Wohin das Auge blickt: Mord liegt in der Familie. Eine Auswahl aktueller Serienangebote.
Starks, Lannisters, Targaryens: Auch Game of Thrones ist ja im Kern eine Familienserie, wenn auch eine ziemlich derbe. Die fünfte Season (bei Warner inkl. allerlei Bonus-Schnickschnack wie interaktive Episodenführer auf Blu-ray erschienen) hinterlässt ein paar prominente Leichen, wobei natürlich unklar bleibt, ob die Figuren wirklich dahin sind („Valar Morghulis“) oder dereinst im Feuer wiedergeboren werden. Welche Rolle wird noch die eigenartige „Halle der Gesichter“ unter dem „Haus von Schwarz und Weiß“ genannten Totentempel bei Braavos spielen, wo die mittlerweile 13-jährige Arya Stark sich die längste Zeit als Leichenwäscherin verdingen muss, alldieweil sie es nervigerweise nicht schafft, trotz beständiger Unterweisung durch „Faceless“ Tom Wlaschiha vom falschen Jemand zum richtigen Niemand zu mutieren? Dass Daenerys‘ Drache Drogon am Ende lahmt, muss einen nicht wirklich beunruhigen. Schon eher, dass Bran Stark sich so lange Zeit lässt, wieder ins Spiel zu kommen. Weitere offene Fragen: Kehrt Jon Snow noch einmal zurück? Wer zum dreiäugigen Raben hat den Bastard überhaupt einst auf die Welt gebracht? Wie furchtbar wird ihro Gnaden Cersei Lannisters Rache sein, für den furchtbaren Walk of Shame („Bitch! Whore! Brotherfucker!“), den sie im Episodenfinale zu absolvieren gezwungen war? Antworten womöglich, aber wahrscheinlich eh wieder nicht in S6 (derzeit auf Sky, begleitet von einem kundigen Episodenblog auf diepresse.com/home/blogs/phaenomedial).
Weitere Mai-Highlights auf Sky: Adelsfamilie (Downton Abbey S6), Kleinstadtfamilie (Banshee S4), Mafiafamilie (Gomorrha S2) und Tierfamilie (ab 25.5. die satirische New Yorker Anime-Dystopie Animals, wie Game of Thrones aus dem Hause HBO). Als Welthit ist GoT nebenbei zu einer Art Bewerbungsportal für Jungstars geworden. Iwan Rheon (der kleine Quälgeist von Sansa Stark) und Natalia Tena (die esoterische „Wildling“ der ersten drei Seasons) z.B. finden sich in der stilistisch leicht überkandidelten, britischen Sci-Fi-Mystery-Serie Residue (von Alex Garcia Lopez und John Harrison) als Fotojournalistin und Pressesprecher wieder, die sich mit unerklärlichen Todesfällen konfrontiert sehen (auf DVD bei Polyband).
Freunde gehobener Fernsehkrimiunterhaltung mögen sich einmal für knapp zehn Stunden von ihren Tatorten entfernen, Polizeirufe auf lautlos stellen und nach Norden schauen. Fans von Die Brücke wissen es ohnehin, aber in den dritten Fall um die verhaltensoriginelle schwedische Kommissarin Saga Noren (schlicht großartig: Sofia Helin) und ihren neuen dänischen Kollegen Henrik Sabroe (Thure Lindhardt) kann man auch ohne Vorkenntnis einsteigen. Dabei handelt es sich zwar nicht um den gesellschaftspolitisch brisantesten, aber entschieden am kunstvollsten gestrickten der bisherigen Fälle (Storyline: Hans Rosenfeldt u.a.). Eine spezielle Art Leihmutter, eine in Genderfragen konservative Bloggerin, ein Glücksexperte, eine Bestatterin und ein saturierter Kunstsammler (der hierzulande wohl mit Nicholas Ofczarek besetzt worden wäre) gehören zum illustren Personal des mit traumatischen Backstories der Ermittler zwischendramatisierten Serienmord-Fünfteilers, der auf eine etwas andere Art der Familienaufstellung hinausläuft. Weitgehend plausibel, fintenreich, stilsicher inszeniert, tadellos rhythmisiert, spannend, menschelnd: Im Norden wird der Standard gängiger Krimikonvention beständig höher geschraubt (auf DVD bei Edel:Motion; zum Vergleich mit dem US-Remake The Bridge: „ray“ 0515).
