Tanz und Film

Connecting the Dots

| Roman Scheiber |
Ein Wiener Open Air Sommerfestival sucht im Kurzen den Verlängerten und findet exklusiv zu Inklusion.

Ist die Seele exakt zehn Zentimeter groß? Wie lebten und liebten lesbische Frauen im Chicago Mitte des vorigen Jahrhunderts? Wie fühlt es sich an, einem völlig identischen Gegenüber ins Auge zu blicken? Oder ohne Beine zu tanzen? Fragen, die ein internationales Filmfestival im Herzen (eventuell auch in der Hitze) des Wiener Hauptstadtsommers in Form von Kurzfilmen aufwirft, deren Beantwortung in den meisten Fällen freilich dem Publikum überlässt… Drei Punkte am Ende eines Satzes bedeuten Auslassungen und offene Fragen, und so wurde das Open Air Festival „espressofilm“, obwohl das ein wirklich charmanter Name für ein Kurzfilmfestival war, voriges Jahr in „dotdotdot“ umbenannt.

Im Morsealphabet steht dotdotdot für den Buchstaben S wie in short oder short film oder eben short film festival, es wartet auch heuer wieder mit einer anregenden Programmierung auf. Die wesentliche Bedeutung der drei Punkte und sohin quasi das Credo des Festivals liegt nun in der Verlängerung der Filme vom gemeinsamen Sehen zum miteinander über das Gesehene Reden, denn dotdotdot sieht sich nicht zuletzt als Diskursverstärker für Filmkunst (insofern wäre in der Nomenklatur ein Verlängerter passender als ein Espresso).

Rund 200 Kurzfilme in 23 Vorführungen – vom Film für die Kleinsten bis zur ästhetisch riskanten Position – werden gezeigt, Anknüpfungspunkte für Filmgespräche geboten, Workshops veranstaltet und überhaupt wird alles getan, um den Möglichkeitsraum Film auszuloten und auf Echos zu achten. Apropos: Wald der Echos, ein atmosphärisch wirkmächtiger Halbstünder von Maria Luz Olivares Capelle, hat bereits viel Widerhall gefunden (Preise auf der Diagonale und bei VIS Vienna Independent Shorts 2016) und wird als Höhepunkt einer hübschen Kompilation von Filmakademie-Studentenfilmen unter dem Titel „Geheimnisse eines Sommers“ gezeigt. Traumgleich in meditativen Szenen und tableaux vivants vermisst die Regisseurin den Wald als Quartier der Unheimlichkeit, lässt drei Mädchen und eine Jugendliche zauberhafte Episoden um Schönheit, Geschlechtlichkeit, Vergänglichkeit und Wiederkehr ineinanderspielen.

Als Tribut an den international erfolgreichen österreichischen Horrorfilm Ich seh ich seh von Veronika Franz und Severin Fiala gestaltet ist das Programm „You look like me“. Neben Virgil Widrichs Fast-schon-Klassiker Copy Shop (2001), der das Doppelgänger-Motiv auf die Spitze treibt, findet sich hier u.a. die Zeitraffer-Selbstbetrachtung Der Spiegel (2010) und die ästhetisch höchst eigenwillige Stop-Motion-Animation The Separation von Robert Morgan. Die Trennung siamesischer Zwillinge führt in Morgans Horrorminiatur zu einem befremdlichen Albtraum mit entschieden humanistischer Note. Für das anschließende Filmgespräch über Zwillinge und Doppelgänger haben sich Fiala und Widrich (dessen Langfilm-Langzeitprojekt Die Nacht der 1000 Stunden im November startet) angesagt.

„You look like me“ darf als beispielhaft für das Anliegen von dotdotdot gelten, Querverbindungen zwischen kurzer und langer Form, zwischen unterschiedlichen Zugängen zu ähnlichen Motiven freizulegen und sowohl die enorme Bandbreite des zeitgenössischen (Kurz-)Filmschaffens als auch dessen Mut zum Risiko sichtbar zu machen. Ein triologisches Programm etwa widmet sich unter dem Titel „(Re)Collections #1-3“ dem Übriggebliebenen – oft unterbelichtet in der tendenziell immer geschichtsärmeren, medial auf der Stelle durchdrehenden Gegenwart.

Der diesjährige Programm-Schwerpunkt, mit dem das Festival am 5. Juli beginnt und am 26. August schließt, feiert den menschlichen Körper und seine Ausdrucksmöglichkeiten. „Dotdotdance“ will die Gesetze der Schwerkraft aushebeln und nennt sich selbstbewusst das erste temporäre Filmfestival für kontemporären Tanz. Darin finden sich u.a. zwei hochkarätige Tributes: Eines an den belgischen Körperkünstler Wim Vandekeybus, parallel zum Auftritt seiner Compagnie Ultima Vez bei ImPulsTanz, wobei hier auch der Meister selbst tanzt, in Body, Body on the Wall (1997). Das andere an die US-amerikanische Choreografin Victoria Marks und die britische Filmemacherin Margaret Williams, die nach bislang 20-jähriger, mit vielen Preisen bedachter Zusammenarbeit mit der Weltpremiere ihrer jüngsten Arbeit Captiva in Wien höchstpersönlich Station machen. Einige weitere Programme von dotdotdance „verlängern“ quasi das ImPulsTanzfestival auf die Leinwand, besonderen Wert wird dabei und überhaupt bei dotdotdot auf Inklusion gelegt.

Der sogenannte barriereFREItag stellt wie im Vorjahr einen Fixtermin dar, an dem das Programm für Menschen mit eingeschränktem Hör- bzw. Sehvermögen barrierefrei ist. Am Eröffnungsabend sowie an allen gekennzeichneten Freitagen wird das Programm für gehörlose und Menschen mit Hörbehinderungen mit Untertiteln gezeigt (Deutsch bzw. Englisch). Moderationen und Filmgespräche werden in Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) übersetzt. Für die Teilnahme an Workshops stellt dotdotdot auf Anfrage auch Kommunikationsassistenz in ÖGS zur Verfügung.

Was kostet es, sich über Barrieren hinwegzusetzen? Was kostet Rückgrat? Was ist der Wert, den Weg in ein bewegtes Leben zu finden? Sehen Sie, nur zum Beispiel, Lloyd Newsons Tanzstück The Cost of Living (2004) und überzeugen Sie sich selbst.