Maggie’s Plan

Wo die Liebe hinfällt

| Pamela Jahn |
Der sympathischen Alleskönnerin Rebecca Miller ist mit „Maggie’s Plan“ eine amüsante Srewball-Komödie über die Unberechenbarkeiten des Lebens gelungen.

Maggie (Greta Gerwig) weiß, was sie will – und sie will es jetzt. Ein Kind soll her und da der Mann dazu fehlt und eigentlich auch gar nicht erwünscht ist, beschließt die ungebundene Mittdreißigerin, dem offensichtlichen Mangel an Testosteron in ihrem Leben mit gespendeten Spermien abzuhelfen. Aber auch bei der künstlichen Befruchtung will Maggie lieber nichts dem Zufall überlassen und so engagiert sie als Samenspender einen ehemaligen Klassenkameraden, der sich zu Schulzeiten als Mathematik-Genie erwies und heute sein Geschäft lieber mit sauren Gurken macht. Als sie im gleichen Moment auf den in seiner Ehe gescheiterten Anthropologie-Professor und Möchtegern-Romancier John (Ethan Hawke) trifft, scheint Maggies durchkalkulierter Lebensplan plötzlich doch schneller aufzugehen als erwartet. Ehe man es sich versieht, sind Maggie und John ein Paar und das gemeinsame Töchterchen genießt das harmonisch chaotische Familienleben. Doch in einer so eigenwilligen wie sympathischen Beziehungskomödie wie Maggie’s Plan, die sich scheinbar nahtlos dem aktuellen Trend eines modernen New-York-Screwball-Surrealismus à la Noah Baumbach anschließt, allerdings in diesem Fall aus der Feder von Rebecca Miller stammt, kommt natürlich nichts so, wie es vielleicht irgendwann einmal angedacht war. Dafür sorgt nicht zuletzt Julianne Moore als herrlich überspannte Georgette, Ex-Gattin von John, die plötzlich merkt, dass Karriere nicht alles ist und sich schließlich mit Maggie verbündet, um ihren Ehemann zurückzugewinnen.

Maggie’s Plan ist nach der wunderbaren Romanverfilmung The Private Lives of Pippa Lee (2009) bereits Rebecca Millers fünfte Regiearbeit, und dass die umtriebige Tochter des berühmten Dramatikers Arthur Miller und der Fotografin Inge Morath längst ihren eigenen Weg gefunden hat, konnte sie seit ihrem gefeierten Debüt mit Angela (1995) nicht nur hinter der Kamera, sondern immer wieder auch als Schriftstellerin und Drehbuchautorin unter Beweis stellen. Ihre ungestüme Leidenschaft fürs Kino entdeckte die heute 53-Jährige kurz nach dem Collegeabschluss in einer Vorstellung von Federico Fellinis La Dolce Vita – ein Erlebnis, das sie, wie sie selbst sagt, seinerzeit eher als verstörend empfand, was sie letztlich jedoch nicht daran hindern sollte, Ende der achtziger Jahre zunächst ein Karriere als Schauspielerin zu starten. Mit Maggie’s Plan legt Miller nun zweifelsohne ihren bisher zugänglichsten Film vor, entstanden aus einer spontanen Idee heraus und gedreht in Greenwich Village, wo sie einst selbst gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Ausnahmeschauspieler Daniel Day-Lewis, drei Kinder großzog. Und wovon der Film neben seinem hervorragenden Darstellerensemble (zu denen neben den bereits erwähnten auch Maya Rudolph und Bill Hader gehören) deshalb vor allem lebt, ist eine in den noch so flüchtigsten Momenten verborgene Gewissheit über die Unberechenbarkeiten des Lebens sowie die möglichen Nuancen des Glücks, die damit stets einhergehen – egal ob einsam, zweisam oder dreisam.

Mrs Miller, Ihre Hauptdarstellerin Maggie ist nicht nur mit sich selbst beschäftigt, sondern auch damit, das Leben aller um sie herum zu kontrollieren? Kommt Ihnen das bekannt vor?

Ganz so schlimm wie Maggie bin ich nicht. Ich kann zwar, wenn es darauf ankommt, auch ganz gut sagen, wo es langgeht, um den Leuten auf die Sprünge zu helfen,  ähnlich wie Maggie das tut, aber mit zunehmendem Alter legt sich das. Ich glaube, mittlerweile habe ich meine Lektion gelernt. Natürlich möchte ich auch, dass die Menschen um mich herum immer ihr Bestes geben, das richtige tun  und so glücklich sind, wie sie nur sein können. Aber irgendwann muss man sich eingestehen, dass man darauf in Wirklichkeit wenig Einfluss hat, egal wie sehr man den oder diejenige liebt, denn letztendlich muss jeder sein eigenes Leben leben und eben auch seine eigenen Fehler machen. Das kann man nicht verhindern.

