Typisch Ebensee?

| Roman Scheiber |

Notizen zu einer Begegnung mit Sebastian Brameshuber anlässlich seines Dokumentarfilms „Und in der Mitte, da sind wir“.

Treffen vormittags im Gelben Krokodil, dem inoffiziellen Zentrum des Crossing Europe Festivals in Linz. Sebastian Brameshuber wirkt noch recht angeschlagen von der vorigen Partynacht. Ein Geruch von Kater macht sich breit. Sein Film Und in der Mitte, da sind wir ist im Rahmen der Austrian Screenings gelaufen, nachdem er schon im Forum der Berlinale und bei der Grazer Diagonale zu sehen war. Angestoßen wurde das Projekt durch einen Vorfall im Mai 2009, als ortsansässige Jugendliche die alljährliche KZ-Befreiungsfeier im oberösterreichischen Ebensee störten: Besucher wurden mit Softguns beschossen und mit Naziparolen beschimpft. „Typisch Ebensee, war mein erster Gedanke“, sagt der aus Gmunden stammende Brameshuber, „weil es diese gegenseitige Geringschätzung gibt zwischen Ebensee und Gmunden. Aber dann habe ich den eigenen Reflex zu hinterfragen begonnen, darüber nachgedacht und bin dann auch zu den Prozessen ins Landesgericht Wels gefahren.“ Nicht der Vorfall an sich, für den die jugendlichen Täter später wegen Wiederbetätigung verurteilt wurden, weckte sein Interesse, „sondern welche Schatten das auf die Menschen dort wirft“.

Schon bald erweiterte der 1981 in eine bürgerliche Großfamilie geborene Filmemacher, der 2009 mit seinem Dokumentarfilmdebüt Muezzin Aufsehen erregt hatte, die Fragestellung. Was geht in Jugendlichen vor, die von klein auf mit einer Tabu-Geschichte aufwachsen, über die viele nicht sprechen wollen? Oder die erfahren, dass ihre Wohnsiedlung auf einem ehemaligen KZ-Gelände gebaut wurde? Die einerseits mit der Langeweile in einer provinztypischen Lebenswelt zu kämpfen haben, andererseits immer wieder – und natürlich verstärkt nach so einem Vorfall – mit Vorwürfen des Neonazitums konfrontiert werden? Brameshuber titulierte sich zunächst als Traunkirchner – Gmundner seien in Ebensee als „Großkopferte“ nicht gut angeschrieben – castete 50 Schüler und suchte sich drei davon aus, die er ein Jahr lang auf Augenhöhe beim Älterwerden begleitete. Ein vierter kam im Verlauf der Dreharbeiten dazu. Jeweils eine Woche, bevor er wieder auf Besuch kam, informierte sich der Filmemacher bei seinen Protagonisten, was sich gerade so abspielte. Er filmte bei der Gedenkfeier, bei oft ins Leere gehenden familiären Aufarbeitungs- und Ermunterungsgesprächen, ging mit den Jugendlichen an „ihre“ Orte, aber auch zum Beispiel aufs Arbeitsamt, „sperrte sie in einen streng kadrierten Rahmen, um der schwer berechenbaren jugendlichen Energie etwas entgegenzuhalten“ (Brameshuber) und schnitt am Ende insgesamt viel herum, aber wenig bei den Interviewaufnahmen.

Das Ergebnis in den Worten des Presseheftes: „Mit nüchternem Blick und klaren Bildern zeichnet Und in der Mitte, da sind wir ein unromantisches Porträt einer Generation, die zwischen Brauchtum und McDonalds, zwischen vorgestern und übermorgen versucht, ihren Weg zu finden. Ein intimes Stück Zeitgeschichte.“ Das kommt hin, man könnte noch ergänzen: das Porträt einer Generation, die zum Stellung Beziehen und zum Entscheiden gedrängt wird, obwohl sie ungern Stellung bezieht und noch weniger gern Entscheidungen trifft. Die Suchbewegungen der jungen Menschen werden gut sichtbar in diesem Film, weil er sich eben viel Zeit für sie nimmt. Mit 15, 16 sind sie „auf halber Strecke zwischen Kindheit und Erwachsensein“, also in einem Alter, in dem die Schulzeit allmählich zu Ende geht und Lebensentscheidungen unumgänglich werden, obwohl die Schüler selbst sich noch in starken Veränderungsprozessen befinden. Deutlich wird das vor allem an einem Burschen, der unter dem Einfluss eines älteren, selbst auch nicht gerade gefestigt wirkenden Kumpels vom Michael-Jackson-Imitator zum nihilistischen Punk wird.

Die im Zusammenhang mit Wiederbetätigungsverdacht gern bemühte Dichotomie zwischen „Lausbubenstreich“ (also das Abtun als Unreife-Aktion) und „Neonazitum“ (also das Abdrängen an den politischen Rand) bricht Brameshuber durch seinen Film geschickt auf. Sein Antrieb und Credo bei der Arbeit war, „Geschichtsschreibung zu verkomplizieren“, denn deren Vereinfachung in Mainstream-Ideologien und das „Genug haben vom Erinnern und Gedenken“ finde man sogar innerhalb der kulturellen Eliten. Nicht darum war es ihm gegangen, „aus Kalkül einen Nazifilm“ zu machen, der sich gut in seiner Filmografie machen würde, sondern darum, „einem müde gewordenen Diskurs neue Facetten abzugewinnen“. Und so ist nicht nur die vernachlässigte Mitte zwischen der Bezirkshauptstadt Gmunden und dem Sommerfrische-Zentrum Bad Ischl mit dem Titel seines Films gemeint, nicht nur die hormongeschwängerte Mitte zwischen klein und groß namens Jugend, nicht nur die Mitte zwischen Anspruch und Wirklichkeit, sondern vor allem auch die Mitte der Gesellschaft, in der ganz normale Jugendliche aufwachsen. Die Dinge, so zeigen es Wählerumfragen und auf unaufgeregte Weise auch Brameshubers Film, liegen nämlich nicht bloß am rechten Rand im Argen.