Filmkritik

Remember

| Marietta Steinhart |
Ziemlich triviale und taktlose Rachefantasie

Was trennt die Wahrheit von einer Lüge, die so viele Male wiederholt worden ist, dass sie untrennbar in das Gewebe des Unbewussten geflochten ist? Diese Frage hallt durch das Werk von Atom Egoyan (The Sweet Hereafter), aber der kanadische Regisseur macht erstaunlich wenig damit in seinem neuen Film, einer abstrusen und bieder inszenierten Kolportage.

Der KZ-Überlebende Zev Guttman, gespielt von einem großartigen Christopher Plummer, leidet an Demenz und lebt in einem New Yorker Altersheim in einem häufigen Zustand der Verwirrung. Da wird er von einem Leidensgenossen damit beauftragt, ihren ehemaligen Peiniger zu jagen, denn der verbringt seinen Ruhestand irgendwo in Nordamerika unter dem falschen Namen Rudy Kurlander.

Ein gutes Leben zu führen ist die beste Rache, so sagt man, aber das eignet sich nicht besonders für einen guten Film und so schicken Egoyan und sein Autor Benjamin August den 86-jährigen Schauspieler wie eine Art senilen Liam Neeson auf eine wahnsinnige Suche nach dem richtigen Herren, denn es gibt vier Rudys, die in Frage kommen. Von Beginn an stellt sich die Frage der Plausibilität. „Du bist der Einzige, der immer noch das Gesicht des Monsters erkennen kann”, erklärt Zevs Freund. Das ist unwahrscheinlich, denn jeden Morgen muss der 90-Jährige einen Brief lesen, weil er vergessen hat, wer er ist. Merkwürdig ist auch mit welch Leichtigkeit er aus dem Pflegeheim schlüpft und dass er ohne Probleme eine Glock kaufen kann (eine österreichische Pistole wohl gemerkt, betont der Verkäufer – und keine deutsche). Ein Neo-Nazi, der einen deutschen Schäferhund namens Eva besitzt und Zev, einem Fremden, ohne weiteres die NS-Sammlung seines verstorbenen Vaters zeigt, ist nur eines von vielen Dingen, die plump und reißerisch daherkommen. In den letzten 60 Sekunden wird dann alles auch für die dunkelste Birne im Publikum erklärt in einem Film, der optisch aussieht wie ein gut gemachter Fernsehkrimi mit einer penetranten Tonspur. Einige erstrangige Schauspieler wie Martin Landau, Bruno Ganz und Jürgen Prochnow treten hier auf, aber sie haben frustrierend wenig zu tun – im Gegensatz zu Plummer, der Überstunden schiebt. Remember liegt irgendwo zwischen einem Holocaust-Drama, einem Rache-Thriller wie Taken und Memento und einer unbeabsichtigten Parodie der beiden. Der Verlust der Erinnerung eines Überlebenden des Holocausts ist so provokativ, und ambivalent, und mit so argen Paradoxien und elender Ironie gefüllt, dass es mit Sicherheit einen besseren Film verdient.