Die alljährliche „ray“-Sommerkino-Vorschau steht diesmal ganz im Zeichen der elektrisierenden Verbindung von Film und Musik.
Kaum anzunehmen, dass sich die Programmmacher der florierenden Open-Air-Kinoszene abgesprochen haben, aber in diesem Sommer kommen Liebhaber von Musikfilmen aller Art – von Wagner zu Placebo, von Janis Joplin bis zur Band des Films Hotel Rock´n Roll – besonders auf ihre Kosten. Einige Specials widmen sich etwa Filmen mit und über die Rolling Stones oder laden zum aktiven Mittanzen ein. Deshalb springen wir diesmal quer durch die Bundesländer auf der Suche nach dem perfekten filmischen Beat, wobei wir natürlich keinesfalls auf die vielen anderen Kino-Highlights vergessen, wo die Musik zwar auch eine Rolle spielt – welcher Film verlässt sich nicht zumindest teilweise auf die suggestive Kraft der (Film) Musik? – aber nicht im Mittelpunkt der Handlung steht.
Bei den meisten Sommer Open-Air-Locations kann man den Sound schon ordentlich aufdrehen. Das gilt ganz besonders für die Wiener Arena, wo normalerweise die härtere Rockabteilung Stimmung macht, im Sommer neben Konzerten von Patti Smith, Bad Religion oder Robert Plant aber auch Filme das Publikum erfreuen. In der österreichischen Hochburg des Stoner Rock liegt es nur nahe, dass der Dokumentarfilm Lo Sound Desert über die Protagonisten des Wüstensounds wie Queens of the Stone Age oder Kyuss in der Arena seine Österreich-Premiere feiert, natürlich inklusive Live Bands. Das Sommerkino widmet sich wie immer dem Kultkino von heute und gestern. Ein Regisseur wie Alejandro Jodorowsky spaltet mit ungewöhnlichen Werken wie Montana Sacra das Publikum in glühende Anhänger und gähnende Abwinker. So polarisiert hat einst nicht einmal Helmut Qualtinger, dem das heuer – nach einjähriger Pause – wieder stattfindende „Kino wie noch nie“ im wunderbaren Ambiente des Wiener Augartens einen kleinen Schwerpunkt widmet. Diese Ehre teilt sich der geniale Grantler, der auch ein durchaus passabler Sänger war, übrigens mit den großen Überlebenden der Sixties, den Rolling Stones, die in so unterschiedlichen Filmen wie Gimme Shelter, Shine a Light (Konzert einst und jetzt), Sympathy for the Devil (mit Godard im Studio) und Performance (Jagger als Schauspieler) das Publikum vor Ort und vor der Leinwand zum Toben bringen.
Dancing Screen
Das auch bei Touristen beliebte Sommerkino am Wiener Rathausplatz widmet sich ja schon seit Beginn der Musik in all ihren Facetten. Heuer haben Fans von Herbert Grönemeyer, die sein Konzert in der Stadthalle 2015 verpasst haben, die Gelegenheit, den energiegeladenen Bochumer Brüller auf der großen Leinwand zu erleben. Auch andere versäumte Wiener Konzert-Highlights lassen sich so bei freiem Eintritt nachholen, wie etwa der Tribute an Randy Newman im Konzerthaus. Der Trend bei der Programmgestaltung geht eindeutig in Richtung massentauglicher Pop der härteren Sorte, auch wenn die Jazz- und Opern-Fans nach wie vor auf ihre Kosten kommen. Konzertmitschnitte von Iggy Pop oder Placebo werden vielleicht ein neues Publikum anlocken, als Vorfilme werden als Ergänzung einige Male Tanzfilme geboten. Das äußerst sympathische dotdotdot-Kurzfilmfestival widmet unter dem Titel „dotdotdance“ dem Tanzfilm einen Schwerpunkt. „Dance like nobody´s watching“ ist das Motto, es ist sogar ausdrücklich erwünscht, dass die Action sich nicht nur auf der Leinwand, sondern auch davor im idyllischen Innenhof des Volkskundemuseums abspielt.
