Die österreichische Branche ist von den Ergebnissen einer Studie zur Lebensrealität der Filmschaffenden geschockt. Bei einem Runden Tisch mit „ray“ wurden konkrete Lösungsvorschläge diskutiert.
Anlässlich der im März präsentierten Studie über die Lebensrealität der österreichischen Filmbranche (siehe „ray“04/16) trafen sich kürzlich fünf Vertreterinnen und Vertreter der VdFS (Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden) und des Dachverbandes der Filmschaffenden, um die wichtigsten Problembereiche noch einmal zu analysieren und konkrete Lösungsvorschläge für das Arbeitsrecht oder die Standortförderung aufzuzeigen. In einem Round-Table-Gespräch machten sich Fabian Eder (Kamera, Regie), Astrid Heubrandtner-Verschuur (Kamera, Regie), Michael Kreihsl (Buch, Regie), Michaela Payer (Maskenbildnerin) und Florian Reichmann (Szenenbildner) unter anderem Gedanken darüber, wie die Einführung eines Zeitkontos die Lage vieler Filmschaffender verbessern könnte und warum etwa in England und Irland in der Branche Vollbeschäftigung herrscht.
Fabian Eder Es hat jeder von uns gewusst, dass es nicht gut um die Lebensbedingungen in der Branche bestellt ist, aber so drastisch hat es sich auch keiner vorgestellt. Zum Glück gibt es jetzt einmal konkrete Zahlen, mit denen wir argumentieren können. Ein ganz wichtiger Ansatz zu einer Verbesserung ist sicherlich der Kollektivvertrag, der in einem beklagenswerten Zustand ist – gerade im Vergleich etwa zu Deutschland.
Michaela Payer In unserem Nachbarland ist zum Beispiel das Arbeitszeitkonto im Kollektivvertrag verankert, das heißt ganz einfach, dass Überstunden, die ja sowieso vorgesehen sind, zu längeren Versicherungszeiten führen, nicht wie in Österreich, wo einfach die Dauer der Beschäftigung herangezogen wird. Wenn man wie üblich 60 Stunden die Woche arbeitet, fallen in Österreich die 20 Stunden mehr versicherungstechnisch einfach unter den Tisch, in Deutschland werden sie berücksichtigt, das sind immerhin 50 Prozent mehr Versicherungszeiten für den Arbeitslosen- oder den Pensionsanspruch.
Florian Reichmann Abgesehen davon, dass der Kollektivvertrag in vielen Fällen nicht einmal eingehalten wird, bildet er unsere Arbeitsrealität überhaupt nicht ab. Das liegt daran, dass die verhandelnden Gewerkschaften keinerlei Expertise für die Filmbranche hatten, überhaupt nicht wussten, wie ein Filmset funktioniert. Dazu muss man sagen, dass das ja nicht böswillig passiert ist. Der Vertrag stammt noch aus einer ganz anderen Zeit und wurde an Tätigkeiten, die sich doch erheblich von unseren unterscheiden, angelehnt. Wir passen halt in keines der standardisierten Berufsschemata hinein.
Fabian Eder Deshalb ist das auch eine unserer zentralen Forderungen, dass Filmemachen in all seinen unterschiedlichen Facetten vom Gesetzgeber endlich als eigene Branche wahrgenommen wird. Wir gehören nicht zu den Druckern oder zum Pflegepersonal oder zum Fremdenverkehr, wir üben einen eigenständigen Beruf aus, der hinsichtlich Sozialversicherung, Kollektivvertrag etc. besondere Lösungen und eigene Richtlinien braucht.