Sie haben zu Beginn Ihrer Karriere einmal gesagt, jede Figur, die Sie als Autorin, ob in Ihren Romanen oder Drehbüchern, ins Leben rufen, sei mehr oder weniger ein Schatten Ihrer eigenen Persönlichkeit. Ist das bis heute so?

Was mich ganz allgemein beim Schreiben an den Figuren fasziniert, sind ihre Anomalien. Und dabei geht es mir ganz konkret vor allem Konflikte, die eine Figur im Inneren mit sich selbst austrägt. So wie Georgette am Anfang sehr kühl, egoistisch und dreist erscheint und erst im Laufe des Films realisiert, dass sie ihr Herz  eigentlich auch am rechten Platz trägt. Und sie obendrein eine große Leidenschaft für ihren Ehemann empfindet, die ihr im Laufe ihre Ehe völlig abging. Es sind Figuren wie diese, die nach außen hin anders erscheinen, als sie tatsächlich sind, die mich am ehesten interessieren. Figuren, die entweder nur gut oder nur böse sind, haben bei mir keinen Platz. Das kann allerdings, was die Finanzierung meiner Filme angeht, bisweilen zum Problem werden, und auch in diesem Fall war die erste Frage wieder: Wie sympathisch ist denn diese Maggie? Und dann wird es schwer, weil Maggie natürlich auf den ersten Blick diejenige ist, die nicht nur die Ehe anderer, sondern am Ende sogar ihre eigene zerstört. Deshalb kommt es extrem aufs Casting an, und ich glaube, niemand hätte Maggie besser spielen können als Greta Gerwig. Diese Mischung aus Intellekt, Kalkül und Naivität, die sie ihrer Figur von Anfang bis Ende verleiht, ist unheimlich schwer umzusetzen.

Maggie’s Plan spielt in der akademischen Welt, was bei modernen Komödien nicht selten der Fall ist. Inwieweit hat das Umfeld die Geschichte beeinflusst, die Sie im Film erzählen?

Worum es mir in erster Linie ging, war, ein hierarchisches System zu schaffen, in dem sich die Figuren bewegen. Eine Welt, in der es Stars und Ikonen gibt, zu denen man aufschaut, und eine Erfolgsleiter, die es zu erklimmen gilt, ganz ähnlich wie das auch in Hollywood der Fall ist, im Bankwesen oder bei der Mafia. Jedes Umfeld hat seine ureigene Dynamik, seine eigenen Hierarchien und eine Frage, die mich immer wieder fasziniert ist, wie Macht sich in bestimmten Systemen bewegt und manifestiert. Und die akademische Welt ist eine, die mir sehr vertraut ist, was den Schreibprozess in der Hinsicht sehr erleichtert hat.

Sie haben sehr berühmte Eltern. Hatten Sie als Kind jemals das Gefühl, dass mehr von Ihnen mehr verlangt wurde? Mit anderen Worten: War der Druck, etwas Besonderes aus ihrem Leben zu machen, für Sie spürbar größer?

Ich bin definitiv jemand, der sehr viel und hart arbeitet, und ich habe wenig übrig für Leute, die nicht immer alles geben. Aber ob das unbedingt auf meine Eltern zurückzuführen ist, weiß ich nicht. So bin ich eben!

Glauben Sie, dass man sein eigenes Leben tatsächlich durchplanen und berechnen kann, ähnlich wie Maggie es unermüdlich versucht? Oder lassen Sie sich persönlich lieber vom Schicksal lenken?

Ich denke, genau darin liegt die Magie des Lebens, dass man es nicht steuern kann. Die Freiheit zu besitzen, eigene Entscheidungen zu treffen und seine Zukunft in bestimmten Situationen selbst zu bestimmen, ist eine Sache. Aber ich bin davon überzeugt, dass es im Leben Dinge gibt, die man persönlich nicht beeinflussen kann. Und viele Menschen sträuben sich dagegen, so wie Maggie, wenn sie sagt, dass sie ihr Schicksal nicht dem Schicksal überlassen will. Nur manchmal geht es einfach nicht anders, und irgendwann bekommt das auch Maggie zu spüren.