Publikumspartizipation ist auch ein essenzieller Teil des Konzepts von Villa Valium, die in bewährter Weise alle Abba-Fans dazu einladen, zur Eröffnung des Cinema Paradiso Open Air in St. Pölten die Hits von Mamma Mia möglichst laut mitzusingen. Der Rest des breit gestreuten Programms ist prototypisch für die Erfolgsgeschichte Sommerkino und wird mit leichten Abweichungen von allen Programmkinos Österreichs angeboten, die die Möglichkeit haben, eine Leinwand unter den Sternen aufzubauen: Eine Auswahl der niveauvollsten Blockbuster (nicht immer einfach), dazu natürlich jede Menge Arthouse mit möglichst viel Massenappeal und eine handverlesene Auswahl von Klassikern der Filmgeschichte sollen die Leute dazu bewegen, sieben bis zehn Euro Eintritt zu bezahlen. Ein vielfältiges Gastronomieangebot und musikalische Darbietungen sind vielerorts auch Teil des Sommerkino-Wohlfühlpakets. Neben der Qualität der Filme und dem sozialen Charakter des gemeinsamen Schauens ist auch das Ambiente von barocken Stadtmauern, lauschigen Innenhöfen, Schlössern oder Seen ein Grund für die Popularität der Open-Air-Spektakel.
Tradition, die besteht
Eine der schönsten Locations feiert heuer das 20-jährige Jubiläum: Das Mondscheinkino in Eggenburg lädt zu diesem Anlass zu einem Fest und zeigt 20 Filme an 20 Abenden. Wenn die Dunkelheit hereinbricht und die Fackeln an der mittelalterlichen Stadtmauer angezündet werden, darf man sich hier wohl ganz besonders auf die visuelle Wucht von The Revenant freuen. In ganz Niederösterreich sind in den letzten Jahren, vom Land unterstützt, viele auch kleine Initiativen entstanden, die meist an lauschigen Orten, wo es oft kein Kino mehr gibt, zumindest im Sommer die Fahne der Filmkultur hochhalten. Die Aufzählung all dieser engagierten Kulturtreibenden würde hier den Rahmen sprengen, aber auf der Homepage www.sommerkinoe.at findet man einen gut gemachten Überblick über die Szene mit allen Terminen und Spielorten.
Schon Tradition haben die bewährten Open-Air-Kinos in den Landeshauptstädten Innsbruck (Zeughaus) und Klagenfurt (Burghof), deren Programm – von Leokino/Cinematograph bzw. Volkskino kundig zusammengestellt – immer wieder mit selten gezeigten Perlen der Filmgeschichte, etwa Stummfilmen mit Livemusik am 6. August im Burghof, aufwarten kann. Filme über Musik abseits des Mainstream sind im Kino im Kesselhaus in Krems durch die Zusammenarbeit mit dem Festival Glatt & Verkehrt schon lange ein wichtiger Bestandteil des Programms. Heuer wird zum Beispiel in Song of Lahore ein interessanter Blick in die Musikszene von Pakistans zweitgrößter Stadt zwischen Tradition und Moderne geworfen. Das kurze aber intensive Leben von Janis Joplin wird mit vielen sehr persönlichen Details in Janis – Little Girl Blue beleuchtet, ihr von der Seele kommender Blues sollte ordentlich laut aufgedreht die Backsteinbauten rund um die Leinwand zum Wanken bringen. Ein klassischer Film im Kesselhaus-Kino ist zweifellos Toni Erdmann: Die neue Arbeit von Maren Ade erregte in Cannes ob ihrer schonungslos analytischen und doch warmherzigen Bestandsaufnahme des Lebens im Turbokapitalismus einiges Aufsehen.
