Steven Spielberg über künstlerische Freiheit, die Liebe zu Computerspielen und über seine Home Movies.
Interview ~Dieter Oßwald
Mister Spielberg, Ihre kleine Heldin in „BFG“ hat Angst vor den Riesen. Welche Ängste hatten Sie in Ihrer Kindheit einst geplagt?
Ich war mein eigenes Monster. Ich hatte Angst vor allem, denn meine Vorstellungsvermögen war enorm. Da konnte sich jeder Stuhl ganz schnell in eine Spinne verwandeln. Ich erinnere mich noch daran, wie ich als Fünfjähriger in den Himmel schaute. Aus einer Wolke wurde ein schöner Schwan und daraus plötzlich ein Saurier. Und ich rannte schreiend nach Hause. Ich hatte wirklich eine hyperaktive Phantasie.
Mit welchen Gefühlen haben Ihre Eltern das phantasievolle Kind begleitet?
Für meine Eltern wurde meine Phantasie tatsächlich zu einem Problem. Das ging so weit, dass sie einmal ernsthaft überlegten, mich ärztlich untersuchen zu lassen. Schließlich habe ich ständig Dinge gesehen, die es gar nicht gab und die nur für mich existierten. Mein Vater und meine Mutter glaubten, ich hätte ein paar große mentale Probleme. Die hatte ich vermutlich auch – aber es ermöglichte mir eine große Karriere!
Wie wichtig ist es für Sie, sein inneres Kind zu behalten?
Das Faszinierende an Kindern liegt darin, dass sie einfach existieren. Wenn sie klein sind, wissen sie nicht, was richtig oder falsch ist – das spielt für sie keine Rolle. Das sind die Jahre der kompletten Freiheit, die damit enden, dass sich irgendwann das Gehirn einschaltet und vorgibt, wie man sich verhalten soll. Ich erinnere mich noch gut an diese Zeit.
Bringt einen die Magie des Kinos zurück in diese Zeit?
Absolut. Das Kino bietet die Möglichkeit, solche Erinnerungen aus der Kindheit in uns wachzurufen. Solche Gefühle kann man in sich wachrufen, in dem man seine eigenen Kinder einmal genauer beobachtet. Oder indem man sich einen Film anschaut, der einen daran erinnert, wie es damals als Kind gewesen ist. Ich habe in meiner Karriere sehr oft mit Kindern gearbeitet. Für mich ist das immer eine wunderbare Erfahrung, weil Kinder einfach wahrhaftig sind.
Welchen Einfluss haben Videogames auf den Filmgeschmack von Jugendlichen?
Der Einfluss scheint mir gering. Auch Kids, die gerne Videogames spielen, werden sich mit Vergnügen einen Film wie BFG anschauen. Ich selbst war schon immer ein großer Fan von Videogames und spiele sie bis heute noch leidenschaftlich gerne. Von „Assassin‘s Creed“ über „Block Ops“ bis „Call of Duty“ habe ich alle Level gespielt. Früher hatte ich einige Jahre selbst eine Firma, die Videogames entwickelt.
Was ist für Sie das Besondere an diesem Film?
Ich habe noch nie Märchen verfilmt, BFG bedeutet damit für mich ein ganz neues Genre. Bei einem historischen Film wie Amistad, Lincoln oder Schindler’s List kommt es auf die Fakten an, da fühle ich mich wie ein Journalist mit der Kamera und muss meine Phantasie unterdrücken. Im Unterschied dazu kann ich hier meiner Vorstellungskraft völlig freien Lauf lassen, nicht umsonst haben wir beim Dreh uns häufig über unsere Träume unterhalten. Ich habe etliche Filme gemacht, bei denen ich meine Vorstellungskraft unterdrücken musste und kenne dieses Hunger-nach-Phantasie-Gefühl sehr gut. Dieses Gefühl war dieses Mal besonders groß, weswegen ich sehr dankbar war für ein Projekt wie BFG, bei dem ich alles erfinden konnte, was ich wollte. In gewisser Weise hat mich dieser Film zu meinen Wurzeln zurückgebracht.
Wollten Sie diesen Film nicht schon 1993 machen? Warum hat es so lange gedauert?