Welche Rolle spielt John, Maggies Liebhaber und späterer Ehemann, in ihrem Leben?

John braucht in erster Linie die Aufmerksamkeit und die Anerkennung, die Maggie ihm zuteil werden lässt. Jeder Autor weiß, wie unbezahlbar es ist, dass jemand, dessen Meinung einem wichtig ist, es zu schätzen weiß, was man tut. Gleichzeitig braucht Maggie das Gefühl, gebraucht zu werden.

Ist Ihr Mann eigentlich auch der Erste, der Ihre Drehbücher und Romane zu lesen bekommt?

Nein, der Erste ist er nicht. Ich versuche mittlerweile, mir sein Urteil bis zum Schluss aufzuheben, einfach weil er die verschiedenen Entwürfe nicht wieder und wieder lesen würde. Das heißt, ich gebe ihm lieber nur die Fassung, mit der ich dann auch selbst mehr oder weniger zufrieden bin. Aber das wunderbare an Daniel ist, dass er durch und durch ehrlich ist. Das tut manchmal weh, aber wenn er sagt, dass ihm etwas gefällt, dann weiß man auch, dass er es wirklich so meint.

War es eine bewusste Entscheidung Ihrerseits, diesmal nicht Ihren eigenen Roman zu verfilmen, wie das beispielsweise bei The Private Lifes Of Pippa Lee der Fall war?

Ja, nach Pippa Lee war ich zirka fünf Jahre lang mit meinem neuen Roman „Jacob’s Folly“ beschäftigt. Die Arbeit daran war unheimlich intensiv und ich fühlte mich danach extrem ausgebrannt. Dass ich in dem Moment auf Karens Geschichte stieß, war im Grunde wie ein Geschenk des Himmels.

Das klingt fast so, als wären Sie erleichtert gewesen, von Ihrem eigenen Werk erlöst zu werden?

Ja, irgendwie schon. Einerseits war das Projekt nach der langen Schreibphase eine willkommene Abwechslung, aber andererseits habe ich während der Arbeit daran an auch unheimlich viel gelernt, zumal es sich um eine damals noch unveröffentlichte Geschichte handelte. Im Unterschied zu Pippa Lee war die Handlung, zu dem Zeitpunkt, als mir das Projekt in die Hände fiel, noch nicht völlig ausgereift. Das heißt, um das Drehbuch zu schreiben, musste ich neue Figuren ins Spiel bringen beziehungsweise meinen eigenen roten Faden durch die Erzählung finden. In gewisser Hinsicht ist der Film dadurch vielleicht sogar persönlicher als alles, was ich bisher gemacht habe, weil konkrete Bezüge eher versteckt sind. Und mehr noch: Weil mir der Ton des Films insgesamt, diese irgendwie surreale Screwball-Sicht aufs Leben, viel mehr aus dem Herzen spricht, als die einzelnen Figuren.

Apropos surreal: Könnten Sie sich jetzt, nachdem Sie etwas Abstand gewonnen haben, vielleicht auch eine Leinwandadaption von „Jacob’s Folly“ vorstellen?

Ich habe lange gedacht, dass es unmöglich ist, den Roman zu verfilmen, und ich denke bis heute, dass sich daraus kein Spielfilm formen lässt, einfach weil die Geschichte so unheimlich komplex ist und den zeitlichen Rahmen von zwei Kinostunden maßlos sprengen würde. Also sollte ich jemals den Gedanken weiterspinnen, doch etwas damit machen zu wollen, dann wohl eher als Drama-Serie oder ähnliches.

Wird man Sie in Zukunft auch irgendwann wieder vor der Kamera zu sehen bekommen, oder haben Sie die Schauspielerei tatsächlich für immer an den Nagel gehangen?

Ach wissen Sie, ich würde es tun, wenn ein Freund mich darum bitten und das Ganze nebenan stattfinden würde, ohne dass ich dafür irgendwo hinfliegen müsste oder viel Zeit dabei verloren ginge. Aber ich sehe mich auch nicht mehr als Schauspielerin, das ist lange her und selbst wenn ich eine Cameo-Rolle hier oder da annehmen würde, glaube ich nicht, dass ich das an die große Glocke hängen würde. Dafür habe ich viel zu großen Respekt vor den exzellenten Schauspielern heutzutage – und ich konzentriere mich lieber auf die Dinge, die ich am besten kann.