Die fantastische und völlig zurecht dafür Emmy-prämierte Viola Davis allein ist ein Grund, die von Shonda Rhimes (Scandal) kreierte ABC-Serie How to Get Away with Murder anzusehen. Davis spielt Annalise Keating, eine Jus-Professorin und Top-Strafverteidigerin, die sich aus ihrem titelgebenden Kurs an der Uni fünf Studierende als Aspiranten für ihre Kanzlei rauspickt – wobei aus der Theorie, in fragmentarischen Vorblenden angedeutet, bald mehr als nur Praxis wird, als nämlich ihre Schützlinge sich in einen krassen Mordfall verwickeln und darob Verhaltensmuster zwischen Unruhe und Hyperventilation an den Tag legen. Dass Davis ihre mitunter ein wenig nervenden Nachwuchskollegen samt und sonders an die Wand spielt, passt zur prekären Mentorsituation ihrer Figur. Wenn eine einschneidende Kindheitserfahrung der außen stahlharten, innen butterweichen Pragmatikerin an Hand der plötzlich auftauchenden Mama virulent wird, gehört das zu Davis‘ stärksten Szenen. Wendungsreich und fesselnd (S1 auf DVD bei Disney).
Die erste Season der TNT-Serie Murder in the First wiederum (auf DVD bei Warner) übertreibt es mit den Twists and Turns. Steven Bochco, einst mit David Milch Entwickler des nachmaligen Dauerbrenners NYPD Blue, zeichnet hauptverantwortlich für den im Silicon Valley angesiedelten und doch irgendwie altmodischen Krimi-Zehnteiler. Die liebe Familie spielt letztlich auch hier eine Hauptrolle, doch im Zentrum steht der erfolgreiche und dazu direkt proportional arrogante Startupper Erich Blunt (Tom Felton scheint aus der Harry-Potter-Kiste als Unsympath Draco Malfoy nicht nachhaltig herauszukommen). Während Blunt unter mehrfachen triftigen Mordverdacht gerät und sich in allumfassender Selbstüberschätzung am liebsten selbst verteidigen möchte (dabei ist gerade sein von James Cromwell gespielter Anwalt ein echter Pluspunkt), mäandert der Fall in einer Weise vor sich hin, dass man fast von Zeitschinden sprechen möchte. Und prickelndere Ermittler als die kühlen Taye Diggs und Kathleen Robertson hat man auch schon gesehen. Die Lösung ist dann schon fast wieder gut, geht sich halt nur leider vor Gericht nicht aus. (Ebenfalls bei Warner: The 100, S1+2, eine im Vergleich z.B. zur Divergent-Kinofilmreihe immerhin interessantere und einfallsreichere Jugend-Dystopie.)
Und schließlich, weil irgendwer den ganzen Dreck ja wieder aufräumen muss: Die NDR-Serie Der Tatortreiniger bringt es mittlerweile auf 24 Folgen in 5 Staffeln (Studio Hamburg). Mizzi Meyer (!) alias Ingrid Lausund schreibt, Arne Feldhusen führt Regie und Bjarne Mädel spielt „Schotty“, der beim Beseitigen menschlicher Überreste so manchen emotionalen Kollateralschaden hinterlässt. Ein Höhepunkt der als „langsamer Brüter“ gestarteten, dann aber zweimal mit dem renommierten Grimme-Preis ausgezeichneten Comedy: Folge 17, in der Schotty ein durch Spuren eines Suizids und überhaupt ziemlich verfluchtes Haus säubern soll. „Denn wer in dem Gemäuer nicht unaufhörlich reimt, muss wieder vor die Tür und ist wie angeleimt.“