Das war die Idee meiner Partnerin Kathy Kennedy, die die Filmrechte von Roald Dahl erworben hatte und Melissa Mathison mit dem Drehbuch beauftragte. Wir drei hatten ja bereits gemeinsam an E.T. gearbeitet. Danach habe ich mich allerdings um meine eigenen Filme gekümmert und wusste gar nichts von diesem Plan zu BFG. Erst als Kathy später damit zu DreamWorks kam, erfuhr ich davon. Nachdem ich die ersten Drehbuchentwürfe gelesen hatte, sagte ich zu meiner Frau: „Diesen Film muss ich drehen! Ich weiß gar nicht genau weshalb, aber ich muss dieses Projekt unbedingt machen.“
Wie hat sich Ihre Liebe zum Kino entwickelt?
Als Kind habe ich mich in die Filme von Walt Disney verliebt. Später auf dem College habe ich Truffaut entdeckt und war begeistert. Das französische Kino hatte für mich schon immer eine große Bedeutung, den Brüdern Lumière verdanken wir schließlich die Geburtsstunde des Films. In Amerika wird gerne behauptet, wir hätten das Kino erfunden. Tatsächlich jedoch ist Frankreich das Land, in dem alles begann.
Sie feiern im Dezember Ihren 70. Geburtstag. Was haben Sie, nach Ihrer Meinung, in Ihrer Karriere erreicht?
Was ich in meiner Karriere erreicht habe? Ganz einfach: Das Recht, selbst über meine Projekte entscheiden zu können. Das war für mich immer das einzige Ziel: Ich wollte meine Geschichten erzählen, ohne dass mir jemand dreinredet. Aus genau diesem Grund habe ich mein eigenes Studio gegründet. Künstlerische Freiheit bedeutet mir alles.
Gilt künstlerische Freiheit nicht als ziemliches Luxusgut in der Traumfabrik?
Das stimmt, viele Regisseur beklagen, dass irgendwelche Manager oder Gremien letztlich über ihre Filme entscheiden. Alle Filmemacher träumen davon, ihre eigenen Vorstellungen ohne Einmischung umzusetzen. Als Student ist jeder glücklich, wenn er später überhaupt einen Job bekommt. Da dreht man auch gerne Werbung oder kleine Videoprojekte. Wenn man allerdings den ersten Film gemacht hat und erlebt, wie die Zuschauer reagieren, dann wird man gierig. Und möchte fortan nur noch sein eigenes Ding machen.
Ist das Filmemachen für junge Regisseur heute einfacher als zu Ihrer Zeit?
Für junge Regisseure ist es heute einfacher als je zuvor, einen Job zu bekommen. Der Bedarf nach filmischen Inhalten in den verschiedenen Medien ist enorm. Andrerseits ist es heute schwieriger, unabhängig zu sein. Es sei denn, man findet Leute für die Finanzierung, die einem völlig vertrauen und die einem die künstlerische Freiheit lassen.
Dem Kino stehen schwere Zeiten bevor, sagen etliche Experten. Netflix und Co würden den Tod vieler Lichtspielhäuser bedeuten. Wie sehen Sie die Lage?
Wir Menschen sind soziale Wesen, die gerne zusammen etwas tun. Es wird bei den Formen, wie man Filme schaut, sicher viele Konkurrenten geben – aber das gemeinsame Erleben in einem Kinosaal bleibt einzigartig. In den frühen 50er Jahren hat das Fernsehen das Kino bedroht. Heute sind die sozialen Medien unserer Rivalen. Dennoch führt an einer gemeinschaftlichen Erfahrung kein Weg vorbei. Schauen Sie nur, wie viele neue Kinos derzeit in China entstehen: Das sind einige Tausend in jedem Jahr. Das ist doch grandios!
Was halten Sie von neuen Verwertungsformen wie „Screening Room“, bei denen gleichzeitig zum Kinostart die Filme bereits online verfügbar sind?
Es gibt noch keine verlässlichen Daten für ein Pro oder Kontra bei diesem Modell sprechen. Es gibt viele mittlere und kleinere Filme, für die das Publikum einfach nicht ins Kino geht, sondern abwartet, bis es sie es zu Hause sehen kann. Das gilt zum Beispiel auch für Bridge of Spies. Den hätten sich einige sicher angeschaut, wenn er sofort für sie verfügbar gewesen wären. Ins Kino wären sie dafür jedoch nicht gegangen. In den US-Kinos hat Bridge of Spies rund 73 Millionen Dollar eingespielt, mit der zusätzlichen Verwertung „Screening Room“ hätten es vielleicht 100 Millionen Dollar werden können. Aber ich weiß nicht, ob das Modell tatsächlich funktioniert – das muss man abwarten.
Den meisten Leuten dürfte beim Namen Spielberg sofort eine Filmszene einfallen. Was wäre Ihre persönliche Lieblingsszene aus all Ihren Werken?