Michael Kreihsl Gerade Regisseure werden sehr hoch besteuert, weil sie in kurzer Zeit viel verdienen. Dass sie dann oft drei, vier Jahre lang davon leben müssen, weil es so lange bis zu ihrem nächsten Film dauert, ist eine andere Frage, aber das passiert natürlich in vielen anderen Berufen auch. Wenn man zusätzlich noch das Drehbuch schreibt, ist man doppelt benachteiligt: Als angestellter Regisseur (das ist verpflichtend) fällt man unter die ASVG und als Autor unter die SVA, man hat dann zwei Pensionskonten, die zu einem zusammengeführt werden. Man zahlt also zweimal ein und bekommt nur einmal etwas heraus. Wenn man zum Beispiel 20 Jahre als Regisseur bei mittlerem Verdienst arbeitet, was selten genug ist, kriegt man dann 841 Euro Pension, was unterhalb der Mindestsicherung liegt. Da stellt sich dann schon die Frage, ob dieses System überhaupt tragbar ist.
Florian Reichmann Das System funktioniert wie ein tropfender Wasserhahn, wo unten die Filmschaffenden warten, dass etwas herunterkommt und kräftig um die Verteilung dieser Tropfen streiten. Die einfachste Lösung wäre es, den Wasserhahn aufzudrehen, dann gäbe es für alle genug. Man könnte sagen: Es ist kein Druck in der Leitung, aber die Film- und Medienwirtschaft boomt, international gesehen. Wir sind nicht in ein Orchideenfach gegangen, wo kein Geld zu holen ist, sondern der Wasserhahn ist einfach von der Politik auf tropfend gestellt worden. Das liegt an einer nachteiligen Standortpolitik. Was im Vergleich zu den Nachbarstaaten zum Beispiel fehlt, ist ein vernünftiges Fördermodell für Koproduktionen. Ungarn hat schon lange die 20-Prozent-Tax-Refund-Regel, die jetzt auch die Slowakei kopieren will. Das würde eine große Bedrohung für ostösterreichische Produktionen bedeuten, weil man von der Slowakei aus in einer Stunde Fahrzeit sehr viele niederösterreichische Motive abdecken kann. Südtirol boomt ebenfalls, was allein der Diagonale-Eröffnungsfilm beweist: Maikäfer flieg ist eigentlich vom Stoff und den maßgeblichen Beteiligten wie Regie, Buch, Kamera, Ausstattung und Schauspieler her rein österreichisch, wurde aber zu 80 Prozent in Südtirol gedreht. Da werden die Fördertröpfchen mühsam aufgesammelt, um dann in Südtirol ausgegeben zu werden.
Fabian Eder Wenn man jetzt sagt: „Aber Österreich ist ein zu kleiner Markt“, dann muss man nur über die Grenzen schauen, zum Beispiel ins Ruhrgebiet, wo eine Region lange vom Bergbau gelebt hat. Dort hat man dann beschlossen, Düsseldorf und Köln zu Städten mit einer starken Medienindustrie zu machen, da war ein politischer Wille dahinter. Und das hat im Lauf der Zeit dann auch funktioniert.
Michaela Payer Ich glaube aber nicht, dass das die sozialen Lage der oder des Einzelnen sehr verbessern würde. Es gibt im Moment viele auch namhafte Filmschaffende, die in prekären Verhältnissen mit minimalen Pensionsansprüchen leben, das würde sich auch nicht radikal ändern, wenn jetzt einfach ein bisschen mehr gedreht würde.
Michael Kreihsl Wir brauchen vor allem auch kontinuierliche Arbeitsmöglichkeiten für möglichst viele Filmschaffende. In den Achtzigern bis hinein in die neunziger Jahre hat der ORF diese Aufgabe ganz gut wahrgenommen. Leute, die jetzt weltberühmt sind, haben ihr Handwerk teilweise damals gelernt. Wir hinterlassen mit unseren Werken auch ein Image von Österreich im Ausland, das muss man ebenfalls berücksichtigen. Ich kenne Finnland z.B. fast nur aus Kaurismäki-Filmen, und viele Deutsche wollen einmal nach Österreich fahren, weil sie Wien oder von mir aus auch das Schlosshotel Orth in einem Film gesehen haben. Wir werden nichts bekommen, nur weil wir so lieb sind. Man muss durchaus mit Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen versuchen, unsere Interessen auch beim ORF durchzusetzen. Für den nationalen und internationalen Output, den der österreichische Film in den letzten 15 Jahren hatte, können wir durchaus auch etwas verlangen, nämlich ganz einfach, dass wir gerecht behandelt werden, was etwa die Sozialversicherung betrifft.
