem Duktus dahinzufließen, sind aber im Detail reich an Verdichtungen und Zerdehnungen, rhythmisiert nicht zuletzt durch die erwähnte Vor- und Rückblendenstruktur.

Introspektiv emotionale Flashbacks und thrillerhafte, prophetisch anmutende Flash Forwards wusste das Trio Todd Kessler, Daniel Zelman und Glenn Kessler (KZK Productions) schon in ihrer Anwaltsserie Damages (2007–2012) wiederholt in saisonalen Handlungsbögen fruchtbar einzusetzen und so zu einer Art Markenzeichen ihrer Arbeit zu machen. (Todd Kessler verdiente sich seine Sporen übrigens einst als Drehbuch-Mitautor der zweiten und dritten Season der HBO-Perlenkette The Sopranos.) Im Fall von Bloodline stellt sich der Aufbruch der linearen Erzählstruktur nun noch stärker in den Dienst der Figurenpsychologie. KZK erfinden weder die serielle Familienaufstellung noch das horizontale Erzählen neu, zumal in ästhetischer Hinsicht, doch an psychologischem Realismus und durchdacht organisierten Abläufen der Narration sind sie schwer zu überbieten. An wenigen Stellen wirkt denn auch die Abweichung von der Chronologie selbstzweckhaft oder bloß effekthascherisch, an vielen bedeutet sie einen narrativen Mehrwert.

Weitere Handlungselemente sind Menschenhandel, Mord und andere Gesetzesbrüche, ein wichtiger Faktor sind die Paarbeziehungsprobleme der Protagonisten. Bemerkenswerter aber ist, und es ist ein Charakteristikum der besten horizontalen Serien-Erzählungen heute, wie volatil in Bloodline die Sympathieverteilung für die einzelnen Charaktere erscheint. Das Wohlwollen verschiebt sich schleichend, je nachdem, wie die Geschwister mit ihrem Wissensstand, wie sie jeweils mit dem wachsenden emotionalen Druck umgehen. Kevin zum Beispiel, das Nesthäkchen, der Bootsverleiher in der Ehekrise: Als Robert ins Krankenhaus muss, treten seine Aggressionen gegen Danny offen zutage. Später verheddert er sich in einem amüsanten Nebenstrang in eine Art Nachbarschaftsstreit, wie ihn kein Gartenzwerg und keine Galionsfigur besser erfinden könnte – sodass man fast schon wieder Mitleid mit ihm haben muss. Mit jeder Episode ziseliert sich das Profil der Protagonisten ein Stück schärfer heraus. Gerade weil man im Verlauf der Geschichte immer mehr davon weiß, woher sie kommen und wohin sie gehen werden, kommt man diesen Figuren näher.

Den Schluss markiert ein Season-Cliffhanger der übleren Sorte, aber dafür sind Netflix-Serien mittlerweile berüchtigt. Der Streaming-Anbieter macht sich mit so vielen Eigenproduktionen selbst Konkurrenz, dass eine Serie zwischen dem Binge-Viewing der einen und der nächsten Season nur ja nicht in Vergessenheit geraten soll. Apropos vergessen: Dagegen erinnern wir immer wieder gern an die Speichermedien DVD und Blu-ray.