Solch eine Lieblingsszene habe ich nicht. Ebenso wenig erkläre ich, was mir persönlich der liebste meiner Filme ist. Am meisten erreicht habe ich ganz sicher mit Schindler’s List, dieser Film hatte auch lange danach noch eine enorme Wirkung. Daraus ging meine Stiftung der Shoah Foundation hervor, die Schilderungen von über zweitausend Überlebenden des Holocaust aufgenommen und archiviert hat, um sie nachfolgenden Generationen zugänglich zu machen. Dieser Film hat viel erreicht in Sachen Toleranz und der Sensibilisierung für die Gefahren von Hass und Genozid.
Wie schwierig war es für Sie, nach „Schindler’s List“ einen nächsten Film zu machen?
Nach Schindler’s List hatte ich kein Bedürfnis, einen weiteren Film zu drehen und habe eine Pause von drei Jahren eingelegt. Das ist mir zuvor noch nie passiert. Aber ich musste zunächst mit dem Trauma, den dieser Film für mich bedeutet hatte, zurechtkommen. Gleichzeitig aber auch mit der Freude, die sich durch die erfolgreiche Gründung der Shoah Foundation eingestellt hatte.
Wie hat sich für Sie die Arbeit als Regisseur verändert?
Filmemachen ist rein körperlich gesehen eine sehr anstrengende und ermüdende Arbeit – für mich ist das der härteste Job der Welt! Gleichzeitig ist mein Appetit immer mehr gewachsen und nicht kleiner geworden. Je mehr ich arbeite, desto mehr möchte ich arbeiten.
Mit welchen Gefühlen sehen Sie Ihre frühen Filme? Werden Sie nostalgisch, wenn Sie „Duel“ zufällig im Fernsehen sehen?
Ich habe Duel sehr, sehr lange nicht mehr gesehen, und zwar mit Absicht und nicht aus Zufall. Ich schaue mir meine Filme nur an, wenn eines meiner Kinder ihn sehen möche. Ich habe E.T. sieben Mal gesehen, weil jedes unserer sieben Kinder ihn anschauen wollte. Inzwischen kamen noch zwei weitere Vorführungen hinzu für die beiden Enkel.
Ist „E.T.“ der Lieblingsfilm Ihrer Kinder?
Unsere Kinder mögen E.T. und die Indiana-Jones-Filme. Aber vor allem lieben sie Hook – das ist schon verrückt.
Welcher Film hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?
Am meisten Spaß hat mir E.T. gemacht, denn dabei entdeckte ich zum ersten Mal die Lust, Vater zu werden. Drei Jahre später ist das auch gelungen mit der Geburt meines ersten Sohnes. E.T. hat mich also inspiriert, Kinder zu bekommen.
Wie weit inspirieren Sie Ihre Kinder für Ihre Filme?
Es ist nicht so, dass die Phantasie meiner Kinder mich unmittelbar zu einem Film inspiriert hätte. Durch das Erleben, wie sie größer werden, habe ich allerdings sehr viel über mich selbst gelernt. Durch meine Kinder bekam ich das Gefühl, relevant zu bleiben. Durch sie erfahre ich, was aktuell passiert und angesagt ist. Ob in den sozialen Medien, in der Musik oder auch im Kino. Wenn meine Kinder mir einen Film empfehlen, schaue ich mir den sofort an – und in den meisten Fällen haben sie recht.
Welchen Ihrer Filme finden Sie nicht ganz so gelungen, wie Sie es sich vorgestellt hatten?
Das sage ich lieber nicht, denn mit solch einer Aussage würde ich doch alle jene Zuschauer enttäuschen, die gerade diesen Film lieben, mit dem ich persönlich nicht zufrieden bin. Früher habe ich solche Dinge bisweilen geäußert, aber das mache ich schon lange nicht mehr.
Drehen Sie eigentlich auch für ganz private Zwecke Filme, im Urlaub oder zu Weihnachten?
Ja, ich habe meine Videokamera ständig bei mir. Und es ist schon eine Tradition, dass es zu Weihnachten immer einen gemeinsamen Film unserer Familie gibt, der eine Stunde lang dauert. Ich schneide dazu meine eigenen Aufnahmen des vergangenen Jahres sowie die Videos unserer Kinder zusammen – natürlich gibt es dazu auch Spezialeffekte und Musik. Diesen Film schauen wir uns dann alle zusammen an und jeder bekommt anschließend eine DVD davon.