Fabian Eder Derzeit ist vieles nur mit Selbstausbeutung überhaupt möglich, nur ein Beispiel dazu: Bei der diesjährigen Diagonale hat ein erwachsener Filmemacher zum wiederholten Male einen Preis gewonnen und seinem Vater dafür gedankt, dass er ihm das ermöglicht hat. Das sagt doch einiges aus.
Michael Kreihsl Vor vielen Jahren haben wir beim Finanzministerium für die Autoren durchgesetzt, dass ihr Honorar im Rahmen der Stoffentwicklung (nicht Projektentwicklung) beim Österrreichischen Filminstitut steuerfrei ist. Das war wirklich ein eklatanter Fortschritt, die Basisarbeit, die Ressource des Filmemachens zu stärken. In dieser Richtung müssen wir für alle weiter arbeiten.
Fabian Eder Das Bundeskanzleramt ist immer unsere wichtigste Anlaufstelle gewesen, da passiert auch jetzt recht viel. Dort hat man zumindest Verständnis für unsere Anliegen, dort versuchen wir auch Druck auszuüben, im Sozial- oder Wirtschaftsministerium ist es schon schwierig genug, erst mal überhaupt einen Termin zu bekommen.
Astrid Heubrandtner-Verschuur Die Filmbranche ist natürlich auch etwas zersplittert, jede Gruppe vertritt eigene Interessen, auch wenn alle natürlich letztendlich im selben Boot sitzen. Aber je prekärer die Situation wird, umso eher versucht man, die eigene Haut zu retten, die ureigenen Interessen als Kamerafrau, Beleuchter oder Schauspieler durchzusetzen. Die Produzenten sind noch am besten organisiert, auch weil sie die Fördergelder verwalten, während alle anderen von ihnen angestellt oder bezahlt werden. Etwas homogener aufzutreten, den Dachverband zu stärken, würde auf jeden Fall sehr helfen.
Michael Kreihsl Letztendlich ist es eine Frage des politischen Willens. Bei den Premieren ist die Politik ja schon zunehmend anwesend – das war nicht immer so. Film hat einen Stellenwert in der öffentlichen Wahrnehmung. Aber daran muss man arbeiten, dass es so bleibt. Dann wird man auch die notwendige Überzeugungskraft entwickeln. Unser Vorbild muss wohl Frankreich sein, wo Film ganz einfach in der gesamten Öffentlichkeit viel angesehener ist, auch bei den Politikern und Wirtschaftstreibenden. Deshalb sind dort die Lebens- und Arbeitsbedingungen viel besser als hierzulande, angefangen vom Urheberrecht bis hin zur Sozialversicherung und zur Pension. Das ist aber über Jahrzehnte gewachsen.
Florian Reichmann In England und Irland herrscht im Filmbereich absolute Vollbeschäftigung, amerikanische Firmen machen wegen der bis zu 30-prozentigen Steuerförderung in London oder Dublin Büros auf und beschäftigen einheimische Fachkräfte, die kennen die hierzulande übliche Diskontinuität nicht. Dort sagen sie auch: „We work in the industries“, das ist ein ganz anderes Selbstverständnis als bei uns, wo niemand sagen würde, er arbeitet in der Filmindustrie. Und ich bin überzeugt, dass es auch in Sachen Lebensbedingungen allgemein – Stichwort: Vereinbarkeit von Beruf und Familie – viel besser ist, wenn Vollbeschäftigung herrscht, weil man eher Jobs nach seinen Bedürfnissen aussuchen kann und nicht jedes Angebot annehmen muss, um zu überleben.