Kritik am herrschenden System ist auch das Thema einiger Filme beim Frameout Festival im Wiener Museumsquartier: James Mackay, der Produzent von Lindsay Andersons Meisterwerken If und Oh Lucky Man wird diese noch immer aktuellen Aufschreie gegen die Zwänge des Schulsystems und der Arbeitswelt persönlich vorstellen und natürlich für Fragen zur Verfügung stehen. Österreich-Premieren wie Girl Power der tschechischen Regisseurin Sany, die weltweit Street Art Künstlerinnen bei ihrer abenteuerlichen Arbeit zeigt, und Presenting Princess Shaw, der YouTube-Hit und Gewinner des Publikumspreises beim Festival von Nyon, runden das avancierte Programm ab. Ebenfalls bei freiem Eintritt kann man beim Volxkino Wien an diversen Standorten vor allem in den Außenbezirken Filme genießen, die sich oft direkt an die minoritären Communities der Stadt richten wie z.B. in einer Vorpremiere des neuen Riahi Brothers Werkes Kinders, einer einfühlsamen Beobachtung von Jugendlichen, die an einer kulturübergreifenden Musiktherapie teilnehmen. Die Programmgestalter sind viel zu große Musikliebhaber als dass sie dem geneigten Publikum einen Film wie B-Movie: Lust & Sound in West Berlin 1979 – 1989 vorenthalten könnten, in dem der englische Musiker und Labelbetreiber Mark Reeder an Hand von sensationellen Privataufnahmen die Berliner Szene rund um Blixa Bargeld, Nick Cave, Die tödliche Doris, die Toten Hosen und die Ärzte (noch ganz am Anfang ihrer Karrieren) dokumentiert. Ebenfalls ganz am Beginn ihrer wohl eher kurzen Laufbahn als Band stehen die Hauptdarsteller von Hotel Rock´n Roll, des neuen Films von Michael Ostrowski und Helmut Köpping, der nach Nacktschnecken und Contact High noch ganz klar die Handschrift des verstorbenen Michael Glawogger trägt. Bei der Premiere im Rahmen des Open-Airs im Grazer Lesliehof wird wohl die Hölle los sein, wenn die Herren Ostrowski und Votava nicht nur im Film, sondern auch live auf der Bühne ihre Gitarren würgen.
Party Hard
Ganz zum Geist des Rock’n’Roll à la Iggy Pop oder Velvet Underground passen natürlich auch die Filme Jim Jarmuschs, dem im Wiener „Kino am Dach“ ein Tribute gewidmet ist. Die Kurzfilmsammlung Coffee and Cigarettes kann man wohl getrost als Meilenstein des philosophisch-ironischen Gesprächskinos bezeichnen. Beim Tango wären solche endlosen Schwurbeleien völlig fehl am Platze, hier geht es eher um Hingabe, Leidenschaft und Konzentration. Der Film Ein letzter Tango beschäftigt sich aber nicht nur mit der Musik und dem Tanz, sondern legt an Hand der Lebensgeschichte des berühmtesten Tangopaares Argentiniens offen, wie die Kunst und das Leben sich oft auf tragische Weise ineinander spiegeln. Wie die meisten Filme des abgelaufenen Kinojahres wird auch dieser an diversen Orten gezeigt, so u.a. auch beim Sommerkino in Oberösterreich, das heuer in Linz, Freistadt, Steyr und der Braunsberghütte St. Oswald stattfindet. In diese Umgebung passt natürlich ein Werk wie Holz, Erde, Fleisch perfekt, in dem der Filmemacher und Bauernsohn Sigmund Steiner die vom Untergang bedrohte Arbeit von Kleinbauern in ruhigen Bildern eindrücklich vermittelt.
Einen klaren Österreich Schwerpunkt hat die heurige Ausgabe von „Kino unter Sternen“, das bereits seit 20 Jahren ein sehr anspruchsvolles Programm bietet. Am Wiener Karlsplatz werden viele Filmemacherinnen und -macher mit dem Publikum über ihre Werke diskutieren. Gerade weil im Lauf der Zeit der Blick auf die eigenen Werke notgedrungen ein anderer geworden ist, wird es interessant sein, wie die Regisseure von bahnbrechenden und noch immer aktuellen Filmen wie Operation Spring die Wirkung ihrer Filme beurteilen. Neben vielen frühen Kurzfilmen späterer Meister kann man sich aber auch vom Talent des Filmnachwuchses überzeugen: Paradies, Paradies von Kurdwin Ayub über die tragikkomischen Bemühungen ihres Vaters, eine Wohnung in seiner Heimat Irak zu kaufen, hat schon bei der Diagonale für viel Begeisterung gesorgt.
Neben all den traditionsreichen Spielstätten gibt es aber immer wieder auch neue Sterne am Sommerkino-Himmel. Der engagierte Kulturverein Stilfabrik veranstaltet mit dem „Kino im Wald“ erstmals ein Event auf der Schiwiese in Mannersdorf am Leithagebirge. Nach der Vorführung von Das finstere Tal kann man bei der Party mit den DJ-Kollektiven Stilthvibes und Smokin‘ Basses Entertainment basslastig bis zur Morgenröte feiern. Hoffentlich wird diese Initiative ein Erfolg, damit in Zukunft noch mehr lokale Sommerkinos entstehen, die die Verbindung von Film und Feiern fördern.
