Rechnen, glauben und fühlen gehen schlecht zusammen.
Dieser Mann, so suggeriert es der Originaltitel, kannte die Unendlichkeit. Aber welche? Die Unendlichkeit der Welt, des Schmerzes, der Liebe, der Hölle? Nein, die Unendlichkeit der Zahlen, und gerade die Zahl „unendlich“ war für ihn – einmal drückt er es wörtlich so aus – göttlich. Und weil er tiefreligiös war, glaubte er also die Unendlichkeit zu kennen. Die Gleichsetzung von Gott mit einer unvorstellbar großen Zahl bringt nun das poetische Problem dieses Films auf den Punkt, die Quadratur des Kreises wäre ja quasi ein Klacks dagegen. So mag es zwar stimmen, dass The Man Who Knew Infinity in mathematischer Hinsicht einer der besten Spielfilme aller Zeiten ist (so meint es angeblich die London Mathematical Society, der Rezensent kann es nicht beurteilen), aber unter dem Strich trägt er auch Züge einer Schmonzette.
Den Mann gab es wirklich, er hieß Srinavasa Ramanujan, in bescheidenen Verhältnissen lebte er jung verheiratet im kolonialen Südindien. Trotz mathematischer Hochbegabung muss er als buchhalterischer Assistent arbeiten, denn er ist autodidakt und hat keinen Universitätsabschluss. Doch ein kleiner Mentor führt zu einem größeren Mentor führt zum größtmöglichen Mentor, ins altehrwürdige Trinity College von Cambridge, wo der Dozent Godfrey Harold Hardy – im Gegensatz zu seinem ersten Vornamen und zu Ramanujan völlig gottabgewandt – sich dem präzisen Nachweis mathematischer Theorien hingibt und den Mund kaum noch zukriegt, als er Post mit Notizen Ramanujans erhält.
The Man Who Knew Infinity erzählt, basierend auf einer Biografie von Robert Kanigel, die faszinierende Geschichte der Begegnung dieser beiden ungleichen Männer am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Der eine ein ernster vegetarischer Hindu, der am liebsten barfuß läuft und auf seine Intuition vertraut; der andere ein trockenhumoriger, kühler Wissenschafter, der auf hieb- und stichfeste Beweise besteht, damit das junge Genie von den etablierten, arroganten Kollegen auch anerkannt wird.
1 und 1 ist hier natürlich nicht nur 2. Wie sich aus der gemeinsamen Liebe zu den Zahlen trotz aller kulturellen Unterschiede allmählich eine Freundschaft entwickelt, vermag das Team um Matthew Brown zwar respektabel zu vermitteln, aber insgesamt zu rührig, ideenarm und konventionell. Die Rechnung wäre entschieden besser aufgegangen, hätte Brown nicht ganz so fest in die Tasten der Emotionsklaviatur gegriffen und sich stattdessen mehr auf seine souveränen Hauptdarsteller Dev Patel und Jeremy Irons verlassen.
