Auch in der Saison 2016/17 bietet das Wiener Konzerthaus in seinem Abo-Zyklus „Film + Musik live“ vier herausragende Stummfilmabende mit Musikbegleitung.
Drei klassische Meisterwerke des Stummfilms und eine schöne Rarität umfasst das Programm der „Film und Musik“-Saison 2016/17. „ray“ ist auch diesmal, wie schon seit vielen Jahren, Mediapartner des Zyklus. Der erste Abend am 27. Februar 2017 ist der frivolen Komödie Erotikon (1920) des großen schwedischen Regisseurs Mauritz Stiller (1883–1928) gewidmet, der nicht zuletzt deswegen unsterblich wurde, weil er das große Talent der jungen Schauspielerin Greta Gustafson (später: Garbo) entdeckte und 1924 für seinen Film Gösta Berling nutzte. Stiller pflegte seine Komödien, die an ähnliche, in Schweden sehr erfolgreiche Hollywood-Salonkomödien angelehnt waren, durch konstantes „Unterspielen“ seiner Schauspieler und durch Zwischentitel, die die Zuschauer in die Irre führten, zu akzentuieren. Die amourösen Verwicklungen und entflammten Leidenschaften, von denen Erotikon handelt, entfalten sich erst allmählich, auch wenn die Grundprämisse – Preben Wells, ein Freund der Familie will beobachtet haben, dass Irene, die Frau des Insektenforschers Professor Charpentier, mit dem Lebemann Baron Felix ein außerhäusliches Rendezvous hat – haarsträubend genug ist. Einmal ganz abgesehen davon, dass der Baron Irene zu nichts weniger eingeladen hat als zu einem Rundflug über die Stadt – im eigenen Flugzeug, versteht sich. Stiller gilt als großer, wenn auch hierzulande wenig bekannter Innovator der Filmkomödie und beeinflusste unter anderem Billy Wilder, Ernst Lubitsch und René Clair. Die Musik zu dem Abend stammt von dem aus Stockholm stammenden Komponisten Matti Bye, der schon zahlreiche schwedische Stummfilmklassiker vertont hat. Bye wird sie im Konzerthaus auch gemeinsam mit seinem Ensemble aufführen.
Weiter geht es am 27. April mit Fritz Langs erstaunlich prophetischer Science-Fiction-Vision Frau im Mond aus dem Jahr 1929. Vierzig Jahre vor der ersten bemannten Mondlandung nahm Lang vieles von dem vorweg, was später so oder zumindest so ähnlich Realität werden sollte. So „erfand“ Lang, aus Spannungsgründen, den Countdown von 10 auf 0, den er mit Hilfe von Bildtafeln umsetzte und der später tatsächlich Usus bei allen Raketenstarts wurde (siehe auch Roman Urbaners Text „Die zündende Null“ in „ray“ 03/16). Alle Details der Mondfahrt und –landung wurden von dem Raketenwissenschaftler Hermann Oberth minuziös überwacht, der sogar ein eigenes Büro auf dem Filmset hatte. Nur die Raumanzüge, die Oberth eingefordert hatte, wurden im Film nicht verwendet. Mit der Musik zu Frau im Mond beauftragte das Konzerthaus den anerkannten US-amerikanischen Experten Timothy Brock, der bereits zahlreiche Stummfilm-Scores restauriert und viele neue geschrieben hat. Brock wird das Niederösterreichische Tonkünstlerorchester dirigieren.
Ebenso spektakulär wie der Film wird sich die Musik zu Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) gestalten. Die Besucherinnen und Besucher werden nicht nur die Erstaufführung des Scores des 35-jährigen amerikanischen Komponisten Cameron Carpenter erleben, der Künstler wird sie auch auf einem von ihm selbst entworfenen Instrument, der sogenannten „International Touring Organ“, zu Gehör bringen. Und Orgelklänge passen wohl am besten zu diesem schaurigen Drama um einen Somnambulen und einen verrückten Professor, das mit Recht zu den Meilensteinen der gesamten Filmgeschichte zählt. Was der aus Breslau stammende Robert Wiene (1873–1938) mit seinem Team – unter anderem dem Kameramann Willy Hameister – und mit den bekanntesten Schauspielern der Zeit (Werner Krauß, Conrad Veidt, Lil Dagover, Friedrich Fehér u.a.) auf die Leinwand zauberte, gilt in vieler Hinsicht als zeitlos gültiger Maßstab des Visionären und Schrecklichen im Kino.
Abgerundet wird der Zyklus „Film + Musik live“ am 23. Juni mit Sergej Eisensteins Meisterwerk Iwan der Schreckliche (1944/1958). Das Prestigeprojekt über das Leben des Zaren Iwan IV. (1530–1584) stellte einst sowohl filmisch als auch politisch ein kühnes Experiment dar: „ Eisenstein inszeniert den historischen Stoff in opernhafter Stilisierung und mit überwältigendem Pathos, verzichtet jedoch auf eine naive (und im sowjetischen Film der Stalin-Ära obligatorische) Ikonisierung der widersprüchlichen Titelfigur. Vielmehr entwirft besonders der zweite Teil düstere Visionen von Macht und Unterwerfung, wobei die Dialektik politischer Alleinherrschaft in genial gestalteten Bildkompositionen enthüllt wird. Ein Meisterwerk der sowjetischen Filmkunst, in dem sich intellektuelle Analyse und sinnliche Prachtentfaltung verbinden. Der zweite Teil wurde erst 1958, fünf Jahre nach Stalins Tod, von Nikita Chruschtschow zur öffentlichen Vorführung freigegeben“, heißt es im Lexikon des internationalen Films. In Kombination mit Sergej Prokofjews grandioser Filmmusik – interpretiert vom ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter der Leitung von Frank Strobel – bildet Eisensteins monumentales Epos einen imposanten Abschluss der Reihe.
